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Mit Jesus ganz nach oben: „Andalusien – Kultur, Gebirge und Weiße Dörfer“ im September 2016
– Ein Reisebericht von Kathleen Kühmel

Fotos: schulz aktiv reisen

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35° Celsius im Schatten. Meine Zehen fangen an, vor Kälte zu schmerzen. Vorsichtig richte ich mich auf. Die Steine im Wasser sind glitschig. Ich klettere auf einen großen Felsen und lasse mich von der Sonne trocknen.


Diese Reise in Südspanien verläuft ganz nach meinem Geschmack. Jeden Tag draußen sein. Schöne warme Luft wird von Afrika herüber geweht. Eigentlich ist es viel zu heiß für diese Jahreszeit. Die Spanier stöhnen. Ich dagegen genieße es. Als Hamburgerin kann ich einfach nicht genug Sonne und Wärme bekommen.
Ich höre das Rauschen der Blätter, Vögel zwitschern. Etwas weiter oben am Bach unterhalten sich leise zwei weitere Nixen. Kein Verkehrslärm. Die Wanderung begann heute früh mit einem Besuch des Cortijos(1) von José. Auch bei ihm kein Verkehrslärm, das Gehöft ist nur zu Fuß oder zu Pferd erreichbar. Sehr beeindruckend. Leider war er nicht zu Hause. Deshalb weiß ich nicht, ob er genauso fröhlich aussieht wie seine zwei rosa Schweine, die frei herumtollten, quiekten und sich im Schlamm unterm Rasensprenger suhlten.


Foto: Kathleen Kühmel  

Nachdem der letzte Wassertropfen von meiner Haut verschwunden ist, schlüpfe ich in meine Sachen und schnüre die Wanderschuhe wieder fest. Bei den anderen steht mein Rucksack mit einem Bocadillo vegetal „sorpresa“(2). Dank unserer Reiseleiterin Anne wussten wir, dass es auf der heutigen Tour keine Einkehrmöglichkeit gibt und ließen uns deshalb Brote schmieren. Das unterarmlange, knusprige Baguette ist dick belegt mit Salat, Gurke, Tomate, Zwiebeln, Paprika und Avocado. Es schaut so lecker aus, dass sich am folgenden Tag sogar einige Fleischesser diese Variante bestellen.


Nach ausgiebiger Rast wandern wir weiter. Berg auf, Berg ab. Mal streifen Blätter mein Gesicht, mal hinterlassen Brombeersträucher Kratzspuren auf meinen Oberarmen. Ab und zu durchqueren wir ein Rinnsal. Anne weist uns auf interessante Pflanzen und Gewächse hin. Mein Favorit: reife, saftige Maulbeerfrüchte. Ich genieße die Abwechslung. So könnte ich stundenlang durch die Welt gehen. Das macht viel mehr Freude, als in der eintönigen, pflanzenarmen Hochgebirgswelt einen Gipfel zu besteigen. Mulhacén. So heißt der höchste Berg der iberischen Halbinsel. Diesen haben wir vor ein paar Tagen gemeinsam mit Anne und einem zweiten, Führer namens Jesús erklommen. Der Himmel strahlte im feinsten Postkartenblau. Schritt für Schritt ging es bergan. Schön langsam. Vor mir, neben mir, hinter mir: Steine. Drei Stunden lang bergauf gehen und die Waden der Vorderfrau betrachten. „Was mache ich hier eigentlich?!“
Doch dann, auf 3482 Metern angekommen, war die Mühsal schnell vergessen. Ein grandioser Ausblick. Auf dem Gipfel steht eine kleine Kapelle der Virgen de las Nieves(3). Die Jungfrau ist vor lauter bunten Tüchern, Kettchen und anderen Erinnerungsstücken oder Glücksbringern kaum zu sehen. Ich hoffe, dass die Wünsche, die wir dort hinterlassen haben, für alle in Erfüllung gehen.



Heute sind wir unterhalb der Waldgrenze unterwegs. Manchmal ist der Weg breit genug, dass wir miteinander ins Gespräch kommen. Ich erfahre Interessantes aus der Welt vom WDR. Lausche medizinischen Fachgesprächen über Weichteilchirugie und Anästhesie.


