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Vätternrundan 2008
Ein Reisebericht von Eberhard Krengel

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Wir schreiben den 12. Juni 2008, es ist kurz vor halb elf und wir befinden uns in der südschwedischen Provinz Östergötland, 100 km südlich des Vätternsees. Und der ist 2.500 km² groß; der zweitgrößte See in Schweden. Und um den geht es – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Hier findet nämlich alljährlich zur Mittsommerzeit eine der weltgrößten Sportveranstaltung statt – die Umrundung dieses Sees.

Natürlich nicht zu Fuß – das dauert einfach zu lange …
Per Badehose(im Wasser) – das ist selbst für hartgesottene Wikinger bei 14°C einfach zu frisch …
Mit dem Auto? Das kann ja jeder und ist einfach nur langweilig!
Mit Skirollern?
Oder Inlinern? Da ist vermutlich noch keiner drauf gekommen…
(Und mit dem Flugzeug ist es bei diesen Spritpreisen viel zu teuer.)
Daher bleibt wohl nur?

Genau!
Das Fahrrad! (Auf Schwedisch: „cykel“)

Und es geht bereits morgen Abend los. Um 20 Uhr startet die erste 70-Mann-Gruppe und so geht´s alle 90 Sekunden Schlag auf Schlag bis 5 Uhr früh.
Ach so, ja, die Gesamtlänge beträgt übrigens 30 Meilen – allerdings handelt es sich hierbei nicht um englische (1,6 km), sondern um schwedische, und die sind 10 km lang!!! Also schlappe 300 km sind zu absolvieren, und zwar ohne fremde Hilfe … Na ja, natürlich nicht ganz ohne Hilfe – denn 9 Verpflegungsstationen sorgen für den notwendigen Kalorien-Nachschub.

Es ist wechselhaftes Wetter mit recht kühlen Temperaturen(nachts 7 °C, am Tage bis 13 °C) vorausgesagt, dazu Regenschauer und auffrischender Südwestwind. Und es kommt tatsächlich so: Nach einem kleinen Lauf-Auftakt (7 km mit 150 Höhenmetern) und anschließenden 15 Minuten Schwimmen im See ist erst einmal gründliches Schaufeln zwecks Kalorien-Bunkerung angesagt.

Es ist 22.30 Uhr und es schüttet wie aus Eimern, das Thermometer zeigt 11°C. Lange Gesichter.
22.50 Uhr – der Regen lässt nach
22.55 Uhr – schnell zur Beleuchtungskontrolle – alles i. O.
23.00 Uhr – mit dem Ruf „lycka till“ – viel Glück – geht´s auf die Reise.

Die ersten 2 Kilometer mit Polizei und schön langsam durch die Stadt, dann war das Tempo freigegeben und binnen kurzem waren wir nur noch zu dritt und die nächsten 298 km auf der Überholspur.

Die Anzugsordnungen waren übrigens durchaus abenteuerlich zu nennen: Von fallschirmähnlichen Regenjacken, weiten Regenhosen, umgestülpten Müllsäcken und einem ungeheuer kleidsamen weißen Regen(?)-Einteiler in der Form eines Riesenkondoms war alles dabei. Man konnte aber auch so richtig knüppelharte Typen in „kurz“ (!!!) bewundern – gelobt sei, was hart macht! Mittlerweile hatten sich die Wolken verzogen, der Mond schien und durch das schwache Tages-Restlicht wurde das Ganze irgendwie unwirklich. Vor uns zog eine endlose Kette tausender Rücklichter wie rote Glühwürmchen ihre Bahn, denn Beleuchtung war (sinnvollerweise) Pflicht.


Foto: Micke Fransson 

Nach etwa einer Stunde kam dann ein recht flotter „Zug“ an uns vorbei gerauscht und wer konnte (oder wollte) sprang auf. Ich wollte.

