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Jakutien - Nach Oimjakon, zum kältesten Ort der Welt!
Expedition in die unberührte Welt Jakutiens

Reisebericht von Thomas Billig
Bilder von Bernd Hentschel und Thomas Billig

Reisezeitraum: 09. bis 23. März 2015

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Dass ich keinen Urlaub mache im herkömmlichen Sinne wie Sonne, Strand und wilde Partys, ist in meinem privaten Umfeld kein Geheimnis mehr. Meine Reiseziele wurden in der Vergangenheit schon immer mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Mit einem Fischerboot den Amazonas hoch und runter, zu Fuß und mit Kamelen durch die Sahara in Algerien, den Yukon 750 km von Whitehorse nach Dawson City per Paddelboot: dies ist alles normal bei Thomas. Als ich zum Jahreswechsel bei Stollen und Weihnachtsliedern nach meinen Reiseplänen fürs kommende Jahr gefragt wurde, und wie immer ehrlich antwortete, blieb vielen die Spucke weg. Sie vermuteten ich hätte zu viel vom Glühwein gekostet oder an den Räucherkerzen geschnuppert. Wo will er hin, nach Ojmj…was, in Russland, wo? Wie heißt der Ort und was will er dort? Und überhaupt weshalb Kälte um die -50 °C? Sie sind froh, dass zu Weihnachten keine Minusgrade herrschen und sie im Dezember mit Sommerreifen durch den Thüringer Wald fahren können und fliegen im Winter an die Wärme. Ihre Meinung war einhellig: Jetzt dreht er völlig durch. Mitnichten! Meine Gedanken waren noch nie so klar, wie bei der Entscheidung diese Reise zu unternehmen. Richtig, ich mache keinen Urlaub, ich reise.

Nach einigen Mails und Telefonaten nach Dresden stand fest, dass ich diese Reise buchen würde. Das Aufregendste an der Reisevorbereitung war die Beantragung des Visums für Russland. Als dies erledigt war und der Pass mit dem Visum im Briefkasten lag, konnte das Abenteuer in die Kälte beginnen.


09. bis 12. März 2015

Alle Flüge von Berlin über Moskau nach Jakutsk verliefen ohne Verspätungen und so wurden Bernd, Helmut und Thomas kurz vor 6 Uhr Ortszeit bei -27 °C auf dem Flughafen von Jakutsk vom Reiseleiter Matthias Kunz mit der Info empfangen: Wir haben einen Wärmeeinbruch, es ist nur noch -20 °C. Dank der 8 Stunden Zeitverschiebung hatten wir jetzt schon den nächsten Morgen erreicht, obwohl die innere Uhr erst auf 21 Uhr vom Vortag war. Da unsere LKW-Tour wegen Hochwasser nicht in Moma sondern in Ust-Nera beginnen sollte, hatten wir einen zusätzlichen Tag in Jakutsk zur Verfügung. Nachdem wir im Hotel angekommen waren und die warmen Sachen ausgepackt hatten, wurde uns bei einem Begrüßungs-Frühstück die anstehende Tour mit den kleinen Veränderungen, bedingt durch das Hochwasser, von Matthias erklärt. Praktisch für uns war, dass gegenüber dem Hotel die Verwaltung der Binnenschiffahrt ihren Sitz hatte. Auf dem Gebäude war eine riesige Temperaturanzeige mit großer Leuchtschrift angebracht worden, damit jeder Seemann wusste, ob sein Schiff noch eingefroren war oder nicht und wir wussten, ob eine oder zwei Unterhosen notwendig waren. Am ersten Morgen waren zwei nötig.
Um 7.30 Uhr hatten wir -25 ºC!