Angekommen in Trevélez. Ich kneife die Augen zusammen, denn die dicken, weißen Mauern reflektieren die Sonnenstrahlen. Anne versorgt uns mit den wichtigsten Informationen: „Da lang geht es zum Pool. Dort zum Supermarkt. Da ist auch der Bäcker. Jetzt ist aber Siesta. Macht alles 17:00 Uhr wieder auf. Wir treffen uns 21:00 Uhr zum Abendessen.“ Gutes Zuhören zahlt sich hier besonders aus. Denn jeder Umweg bedeutet zusätzliche Höhenmeter in diesem Bergdorf.



In meinem Zimmer ziehe ich die Wanderstiefel und Socken aus. Es staubt. Ich genieße die Kühle des Fliesenbodens unter meinen nackten Füßen. Verdöse ein bisschen die Zeit. Endlich 17:00 Uhr. Den Supermarkt mit Wasserflaschen brauche ich nicht, denn hier in den Bergen gibt es überall Quellen mit gutem Wasser. Aber den Bäcker muss ich unbedingt besuchen. Dann geht es mit Bikini und Bollerías (4) zum Pool. Eigentlich bin ich gar kein großer Fan von Swimmingpools, aber vielleicht ist es in der Hitze eine angenehme Sache. Ein kurzer Moment der Überwindung. „Aaahh.“ Angenehm erfrischend. Vom Pool aus sehe ich Berge, Felder, Wege und endlose Weite. Bin ganz im Hier und Jetzt. Ein breites Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit. Wie so oft auf dieser Reise. Ich genieße. Bin glücklich und dankbar.


Die Natur und die Ruhe sind wohltuend, aber etwas vermisse ich doch: Musik. Zurück im Zimmer aktiviere ich bei meinem Telefon WIFI und tanze und singe dank Youtube zu Liedern von INXS und Udo Lindenberg. Fast verpasse ich das Abendessen. Ich eile zum „La Fragua“. Unten ist es eine Kneipe mit rustikalen Möbeln, alten Arbeitsgeräten an den Wänden und Schinkenkeulen, die von der Decke hängen. Oben im Restaurant essen wir. Wäre es noch hell, könnte man auch beim Essen Berge und endlose Weite sehen. Anne versorgt uns alle: „Wer möchte Clara?(5) Wer Tinto de verano?(6)“
Wir lassen den Tag gemeinsam Revue passieren, tauschen Tipps gegen Blasen an den Füßen und erzählen von unserem anderen Leben zu Hause.
Das Gazpacho(7) als Vorspeise ist ein Gedicht. Die gefüllten Auberginen als Hauptgericht vorzüglich. Und die Mandelcreme mit Feigenmarmelade als Nachtisch einfach der Hammer. Fast alle greifen danach dankbar zu einem Chupito de la casa(8).


Später denke ich an unseren Flamenco-Abend. Typisch für diese Musik ist der stetige Wechsel zwischen 3/4 und 6/8 Takt. Ich stelle mir vor, wie ich auf der Cajon(9) sitze und mit den Händen diesen Rhythmus auf der Kiste spiele. Ein Mann tanzt vor mir und gibt den Takt an. Seine Schuhsohlen knallen rhythmisch auf das Parkett. Rinnsale von Schweiß rollen an seinen Schläfen herab. Sein halblanges, schwarzes Haar ist nass. Er zieht sein Sakko aus. Kleine Speckröllchen über der Hüfte sind zu sehen. Ich finde es niedlich. Gordito(10). Er tanzt immer schneller. Meine Hände können dem Takt kaum noch folgen. Seine Leidenschaft ist nicht zu bremsen. Ich bekomme Panik. Wache auf. Gehe zur Toilette. Wickle mich wieder in das als Decke dienende Laken und freue mich auf den nächsten Tag in Andalusien mit Anne und den Anderen.


(1) Bauernhof
(2) Vegetarisches Sandwich „Überraschung“
(3) Die Jungfrau vom Schnee
(4) Süße Teilchen
(5) Radler aus Bier
(6) Radler aus Rotwein, nur in Trevélez mit einem Schuss Wermut!
(7) Suppe aus ungekochtem Gemüse
(8) Kleiner Schnaps
(9) Schlaginstrument in Form einer Kiste


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