Waren anfangs die Straßen noch mit Pfützen übersät, so wurde es mit jedem Kilometer Richtung Südspitze des Sees immer trockener, aber auch deutlich kälter – die versprochenen 7°C hatten wir bereits erreicht. Unmittelbar vor mir fuhr ein wahrer schwedischer Recke: Oberschenkel wie Baumstämme, dazu kurze Hose und kurzes Flatter-T-Shirt. Und als der in Führung ging, war´s mit der Gemütlichkeit vorbei. Der Gute kannte offenbar nur „Kette rechts“ und so fuhren wir bei Gegenwind (!) zwischen 35 und 40 km/h. Vermutlich war ihm aber einfach nur kalt oder er hatte Hunger ...
In dieser halben Stunde passierten wir übrigens den einzigen komplett flachen Streckenabschnitt. Der Recke hatte offensichtlich keinen Hunger, denn an der ersten Verpflegung nach 43 km fuhren wir einfach vorbei. Allmählich wurde es etwas welliger, aber nie steiler als 10 %. Ab km 50 ging es pausenlos hoch und ´runter, die Straßen waren hervorragend, dazu extrem wenig Verkehr – so macht Radfahren Spaß!

Nach 109 km die erste warme Mahlzeit: Würstchen oder Haferbrei. Dazu noch:
- Wasser
- Isogetränke
- Saft
- Kaffee
- Kuchenbrötchen
- Saure Gurken
- Bananen
- Blaubeersuppe (lecker!)

Dass so viel Flüssigkeit naturgemäß doch ziemlich auf die Blase drücken kann, haben viele recht eindrucksvoll demonstriert: Da die wenigen Dixi-Klo´s bei weitem nicht ausreichten, wurde nämlich hemmungslos in die Gegend gestrullt!

Man konnte übrigens an jeder Verpflegungsstation überflüssige Klamotten abgeben, denn mittlerweile (4 Uhr) war die Sonne herausgekommen und es wurde doch etwas wärmer. Zur Halbzeit am Kilometer 152 hatte ich bereits einen 30er Schnitt – nicht übel. Vor allem, wenn bedenkt, dass ich seit über 40 km alleine fuhr und auch weiterhin permanent auf der Überholspur war!

Offensichtlich waren einige doch schon arg angeschlagen, lagen bereits schlafend am Straßenrand oder schlingerten leicht orientierungslos die Strecke entlang. Viele waren aber auch schon länger unterwegs (1. Start war 20 Uhr) und vermutlich auch entsprechend müder ...

Zwischenzeitlich hatte sich doch tatsächlich mal wieder eine Gruppe zusammengefunden, aber der auffrischende Kantenwind zerbröselte diese meist recht schnell. Vermutlich lag es aber auch an der Fahrweise der meisten: Der gemeine Schwede kennt offensichtlich auch bergauf tatsächlich nur „Kette rechts“, das kleine Blatt schien vielen völlig unbekannt zu sein. Auch eine richtige Zweier-Reihe kam nie zustande – merkwürdig …
Dafür konnte manches interessante Material bewundern: Uralt-Rennräder, Trekkingräder und die normale Stadtgurke waren reichlich vertreten. Das Beste war aber ein komplett verrostetes Rad ohne Gangschaltung – Teilnahme ist hier eben doch alles … Aber auch Liegeräder, Handbikes und Tandems waren unterwegs.


Foto: Micke Fransson 

Je höher die Sonne stieg, desto stärker wurde der Wind. Die letzten 100 km gab es z. T. heftigen Gegen- und Kantenwind. Dazu wurde es ab km 250 richtig hüglig und auf den letzten 40 km frischte der Gegenwind noch mal böig auf. Ein Glück, dass ich mir das Activize bis zum Schluss aufgehoben hatte! So konnte ich dann die letzte Verpflegung auslassen und war tatsächlich noch unter 10 Stunden im Ziel.

Starter: 15.000
Gruppen zu je 70 Startern alle 90 Sekunden
Streckenlänge: 304 km
Höhenmeter: 1.264
Zeit: 9:52:43 h (netto), 11.15 h (brutto)
Durchschnitt: 30,8 km/h
Temperaturen: 7 – 13 °C
Wind: Südwest bis Stärke 5

Fazit: Sehr empfehlenswert!
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