Da ich bisher noch keinen einzigen Rubel in der Tasche hatte und Briefmarken für die Gruppe benötigt wurden, zogen Matthias und ich am Nachmittag mal schnell los um diese zwei Dinge zu organisieren. Schnell, ist gut gesagt. An diesem Nachmittag fühlte ich mich in die Zeit der DDR zurückversetzt. Haben wir nicht, machen wir nicht, bekommen wir vor Freitag nicht rein!
Das Postamt lag praktisch vor der Tür mit einer sehr modernen Schalterhalle, gepolsterten Sitzmöglichkeiten, Computer fürs Nummernziehen, große LED Bildschirme. Es gab zwar viele Schalter, aber jeder war spezialisiert: Telegramm aufgeben, Paket abholen oder nur Briefmarken kaufen. Wir hatten die Nr. 371, lange schon waren wir die Bummelletzten, aktuell zog die 420 an uns vorbei. Nur gut, dass wir es uns in den Polstermöbeln bequem machen konnten. Langsam wurde mir heiß. Zwei Paar Unterhosen, eine dicke Überhose, warme Socken und dann noch die Arktisjacke! Bei minus 35 ºC das ideale Equipment, aber nicht bei +25 ºC. Irgendwann blinkte unsere Nr. auf, nun schnell an den Schalter, Briefmarken kaufen und raus. Denkste... „Marken für Deutschland? Da brauchen sie 30 Rb. Marken.“ – „Ja, bitte 30 Stück.“ – „Haben wir nicht.“ - Natascha sah ihre Pflicht erfüllt. An Matthias’ Stimme und seinem Wortschwall merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Außerdem kann ich immer noch trotz meiner verkümmerten Russischkenntnisse „da“ und „net“ unterscheiden und „net“, sowie die gelangweilte Mimik von Natascha zeigten mir ganz deutlich die Lustlosigkeit der Postangestellten. Aber nicht mit Matthias. Es war sehr interessant zu beobachten, wie langsam Bewegung in die Sache kam. Matthias ließ sich nicht abwimmeln, sondern fragte nach, wer die passenden Marken habe. Jetzt wurde Olga am Nachbarschalter einbezogen. Eigentlich war sie noch im Stress: Kundschaft war an ihrem Schalter. –„Ich habe nur 25 Rb. Marken.“- „Ja, und wer hat die restlichen 5 Rb. Marken?“- „Muss ich mal schauen.“ Ihre aktuelle Kundschaft zog von dannen. Wir rutschten einen Schalter rüber. Zum Glück behielt die alte Nummer ihre Gültigkeit! Olga zog mit einer Schere los. Doch noch jemand der praktisch denkt! So wurden überall, wo es 5 Rb. Marken gab, welche abgeschnippelt. Nach 45 Minuten und überhitzt, aber mit Briefmarken in der Tasche, verließen wir die Post. Jetzt nur noch schnell Geld tauschen. In der Bank war das Nummer-Ziehen wieder obligatorisch und in unserer Kabine bewegte sich auch etwas: Kundschaft und Bankangestellte waren am Geschäfte machen. Kundin raus, wir rein. Denkste... Vor uns schlenderten zwei Wachmänner ins Büro. Geld abholen. Ging ganz schnell. Aber unsere Nummer wollte auf dem Display einfach nicht erscheinen. Matthias fragte eine Bankangestellte. –„Ja, ja, es geht gleich weiter.“ Nach zwanzig Minuten bewegte sich etwas in unserem Schalterraum. Matthias öffnete die Tür, die Angestellte floh durch die andere Tür. Wir mussten die Strategie ändern! Matthias kannte in der Straße noch eine andere Bank. Er wollte nachschauen, ob es da schneller gehe und er bläute mir ein: „Du bleibst hier sitzen, lässt dich nicht abwimmeln oder wegscheuchen. Wenn die Nummer erscheint, gehst du rein. Mach dich irgendwie mit deinem Geld bemerkbar und tausche die gesamten 300 € um. Wenn du unterwegs wieder Geld brauchst, geht die ganze Tortur wieder von vorne los. Die Rubel bekommst du allemal los, nur dran kommen wird schwierig!“- „Ja, Papa.“ Nach 10 Minuten stand er wieder auf der Matte. Bei mir hatte sich nichts bewegt. Also ging es zur nächsten Bank. Ich konnte langsam nicht mehr. Seit 36 Stunden war ich auf den Beinen, langsam schwanden meine Kräfte und mir war heiß. Zwei Häuser weiter, rein in die gute Stube, keine Nummer ziehen, gleich rein in die Kabine. Geld war auch da, meins wurde auch akzeptiert. Nun brauchte sie meinen Pass. Irgendetwas verstand sie nicht, also rief sie an. Die Frau war ein Multitalent: Mit der linken Hand blätterte sie in meinem Pass, mit der rechten Schulter klemmte sie das Telefon ans Ohr, mit der rechten Hand schrieb sie etwas auf und fragte uns immer wieder etwas. –„Nein, in Berlstedt bin ich nicht geboren, da wohne ich. - Nein, in Erfurt ist der Pass nicht ausgestellt, dort wurde ich geboren.“ Jetzt wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. Der Pass sei seit 1968 abgelaufen. –„ Nein in diesem Jahr kam ich zur Welt! - Matthias, frage sie doch mal, warum ich 2018 geboren werde...?“ Sie legte das Telefon und den Stift zur Seite und nahm endlich den Pass mit beiden Händen und las alle Seiten in Ruhe durch. (Aha, Geburtsdatum, Ausstellungsdatum und Verfallsdatum haben nichts miteinander zu tun). Telefon in die Hand, Berlstedt, Billig, Erfurt, bla, bla, bla. Noch schnell das Geld prüfen, Formular ausdrucken. Pass, Zettel, 18 900 Rb. wechseln den Besitzer. Es ist mittlerweile 17 Uhr.

„Du, Reiseleiter, ich bräuchte noch eine Pelzmütze, bevor es morgen losgeht.“ –
„Kein Problem, da müssen wir keine Nummer ziehen, nicht Schlange stehen, keinen Pass zeigen.“ Ich wurde misstrauisch. Wirklich? Meinen Körper hatte ich gut isoliert, nur am Kopf wurde es immer unerträglicher. Die gute alte Wollmütze war unter diesen Bedingungen völlig überfordert und versagte. Da unser Reiseleiter schon vor uns in Jakutsk mit einer Reisegruppe unterwegs war und sich bestens in der Stadt auskannte, wurde schnell eine passende Pelzmütze in einem Geschäft organisiert, und da ich sie drei Nummern grösser kaufte, konnte ich sie tief über den Kopf ziehen und sie hat bis zum Ende der Reise immer für einen warmen Kopf gesorgt, egal wie das Wetter war.
Es war jetzt kurz vor 18 Uhr. Wir hatten gute 3 Stunden mit Briefmarken kaufen, Geld tauschen und Pelzmütze organisieren verbracht, wofür man in Deutschland keine halbe Stunde benötigt. In diesen Situationen merkt man, wie gut es ist, einen Guide an seiner Seite zu haben, der die Sprache spricht, die Mentalität des Landes kennt und - was ganz wichtig ist: Egal wie nervig die Situation wird, der immer die Ruhe bewahrt.



