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Auf anderen Wegen zum Ararat

Eine Wander- und Bergreise im Hochland von Ost-Anatolien auf den Spuren der Arche Noahs
15.08. – 28.08.2005

Bericht von Olaf Schau

Endlich ist November, die Tage kürzer und die Abende beginnen eher, so dass ich mich nicht mehr so lange draußen herumtreiben kann. Endlich nehme ich mir die Zeit und vor allem Muse einige Reiseerlebnisse hier festzuhalten, welche sonst irgendwann beginnen langsam zu verblassen. Jetzt geht es los:

Unsere Gruppe besteht durchweg aus BergsteigerInnen und landläufig Bergverrückten, welche sich alle zum Ziel gesetzt haben, den Mitteleuropa am nächsten liegenden 5000er anzugehen.
Auf der Fluganreise legen wir sozusagen einen Zwangsstopp in Istanbul ein, da die Anschlussmaschine nach Van nur morgens fliegt und wir erst nachmittags einschweben. Es ist Mitte August, schwülwarm mit über 35 Grad Celsius. Die Metropole zu beiden Seiten des Bosporus erkunden wir am frühen Abend im Stadtteil Sultanahmet. Über die Aya Sophia, Blaue Moschee, Hippodrom und den gedeckten Basar gelangen wir hinunter bis zum Goldenen Horn. Gegrillter Fisch im Weißbrot wird direkt von einem schwankenden Boot verkauft. Die Nacht legt sich über die Stadt. Vor den meistens Restaurants stehen die Tische auf den Gassen und sind gut besetzt. Erst spät in der Nacht legt sich etwas Ruhe über das quirlige Leben.
Eine Moschee liegt direkt gegenüber unseres kleinen Hotels und auch die Blaue Moschee ist auf Rufweite und so weckt uns der Muezzin schon wieder sehr zeitig aus der kurzen Nacht (vermutlich läuft das Gebet vom Band).
Der Weiterflug geht fast einmal längs über die Türkei. Schon zwei Stunden später schweben wir übers ostantolische Hochland und den Van Gölü, den größten See der Türkei, in Van ein. Bei gleißendem Sonnenlicht und schon auf 1737 m. ü. M. verlassen wir die Maschine der Türkisch Airlines. Unser Bergführer Kemal begrüßt uns am Flughafen und wird uns die nächsten zwei Wochen durch seine Heimat und auf drei Berge begleiten. Er, der schon als 10jähriger in Begleitung seines älteren Bruders erstmals auf dem Gipfel des Ararat stand und mittlerweile schon fast 150-mal oben war.
Wir besichtigen die Reste der verfallenen Festung „Van Kalesi“, welche auf einem Kalkfelsen zwischen dem See und der Stadt Van liegt. Im Expeditionsbus, welcher mit der kompletten Campingausrüstung beladen ist, erreichen wir nach 1 Stunde Fahrt die Fähre zur Insel Akdamar. Auf der Insel befindet sich eine armenische Kirche aus dem 10. Jahrhundert. Sie besitzt an den Außenwänden einige sehr sehenswerte und gut erhaltene Reliefs, die viele bekannte biblische Geschichten darstellen, wie z.B. Adam und Eva, Jonas und der Wal oder David gegen Goliath. Leider wird gerade in diesem Sommer die Kirche restauriert, so dass eine Besichtigung nur über den Bauzaun möglich ist. Zur Erfrischung baden wir im seidenweichen Wasser des Van Sees, welches stark alkalisch ist und reich an Soda und anderen Salzen, da der einstige Abfluss des Sees durch einen Ausbruch des Vulkan Nemrut Dağı (am Westufer) vor etwa 100 000 Jahren versperrt wurde. Der See hat eine Fläche von 3.740 km⊃2;, ist 120 Kilometer lang, 80 Kilometer breit und 457 Meter tief. Nach einem reichlichem Abendpicknick auf der Insel tuckern wir mit dem kleinen Boot zurück auf´s Festland.


Der Krater des Nemrut Dagi


Keine 24 Stunden später sind wir mitten im Krater des Nemrut Dagi angelangt, wo eine Piste hineinführt. In der Caldera mit 7 Kilometer Durchmesser befinden sich 4 Seen (der längste misst 5 km).


Camp im Krater Nemrut Dagi am Thermalsee


Ein kleinerer See wird von Thermalquellen auf ziemlich angenehme Badetemperaturen gebracht. Gleich in der Nähe schlagen wir am Abend unsere Zelte auf. Bis auf den Gipfel des Nemrut Dagi sind knapp 700 Höhenmeter zu überwinden, wobei der anstrengendste Teil der sandige, steile Pfad durch niedrige Espen und Gebüsch sind. Vom Kraterrand eröffnet sich ein malerischer Blick ins Innere auf die Seen und einige kleinere Sekundärkrater und auf den im Osten im Dunst liegenden Vansee. Am dahinter liegenden Gipfel stehen wir auf 2935 m. Unser nächstes Ziel, die noch von einigen Schneefeldern bedeckte Pyramide des Süphan Dagi, ragt im Osten schon aus dem Dunst. Wieder auf dem Kraterboden, sitzen wir am improvisierten Tisch zum ausgedehnten Abendbrot, bis sich ein klarer Sternenhimmel über uns spannt.


Besonderen Pflanzen auf der Spur...


Am nächsten Tag besichtigen wir unter brennender Sonne den seldschukischen Friedhof bei Ahlat, welcher im 11. Jahrhundert angelegt wurde. Die Grabsteine sind einmalig mit Ornamenten verziert. Nach einem Stopp in Adilcevaz verlassen wir mit ausreichend Wasser und einem großen Stapel frischem Fladenbrot „Nan“ die Stadt und fahren bald auf einer steilen Piste bis auf 2500 m, wo wir unser Camp für den Gipfelaufstieg einrichten. Am Berg leben sogar einige Schildkröten. Wir verbringen den Nachmittag mit Wanderungen oder ruhen uns im Schatten aus. Vom Wasser der Melone bleibt kein einziger Tropfen übrig, sondern wird von der großen Schale getrunken.


Sonnenaufgang am Süphan Dagi auf ca. 3000 m


Aufstieg zum Süphan Dagi, ca. 3200 m im Hintergrund der Van See


Süphan Dagi - Im Sonnenschein dem Gipfel entgegen


Aufstieg im unteren Teil am Süphan Dagi ca. 3300 m


Süphan Dagi - Schneefeld unterm Gipfel ca. 3800 m


Rutschige Geröllfelder am Süphan Dagi


Unsere Gipfelpyramide auf dem Süphan Dagi 4058 m


Wir starten im Licht der Stirnlampen um 4 Uhr zum Gipfel. Das Gelände ist kaum steil und wir gelangen doch recht zügig bis auf den Krater, welcher ein Plateau bildet auf dem der West- und unser Ziel, der Ostgipfel steht. Nach einem kleinen Schneefeld beginnt ein steiles Blockgeröllfeld, über welches wir dann teilweise mit „Allradantrieb“, die Hände zur Hilfe nehmend bis zum Gipfel kraxeln, welcher erst auf den letzten 50 Höhenmetern des Aufstieges zu sehen ist. Nach über 6 Stunden haben wir dann alle den felsigen Gipfelgrat erreicht. Einige waren eben am Gipfel noch lange nicht ausgepowert, so dass wir kurzzeitig auf der höchsten türkischen Baustelle auf 4058 m arbeiteten. Nun trägt er auch eine große Steinpyramide. Von hier sollte eigentlich auch schon der Ararat zu sehen sein, doch der Dunst verhindert eine Fernsicht. Was macht´s schon, wenn wir heute Abend sowieso am Fuß des biblischen Berges eintreffen werden. Doch bei aller Euphorie müssen wir erst hier wieder runter und das geht dann teils rutschend und stolpernd auf einem anderen Weg über viel losen Schotter und Geröll doch fast leichter und schneller als gedacht. Nun haben wir noch eine Fahrt von ca. 220 km nach Dogubayazit vor uns. Zwischendurch stoppen wir an einem Wasserfall in einem saftig grünen Tal, ein Schmeckerchen für die Augen in dem sonst eher kargen und trockenen ostanatolischem Hochland. Wenig weiter nördlich ein Gegenstück dazu: Der Vulkan Tendürek Dagi hat bei seinem letzten Ausbruch eine surreale Landschaft mit bizarren Lavafeldern, wie von einem anderen Planeten, hinterlassen. Im Gegenlicht der schon untergegangen Sonne glaubt man allerlei Fantasiewesen zu sehen. Kurz nach dem Straßenpass „Tendürek Gecidi“ sehen wir dann hoch aufstrebend den schneebedeckten schlanken Gipfel des Ararat! Obwohl es schon ziemlich dunkel ist, können wir uns kaum vom Anblick losreisen. Der Berg beherrscht das Landschaftsbild im Grenzland zu Armenien und dem Iran und prägte die Menschen an seinen Hängen. Ararat bedeutet auf kurdisch nichts anderes als Feuerberg. Der letzte Ausbruch von 1840 war 11 Jahre nach der Erstbesteigung durch den estnischen Arzt und Physikprofessor Friedrich Parrot. Obwohl der Gipfel unter einer dicken Eis- und Firnkappe liegt, gilt er als noch nicht erloschen.
Wir fahren durch die noch geschäftigen Straßen von Dogubayazit zum Hotel. Plötzlich gehen alle Lichter aus und wir stehen mit unserem Gepäck im Finstern. Zum Glück sind die Stirnlampen noch griffbereit im kleinen Rucksack. Es wird nicht lange dauern, versichert man uns. So gönnen wir uns die erste Runde „Efes“ Gipfelbier in der Lobby bei Kerzenschein. Bald gehen alle Lampen wirklich wieder an, die Kerzen werden gelöscht und wir wollen zur verdienten Dusche auf das Zimmer. Doch Allah oder wer auch immer den nächsten Stromausfall herauf beschwor, möchte uns zu einer weiteren Runde „Efes“ gut gekühlt in der Lobby behalten. So soll es denn sein. Verständnis und Gelassenheit für solche Situationen sollte man hier einfach mitbringen. Wir sind schon tief in Asien und Europa ist einfach mal kurz vor der iranischen Grenze verdammt weit entfernt.