Den ersten und nächsten Tag verbrachten wir damit, das Stadtzentrum und die nähere Umgebung der Stadt zu Fuß und mit dem Taxi zu erkunden. Gleich um die Ecke vor dem Theater waren wunderschöne Kunstwerke aus Eis aufgestellt, die Szenen aus dem jakutischen Leben darstellten. Das Eis wird an der Lena, wie Marmor in einen Steinbruch, in Blöcken aus dem Fluss gebrochen und von geschickten Handwerkern zu prachtvollen Kunstwerken verwandelt. Diese Eis-Figuren haben wir in verschiedenen Ausführungen immer wieder auf unserer Reise durch Jakutien bestaunen dürfen. Interessant ist, dass auf allen größeren Plätzen Rutschen aus Eis aufgebaut sind, die nicht nur von Kindern rege genutzt wurden, sie sind durchaus auch touristentauglich! Lenin steht vor dem Verwaltungszentrum, Stalin ein paar Ecken weiter an den Lena-Auen vor einem Glaspalast. Wir besuchten das Kreismuseum, wo wir sehr viel über die Geschichte Jakutiens von früher bis in die Gegenwart erfuhren, sowie das sehr interessante Mammut-Museum. Der Mitarbeiter berichtete sehr detailliert über die Geschichte der Mammut-Forschung und über aktuelle Ausgrabungen auf den ostsibirischen Inseln. Jedem, der sich für diese Epoche unserer Erdgeschichte interessiert, empfehle ich den Besuch dieses Museums.

Natürlich besuchten wir auch den örtlichen Bauern-Markt. Durch das Taxifenster sah ich schon am Rande des Marktes die ersten Fische stehen. Hechte, Quappen, Lachse ganz oder portioniert, Karauschen in Bananenkisten und noch viele mir unbekannte Fischarten. Bei zweistelligen Minusgraden ist das dort eine gängige wie praktische Art, die Ware zu präsentieren, ebenso Schneehasen, Gänse und Eiderenten, natürlich mit Federn und Innereien. Für Großabnehmer werden ganze Rinderhälften auf Europaletten angeboten. Ob die Spatzen, die sich ihren Teil holten, im Preis inbegriffen waren, konnte ich nicht erfahren. Milch als flache Scheiben, in Plastiktüten verpackte Beeren wurden ebenso angeboten wie Haushaltswaren aus China. Unter diesen Bedingungen ist Markthändler ein harter Beruf. In Europa unvorstellbar, hier gang und gäbe.



Einen Tag verbrachten wir in einem jakutischen Kulturzentrum. Wir waren in traditionellen Holzhäusern untergebracht. Bei einem anschließenden Rundgang mit der Mutter der Familie durch das Gelände erfuhren wir interessante Dinge über das Leben, Mythen, Traditionen und die Geschichte des jakutischen Volkes. Die Mutter zeigte uns, wie man mit der Trommel und Gesängen Verbindung zu den Geistern herstellen kann. Wir bekamen von ihr bei dieser Zeremonie gute Wünsche für die anstehende Tour mit auf den Weg. Sehr eindrücklich war die Vorführung der Tochter auf einer Maultrommel. Man glaubte ein ganzes Orchester vor sich zu haben, so vielseitig wurde dieses Instrument von ihr gespielt.



Freitag, 13. März 2015

Der Morgen begann für uns schon um 4 Uhr, da wir 7.30 Uhr nach Ust-Nera fliegen wollten. Das Taxi war auf 4.30 Uhr bestellt, kam aber nicht. Nur gut, dass Matthias uns recht früh aus den Federn gescheucht hatte. Er telefonierte mit mehreren Taxizentralen. Der eine konnte nicht, der andere wollte nicht, der nächste war nicht erreichbar. Bald telefonierte die Angestellte des Kulturzentrums mit Matthias um die Wette. Ende gut alles gut. Irgendein Taxifahrer fand den Weg zu uns und wir waren pünktlich am Flughafen. Alle Sicherheitskontrollen passierten wir ohne Probleme; nur Bernd wurde auf einmal zurückgerufen. Man wollte den Inhalt seines Handgepäckes sehen. Wodka, seit wann ist in Russland Wodka ein Sicherheitsproblem? Nicht der Inhalt war das Problem, sondern die Glasflasche. Nach einigem Hin und Her und der Vermittlung von Matthias konnte die Flasche im Hauptgepäck mit auf die Reise gehen. Wäre doch schade gewesen um den guten Stoff.

Es war -27 ºC kalt und wolkenlos an diesen Morgen und so konnten wir von der Schalterhalle aus einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem Flugfeld miterleben. Pünktlich wurde unser Flug aufgerufen und wir marschierten zu unserer zweimotorigen Propeller Maschine. Bedingt durch die Aggregate, die die Motoren vorwärmen, war unser Flugzeug in eine dicke Wolke gehüllt. Im Prinzip rauchte es hier in der Gegend überall. LKWs wie PKWs laufen Tag und Nacht, Schornsteine, egal ob auf Holzhütten, Wohnhäusern oder Kraftwerken, es wird gequalmt, was der Ofen hergibt. Feinstaubfilter oder Umweltbewusstsein scheint hier ein Fremdwort zu sein. Man sieht und riecht es. Tag und Nacht. Diese Erscheinung würde uns die gesamte Tour begleiten.
Nach einem zweistündigen Flug über die Gebirge landeten wir bei -35 ºC und einer zusätzlichen Stunde Zeitverschiebung um 10.30 Uhr in Ust-Nera. Die Landebahn war mit einer zentimeterdicken Eisschicht bedeckt und das Gelände glich eher einem Feldflughafen als einem Airport. An Sicherheit war aber gedacht und so stand die Feuerwehr bei unserer Ankunft für alle Fälle bereit. Auch ein Polizist drehte seine Runden. Helmut musste diese Situation sofort in Ton und Bild festhalten, wie wir unser Gepäck selbstständig ausluden und packte erst mal seine Filmkamera aus und filmte in aller Seelenruhe das Geschehen. Der Ordnungshüter rief und winkte, Helmut war in seinem Element und bemerkte nicht, wie der Polizist sich ihm näherte. Irgendwann bemerkte Helmut, dass jemand etwas von ihm wollte. „Okay, nichts passiert, dann packe ich das Ding ein.“ Zu seinem Glück hatte der Ordnungshüter weder Film noch Kamera an sich genommen.