Das Grab der Arche Noah


Jeder kann denken und glauben was er davon will, doch haben hauptsächliche amerikanische Archäologen und Arche Noah Forscher (welche ein Wortspiel) wirklich die vermeintliche Arche an einem Berghang gegenüber des Ararat gefunden. Der lang gezogene Lehm- und Steinhügel hat wirklich verblüffende Ähnlichkeit mit einem Schiffsrumpf. Im kleinen „Noahs Ark Visitor Centre“ können wir uns über weitere verblüffende Entdeckungen und Rückschlüsse kundig machen. Jetzt sind wir zumindest etwas in die aktuelle Arche - Geschichte eingeweiht und gehen kenntnisreich an den biblischen Berg. Auch weiß Kemal noch die eine oder andere faszinierende Geschichte von Arche-Suchern am Berg zu berichten, während wir zur Erholung vor dem Aufstieg zu heißen Quellen am noch jungen Euphrat fahren. Das teils kochend aus der Erde hervorsprudelnde Wasser hat Sinterschlote und eine Art Gardinen geschaffen. In Badehäusern kann sich jeder der möchte im schwefeligen Wasser bei ca. 45° Celsius aalen. Eher eine „Zumutung“ bei 30° Außentemperatur, doch nach der Eingewöhnung genießen wir es und kehren schlapp und müde nach Dogubayazit zurück. Und morgen wollen wir an den Ararat!


Startvorbereitungen zum Aufstieg


Abendessen unterm freien Himmel am Ararat Lager 1


Am ersten Tag am biblischen Berg steigen wir locker und langsam in 4 Stunden über mit Steinen übersäte Bergwiesen zum Lager 1 (3200 m) auf einer Wiese auf. Es ist noch früher Nachmittag und nachdem alle Zelte stehen, bleibt nach einem kleinen Imbiss viel Zeit zum Ausruhen oder herumstreifen. Kemal führt uns am folgenden Tag über einen weniger begangenen Weg hinauf zum Lager 2 fast genau 1000 Meter höher gelegen. Der Gipfel des Ararat versteckt sich in Wolken und Nebel, während weiter unten strahlender Sonnenschein ist. Wir fühlen uns alle gut und hoffen einfach, dass wir in zwei Tagen vielleicht bei besserem Wetter zum Gipfel gehen können. Mit den Gipfelstürmern von heute (-10° oben, Wolken und keine Sicht) steigen wir wieder zurück zu unseren Zelten.


Aufstieg zum Lager 2 am Ararat


Ararat Lager 2 mit dem Gipfel


Pferde und Maultiere nehmen wieder das meiste des Gepäcks auf dem Weg zum Lager 2, welches wir nach 4,5 Stunden erreichen. Der Vortrupp hat schon ein paar ebene Plätze zwischen dem Geröll freigehalten, wo wir unsere Zelte im Wind gut verankern. Der kleine Ararat (3896 m) ragt mit seinem gleichmäßigen Kegel hinter der Flanke seines großen Bruders hervor. Gegen Abend klart es immer mehr auf und die Vorfreude auf den morgigen Tag steigt, als die Sonne vorm Untergehen die Eis- und Firnkappe des Ararat zum Leuchten bringt. Zum Greifen nah und doch noch fast 1 km über uns. Fröstelnd schauen wir zum Gipfel und verfolgen mit den Augen den sichtbaren Teil des Aufstieges. Warm eingepackt sitzen wir wie immer beim schmackhaften Abendessen, doch lässt unser Appetit zu wünschen übrig und wir verschwinden nach einigen Tassen Tee nach und nach in den Schlafsäcken und versuchen zu schlafen. Die Zeltplane flattert die ganze Nacht im Wind.
Endlich piept um 3 Uhr mein Wecker. Gipfeltag! Ich rüttele an den anderen Zelten und hoffe, dass die anderen auch froh sind, dass es endlich losgeht. Die Flaschen mit dem heißen Tee verschwinden im Rucksack und wir frühstücken unterm Sternenhimmel. Es wird sicher ein großartiger Tag, wenn auch anstrengend, aber das weiß jeder eigentlich vorher, nur haben die meisten Gipfelstürmer die Quälerei vom letzten Mal meist schon wieder vergessen. Jetzt endlich los. Langsam und gleichmäßig steigen wir auf dem Pfad über die Geröllfelder auf. Wir sind fast allein zum begehrten Gipfel unterwegs. Dann der Sonnenaufgang. Auf den Wolken unter uns ist der riesige Schatten der Gipfelpyramide abgebildet. Wir sind noch irgendwo am Rand des Schattens, natürlich nicht zu sehen, wie Ameisen am Berg. Die schnellen krabbeln schon etwas weiter oben, aber alle werden bis auf die Spitze kommen.


Die letzten Schritte zum Gipfel des Ararat


Die ganze Gruppe auf dem Gipfel des Ararat 5167 m


Übers leicht steigende Gipfelplateau gehen wir ab ca. 5000 m mit Steigeisen über den Firn. Im strahlenden Sonnenschein freuen wir uns auf dem runden Gipfelgrat (5167 m) über unseren gemeinsamen Erfolg. Die Aussicht geht bis nach Armenien und in den Iran und im Südwesten über dem Wolkenband ist gut der Süphan Dagi zu erkennen. Der Tiefblick reicht über die gesamte Aufstiegsroute bis nach Dogubayazit, welches über 3000 Meter tiefer liegt! Es ist richtig warm in der Sonne und fast windstill, so dass uns Kemal fast vom Gipfel vertreiben muss. Wir wollen jetzt noch nicht an den Abstieg denken, ahnend dass er auf jeden Fall noch unsere Kondition beanspruchen wird. Selbstredend ist ein Berg natürlich erst bestiegen, wenn alle wieder heil im Tal sind.


Blick zum Ararat von Kemals Haus


Nach der vollendeten Besteigung sind wir bei Kemals Familie eingeladen. Eine Ziege wird vor unseren Augen geschlachtet und zwei Stunden später gibt es ein Festmahl. Dann freuen wir uns nach fünf Tagen am Berg endlich wieder mal Duschen zu können. Die Gipfelbierrunde am Abend lässt sich dann auch Kemal nicht entgehen; obwohl Moslem, lässt er sich ein Bier schmecken, wenn sein älterer Bruder mal nicht hinsieht…
Ein Ausflug zum Fischsee und zur märchenhaften Palastanlage des Ischak Pascha Serai über Dogubayazit beschließt die intensive Reise in Ostanatolien. Im Rückflug von Van erkennen wir unter uns die Insel Akdamar und den Krater des Nemrut Dagi. Da haben wir unsere unsichtbaren Spuren hinterlassen und die Erinnerungen werden lange in uns bleiben.

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