Am Rand des Flughafens stand Evgenij mit seinem LKW der Marke URAL mit 250 PS aus dem Baujahr 1976 mit einem orangen Aufbau in eine Dieselwolke gehüllt: Unsere Partner für die nächsten 10 Tage. Nachdem unsere Ausrüstung und alle Filmkameras verstaut waren, ging es erst mal in den Ort in eine Kantine zum Frühstücken. Dort stießen auch die zwei Begleiter von Evgenij zu uns: Andrej und Kolja. Sollte unterwegs ein technisches Problem auftreten, z. B. wenn ein Rad abbrechen sollte, waren sie die technische Eingreifgruppe. Nachdem wir uns mit all den leckeren Speisen der Kantine gestärkt hatten, begann gegen Mittag das Kälte-Abenteuer in Jakutien.

Wir fuhren auf der zugefrorenen Indigirka flussaufwärts zu unserem ersten Übernachtungsplatz. Von der Wildheit des Wassers unter uns bekamen wir dank der meterdicken Eisschicht nichts mit. Die Landschaft war einmalig und so beschlossen Matthias und ich eine Wanderung den Fluss entlang zu unternehmen. Alles schien erstarrt zu sein. Aber der Schein trog. Hoch über uns zogen zwei Steinböcke an den Berghängen entlang. Im Wald entdeckten wir Scharrspuren eines Rentieres, das nach etwas Fressbarem gesucht hatte. Die Bäume waren mit Schnee behangen. Bei dieser Traumkulisse vergaß man schnell die herrschenden -25 ºC. Gegen Abend suchten wir uns aus den angeschwemmten Holzstößen Brennholz und erfreuten uns bei einem knisternden Lagerfeuer am wunderschönen Sonnenuntergang und dank des fehlenden Fremdlichtes am strahlenden Sternenhimmel.
Langsam zog die Kälte an und wir verzogen uns in unseren fahrbaren Wohncontainer, der dank zweier Wärmeaggregate ordentlich aufgeheizt war. Uns war es manchmal zu warm, so dass wir dann eines der Geräte drosseln mussten, um vernünftig schlafen zu können. Nach einem zünftigen Umtrunk und allerlei Trinksprüchen auf das Gelingen der anstehenden Tour, verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke und Evgenij in seine Fahrerkabine. Trotz laufenden 250 PS und der damit verbundenen Vibrationen schafften wir es aber irgendwie in den Schlaf zu kommen. Kaum waren wir am Träumen, machte sich Evgenij lautstark mit Stimme und Klopfzeichen in seiner Fahrerkabine bemerkbar. Da die Fenster vereist und wir etwas schlaftrunken waren, wussten wir nicht so recht, was der Radau bedeuten sollte. Irgendwann stand er leicht bekleidet in der Kabine (wir hatten in der Nacht um die -45 °C) und sagte immer wieder das Wort Lisa - Lisa auf Russisch „der Fuchs“ und tatsächlich, da trieb sich bei klirrender Kälte wenige Meter von unserem lärmenden Ungetüm entfernt ein Fuchs herum. Nachdem er immer nähergekommen war, und wir nun wieder putzmunter, robbte Evgenij auf dem Bauch mit einem Stückchen Fisch zwischen den Fingern auf den Fuchs zu und tatsächlich, der Fuchs fraß ihm aus der Hand. Nun standen wir zu viert in der Kabinentür und versuchten ihn zu filmen oder fotografieren, was sich als nicht ganz einfach entpuppte. Es war nach Mitternacht, als wir endlich zur Ruhe kamen. Am nächsten Morgen sahen wir anhand seiner zahlreichen Spuren, dass er unser Fahrzeug intensiv erkundet hatte.



Samstag, 14. März 2015

Wir fuhren den Fluss wieder zurück nach Ust-Nera. Unterwegs versuchten Andrej und Kolja mit ihrem Eisbohrer ein Loch fürs Eisangeln in die Eisdecke zu bohren. Vergeblich, für eine drei Meter starke Eisdecke war der Eisbohrer zu kurz. Trotz aller Tricks und Kniffe, die die beiden anwandten, es half nichts, sie kamen nicht durch.

Nach dieser missglückten Übung fuhren wir auf der Indigirka Flussstraße zurück nach Ust-Nera. Die Landschaft wird von Lärchenwald dominiert, der bis ans Ufer reicht. Man darf sich einen zugefrorenen Fluss nicht wie eine glatte Oberfläche vorstellen. Durch das mehrmalige Zufrieren und wieder Aufbrechen, sowie durch die Strömung, entsteht immer wieder Eisbruch. Quadratmeter große Schollen schieben sich über einander und bleiben verkantet liegen. Es mutet an, als hätte man LKW- weise Schutt abgeladen, eben nur als Eis! Um auf dem Fluss eine Straße zu unterhalten, wird die Oberfläche des Eises aufbereitet, es gibt Verkehrszeichen und bei Bedarf wird durch Streugut die Oberfläche abgestumpft. Da das Eis keine starre Oberfläche ist, sondern sich ständig in Bewegung befindet, ist es ganz normal, dass sich handbreite Risse kreuz und quer über die Oberfläche ziehen. Am Abend trafen wir wieder in Ust-Nera ein und übernachteten in einer privaten Unterkunft.



Sonntag, 15. März 2015

An diesem Morgen starteten wir Richtung Ojmjakon. Wir fuhren auf der R 504, der Kolymastraße, die zum russischen Straßennetz gehört. Sie wurde erbaut, um das Gebiet und die hier zahlreich vorhandenen Bodenschätze zu erschließen. Sie wird auch Knochenstraße oder Straße der Toten genannt. Seit den dreißiger Jahren haben Insassen von zahlreichen GULAGS unter menschenunwürdigen Bedingungen sprichwörtlich diese Straße mit Hacke und Schaufel auf einer Länge von ca. 2000 km von Magadan nach Jakutsk erbaut. Da man im Permafrostboden schlecht Gräber anlegen kann, wurden die Verstorbenen einfach in der Straße verscharrt, daher der Name. Wir fuhren über Pässe, deren Straßenbelag mit dicker schwarzer Asche bedeckt war. Dies ist notwendig, um es den LKWs zu ermöglichen, die zahlreichen Steigungen zu bewältigen. Abseits der Straße entschädigte uns eine grandiose Landschaft. An der Straßenkreuzung zur verlassenen Siedlung Kjubjume kehrten wir in der Raststätte ein und sättigten uns an den vielen Köstlichkeiten, die dort unter einfachsten Bedingungen in kurzer Zeit dem Gast serviert werden.
Da die Strecke nicht in einer Tagesfahrt erreichbar ist, übernachteten wir in der Nähe der Raststätte abseits der Straße.



Montag, 16. März 2015

Wir waren im Ojmjakoner Gebirge unterwegs und so ließ es sich nicht vermeiden, dass wir zahlreiche Flüsse über Brücken überquerten, die den Namen Brücke nicht verdienen. Nur gut, dass wir diese waghalsigen Konstruktionen immer erst zu Gesicht bekamen, wenn wir sie passiert hatten. Rote Wimpel sind die einzigen Sicherheitsmaßnahmen, welche die Sicherheit der tonnenschweren LKWs gewährleisten. Von europäischen Normen oder gar Vorschriften hat man hier noch nie gehört. Unser Fahrer wusste, weshalb wir hier unterwegs waren und hatte ein Auge für Dinge, die fotografiert werden wollten und so konnten wir uns nicht beschweren, irgendeine Nichtigkeit nicht vor die Linse bekommen zu haben. Wir hatten zwar immer noch zwischen -20 °C und -40 °C, trotzdem sahen wir immer wieder aufgebrochene Flüsse. Wir ließen es uns nicht entgehen, von dem Wasser zu kosten oder Rutschpartien über die Eisschollen zu machen. Nachmittags kamen wir in Tomtor an. Vor der Stadt befindet sich ein erstes „Kältedenkmal“. Die Bewohner sehen nicht ein, dass Ojmjakon, das nur 40 km entfernt liegt, den Kälterekord für sich alleine beansprucht. So haben sie sich ihr eigenes gebaut. Wir bogen von der Kolymastrasse ab und fuhren über eine nicht erkennbare Route über Wiesen und Weiden Richtung Ojmjakon. Unterwegs machten wir einen ausgiebigen Foto- und Filmstopp bei einer Herde jakutischer Pferde. Diese Pferde gelangten ungefähr im 13./14. Jahrhundert in das heutige Jakutien und versorgten damals wie heute die Bevölkerung mit Milch und Fleisch. Diese halbwilde Pferderasse lebt das ganze Jahr über im Freien und versorgt sich selber. Die Tiere kommen mit den winterlichen Temperaturen um die -60 °C ohne Probleme klar. Den Ort erreichten wir mit dem Sonnenuntergang und merkten spürbar, weshalb der Ort Kältepol genannt wird. In der Nacht hatten wir -44 ºC. Wir waren im Haus von Tamara Jegorowna und ihrem Mann untergebracht. Wir wurden von ihr mit herrlichem Essen, das aus Pferdefleisch zubereitet war, bekocht. Als Dessert gab es selbstgebackenen Kuchen. Es war gemütlich warm, bequeme Sofas luden zum Verweilen ein und Tamara versorgte uns mit umfangreicher Literatur über den Ort. Einige Bücher hat sie selbst verfasst. Nach einigen Wodkas verzogen wir uns in die kuschligen Betten und genossen es, einmal nicht von Vibrationen einer 250 PS Maschine in den Schlaf gerüttelt zu werden.



Dienstag, 17. März 2015

Die Nacht war mit - 44 ºC nicht die kälteste, aber am Morgen bemerkte ich, dass es recht frisch im Haus geworden war. Der Ofen war nur bis zur Nachtruhe befeuert worden, dann sorgte nur noch die Restwärme im Kessel für Wärme. Als ich vor dem Frühstück eine Runde durchs Dorf machte, sah ich überall Rauchfahnen aus den Schornsteinen der Häuser steigen. Das örtliche Kraftwerk stand den kleinen Häuschen in nichts nach, was die Farbe und Größe der Rauchfahne betraf. Die Heizer werden schon gewusst haben, weshalb sie einen kleinen Teufel auf den Kraftwerksschornstein montiert haben. Nach dem sehr ausgiebigen Frühstück machten wir einen Rundgang durchs Dorf.
Wir statteten der Verwaltung einen Besuch ab, sahen uns den halbfertigen Rohbau des neuen Kulturzentrums an und schauten im Dorfladen vorbei. Wir brachten noch die Urlaubskarten zur Post und liefen dann langsam zum Höhepunkt des Tages und eigentlichen Ziel unserer Reise, dem Denkmal für die tiefste je gemessene Temperatur in einem ständig bewohnten Ort. Dass die 1926 von einem Akademiemitglied errechnete Temperatur von -71.2 ºC offiziell nicht anerkannt wird, tat unserer Freude keinen Abbruch. Als dann auch noch der Dschiskan, Herrscher über die Kälte, vorbei kam und uns in einer kleinen feierlichen Zeremonie eine Urkunde überreichte, die unsere Anwesenheit damit amtlich beglaubigte, wurde der Tag für erfolgreich erklärt. Wir kehrten anschließend noch einmal bei Tamara ein bevor wir nach Tomtor aufbrachen.
In Tomtor angekommen, besuchten wir das regionale Ortsmuseum. Hier wird ausführlich die Geschichte der Alaska-Sibirien-Luftbrücke während des zweiten Weltkrieges erläutert. Die USA unterstützten auf dieser Route die Angriffe der Roten Armee auf die Ostfront der Wehrmacht. In Tomtor befand sich ein Flughafen, der zum Nachtanken der Flugzeuge diente. Nachdem wir unser Quartier bei der Familie Jegorov bezogen hatten, packten wir die Badesachen ein, um zum Baden zu fahren. Richtig! zum Baden. Wenn ich schon mal hier war, wollte ich die Gelegenheit nicht verpassen, in ein sibirisches Gewässer zu steigen. Okay, einen Pool haben wir nicht gefunden, aber einen aufgebrochenen Bach, der ca. 30 cm offenes Wasser hatte. Nun musste alles schnell gehen, Klamotten runter und ab in die Pfütze. Matthias war da schon mutiger, er saß bis zum Gesäß im Wasser und planschte tüchtig herum. Das war mir zu viel Abenteuer. Evgenij fuhr anschließend mit uns noch zum Fluss Kuidusun. Dort hatte das letzte Hochwasser die Brücke so beschädigt, dass sie teilweise abgebrochen wurde und wir uns die Baustelle angeschaut haben. Der Fluss war aber nicht mehr komplett mit Eis bedeckt und so strömte der Fluss kräftig daher. Durch den Temperaturunterschied stiegen Dampfwolken über dem offenen Wasser empor. Den Abend schlossen wir noch mit einem Fototermin mit der Familie Jegorov ab. Man war den Kameras nicht abgeneigt, nein im Gegenteil, wir wurden immer wieder aufgefordert Bilder zu machen oder wurden selbst zum Fotosujet.



Mittwoch,18. März 2015

An diesem Morgen ging es zeitig um 8.50 Uhr los. Wir fuhren die alte Kolyma-Strecke wieder bis zur Kreuzung bei Kjubjume zurück. Evgenij wollte 250 km bis zur Wetterstation schaffen und bei den Straßenverhältnissen und unserem in die Jahre gekommenen LKW bedeutete das einen langen Fahrtag. Wieder ging es bergauf und bergab und wir kamen an den uns schon bekannten maroden Brücken vorbei. Bei unseren zahlreichen Zwischenstopps hatte ich das Glück einen Tannenhäher zu beobachten und zu fotografieren. Unterwegs kam uns noch ein Jakute mit seinem Pferdchen entgegen geritten. Er ließ sich zu einer Pause überreden und gegen ein Foto hatte er auch nichts. Wir kamen bei schönstem Sonnenschein gegen 18 Uhr an der Wetterstation Wostochnaja an. Wir redeten noch ein wenig mit dem Meteorologen-Ehepaar übers Wetter und über was auch sonst. Sie berichteten uns von dem starken Nordlicht in der letzten Nacht, das wir auch in Tomtor beobachtet hatten. Es habe große Auswirkung auf die Messinstrumente und den Funkverkehr gehabt. Da die Banja eingeheizt worden war, nutzten Matthias und ich die Möglichkeit und gingen eine Runde schwitzen. Für mich war es eine Premiere. Hinterher fühlte ich mich wie neu geboren. Wir kochten abends noch zusammen im nicht gerade geräumigen LKW und tranken mit unserem Fahrer einige Tassen Wodka, bevor dann gegen 23 Uhr der Tag für uns zu Ende ging.



Donnerstag, 19. März 2015

Mit der Meteorologin Tatjana waren wir um 9.30 Uhr zu einem Rundgang durch die Station verabredet. Wir bekamen einen Eindruck, wie man hier in der Abgeschiedenheit arbeitet und lebt. Die Technik ist vielleicht nicht auf dem neusten Stand, aber sie funktioniert. Nicht nur die Technik ist rustikal, auch das Leben in dieser Abgeschiedenheit fordert viel Toleranz von den hier arbeitenden Meteorologen. Das Wasser wird im nahe gelegenen See als Würfel gebrochen und neben der Hütte aufgestapelt. Im gleichen See, in dem komischerweise nur Karauschen leben, wird gefischt und das Gemüse wird im Sommer im Gewächshaus selbst angebaut. Ab und zu schickt der Staat als Auftraggeber Proviant vorbei. Bei all den Anstrengungen in dieser abgeschiedenen Gegend darf eines nicht fehlen, die Banja! Die haben wir natürlich genutzt und fühlten uns hinterher wie neu geboren.
Da unser Wasservorrat aufgebraucht war, nutzten wir unterwegs an der Schamanenquelle die Möglichkeit unseren Vorrat aufzufüllen. Diese Quelle friert den ganzen Winter nicht zu und wird vor allem von Fernfahrern zum Wasserschöpfen genutzt. Wir kamen auf dem Pass Nr. 520 an. Der Name rührt daher, dass es Kilometer 520 ist. An dieser Passage kann man wunderbar die Gegend überschauen, und da es in den vergangenen Tagen starke Schneefälle gegeben hatte, war die Gegend mit der weißen Pracht bedeckt. Man hat in Gedenken an die ungezählten Opfer des Straßenbaus an diesem Pass eine Erinnerung in Form eines von Stacheldraht umrankten Kreuzes aufgestellt. In der Stadt Tjoply Klujtsch besuchten wir ein Museum, das die Geschichte der Gulags und im Speziellen den Bau der Straße von Magadan nach Jakutsk erklärt. Wir kamen in den Genuss einer Führung durch die Leiterin der Einrichtung. Man mag sich gar nicht die Leiden der zu Unrecht Inhaftierten vorstellen, die Tag für Tag, Sommer wie Winter unter widrigen Bedingungen diese Straße erbaut und ihr Leben dafür gelassen haben. Wir wurden gebeten, uns ins Gästebuch einzutragen und uns wurde Sympathie entgegengebracht, dass wir den weiten Weg in Kauf genommen hatten und Interesse für diese Epoche der Geschichte zeigten. Am Ende wurden wir noch um ein Gruppenfoto fürs Archiv gebeten, dem wir sehr gerne nachkamen. Gegen 20.30 Uhr erreichten wir in Chandyga unsere private Unterkunft. Da kein Restaurant in der Nähe war, kochten wir gemeinsam und saßen noch eine Weile in der Küche zusammen und redeten über das Erlebte des Tages. Die Unterkunft schoss den Vogel punkto Hitze ab. Ich maß eine Raumtemperatur von 28 C°. Da es an den Rippenheizkörpern keine Ventile gibt, konnte man nicht regulieren. Nur gut, dass die Fenster sich öffnen ließen. So kamen wir zu dritt im Zimmer gut über die Nacht.



Freitag, 20. März 2015

Da wir an diesem Tag nicht weit fahren wollten und eigentlich nur Eisangeln an der Mündung der Amga / Alda angesagt war, konnten wir lange ausschlafen. Gegen Mittag holte uns die gesamte Begleitmannschaft ab und wir fuhren erst einmal über die Eisstraße der Amga ans andere Ufer, wo wir uns über einen tollkühnen Pfad bzw. Buckelpiste den Weg zur Angelstelle bahnten. Da unsere beiden Filmer diese Fahrt festhalten wollten, legten wir eine Drehpause ein und Evgenij wurde instruiert, wie er seinen LKW auf uns zukommen lassen sollte. Also los, das Monster mit 250 PS setzte sich im gut 40 cm tiefen Schnee auf dem Eis ohne Probleme mit Getöse in Bewegung. Wir filmten diese Szene zweimal und dann geht es zum zugefrorenen Zusammenfluss von der Amga und der Alda. Hoch über uns sahen wir das Ufer. Während unsere Begleiter sich daran machten, ein Loch zu bohren, entschloss ich mich die nähere Umgebung zu erkunden. Im Ufer-Wald war durch die hohe Schneedecke das Durchkommen ein mühsames Unterfangen. Nach einigen Metern brach ich diesen Ausflug ab und steuerte ein Eisbruchfeld auf dem Zusammenfluss an. Hier hatten sich durch die Macht des Wassers die Eisschollen über- und ineinander verschoben. Es war wunderbar anzusehen, welches künstlerische Potenzial die Natur hat, wenn man sie nur lässt.
Es wurde Zeit, dass ich zum Angelteam zurückging. Mittlerweile hatten sie drei Löcher gebohrt, damit wir auch einmal unser Glück versuchen konnten. Eisangeln ist ein mühsames Geschäft. Wir hockten den ganzen Nachmittag mit kalten zitternden Händen an unseren Löchern und die Ausbeute am Abend war mehr als karg. Eine Renke und eine Handvoll Kaulbarsche, die Kolja als Unkraut der Flüsse bezeichnete, war unser Tages-Fang. Nur gut, dass unsere Begleiter abseits unserer Route erfolgreich auf Angeltour waren. So wurde der Sack voller Hechte und Quappen vom Autodach geholt und die abendliche Fischsuppe war gesichert. Es wurde ein lustiger und leckerer Abend. Wir hatten wieder unterwegs im LKW abseits der Piste übernachtet. Am Morgen sahen wir neben dem LKW die Spur eines Vielfraßes.



Samstag, 21.März 2015

Die Nacht war mit nur -10 ºC die wärmste der gesamten Tour. Dies war der letzte Fahrtag unserer Kälte-Tour. Am Rande der Strecke besuchten wir in Chechköch das örtliche Jakuten-Museum. Mit Egor Reshetnikov hatten wir einen kundigen Führer, der es verstand, uns die Geschichte und die Ausstellung zu Jakutien eindrücklich zu vermitteln. Nicht nur das Museum mit seiner Ausstellung ist interessant. Hier merkt man die Auswirkungen des Permafrostes. Risse in den Wänden, Fliesen stehen zentimeterhoch über dem Boden, Türen lassen sich nicht schließen. Erst ging es durch das gut temperierte Gebäude, danach liefen wir durch das weitläufige Gelände der Anlage. Herr Reshetnikov meinte es gut mit uns und erklärte ausführlich Erdhaus für Erdhaus, kein Detail wurde ausgelassen. Eigentlich ist der Rundgang mit vier Stunden veranschlagt. Helmut und Bernd machten nach zwei Stunden schlapp, Matthias und ich hielten es noch ein wenig länger aus, bevor wir zwei ganz diplomatisch vermittelten, dass wir jetzt ausreichend Informiert seien. Zum Schluss stiegen wir noch auf den Kirchturm und hatten einen wunderbaren Blick über den Ort und die Landschaft. Dann begann der finale Teil unserer Tour. Es war nicht mehr weit bis Jakutsk. Mit kleineren Zwischenstopps kamen wir am Abend am Lena-Ufer an. Als wäre es die normalste Sache der Welt, wechselten die Fahrzeuge von der Land- auf die Eisstraße und fuhren die 19 km lange Eis-Piste in gewundenen Kurven über den Fluss. Wir konnten während der Fahrt einen wunderbaren Sonnenuntergang beobachten. Um 19 Uhr kamen wir auf dem Grundstück von Evgenij an und damit war die Tour nach ca. 1500 km beendet. Unser Gepäck wurde auf zwei private PKWs verladen und wir wurden zum Hotel gefahren.



Sonntag, 22. und Montag, 23. März 2015

Am Sonntag fuhr Evgenij mit uns noch zum zugefrorenen Lena-Hafen und zum zentralen Gedenkplatz für den 8. Mai. Abends wurde es noch einmal feucht und lustig. Wir gingen gemeinsam mit unseren drei jakutischen Begleitern fein essen. Um es vorwegzunehmen, wir wurden alle satt. Die Krux dabei war nur, dass keiner sein bestelltes Essen bekam. Der Kellner servierte wahrscheinlich das, was gerade fertig war. Eines kriegten wir aber immer: Wodka. Dafür sorgte Evgenij! Nachdem die Stimmung feucht fröhlich genug war, jede Menge Erinnerungsfotos geschossen waren, äußerte ich mein Bedauern, dass wir zwar eine ganze Menge Mammuts gesehen, ganz viele Details über diese anmutigen Tiere erfahren hatten, aber alle Exponate hinter Glas oder Absperrungen waren. Gerne hätte ich mal so einen Urzeit- Riesen angefasst. In Evgenijs Gesicht wurde ein Schmunzeln sichtbar. „Thomas, bevor der Tag zu Ende geht, wird dir dein Wunsch erfüllt…“ Was führte er nun im Schilde? Nennt er so ein Exponat sein eigen? Dass er im Sommer im hohen Norden Mammut Stoßzähne sucht und ausgräbt, wussten wir, aber wo wollte er so ein Viech um diese Uhrzeit auftreiben? Kurz vor Mitternacht stiegen wir in zwei Taxis und ein paar Straßenecken weiter war unsere Fahrt schon wieder zu Ende. Wir standen vor einem Hotel, aber nicht vor unserem! Im Foyer stand ein schwarzes Mammut. Der Wachschutz verschwand in seinem Dienstzimmer und die netten Damen und Herren an der Rezeption ließen uns gewähren. Wir räumten die Absperrung beiseite und ließen unseren Fotoapparaten freien Lauf. Evgenij genoss die Situation sichtlich. Als wir uns am Hotel verabschiedet hatten, nahm er mich zur Seite und fragte ganz vorsichtig, ob er denn nicht meine Thüringer Fahne als Erinnerung an diese gemeinsame Reise bekommen könnte? Nichts leichter als das... Nachts wurde noch schnell eine Widmung verfasst und jeder unterschrieb auf dem rot-weißen Stoff. Am nächsten Morgen überreichte ich sie ihm am Check-In-Schalter am Airport. Er hatte es wohl nach all den vielen Wodkas vergessen - umso breiter war sein Grinsen.

So ging eine einzigartige erlebnisreiche Tour in die Kälte von Jakutien zu Ende. Wir hatten überall freundliche aufgeschlossene Menschen angetroffen, die uns gerne ihre Geschichte zu ihrer Heimat erzählten. Schon die Fahrt mit dem URAL-LKW über Straßen, die in Europa nicht mal Feldwege genannt würden, war ein Erlebnis der besonderen Art! Wer glaubt, dass die Taiga überall gleich sei, täuscht sich. Hinter jeder Kurve, jedem Pass zeigte sich die Gegend von einer anderen Seite. Wir hatten drei Begleiter zur Seite, die es verstanden, uns ihre Heimat nahezubringen. Dank gebührt auch unserem Reiseleiter Matthias Kunz, der Dolmetscher, Koch und Mädchen für alles war.


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Reisebericht von Thomas Billig
Bilder von Bernd Hentschel und Thomas Billig

Reisezeitraum: 09. bis 23. März 2015

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