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Väterchen Baikal und die schöne Angara
„Sibirisches Meer zu Wasser und zu Land“

Ein Reisebericht von Grit Lorenz
Fotos von Grit Lorenz, Peter Trute und Henry Koch

Reisezeitraum: 03.07.–16.07.17
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Hier geht es in den nächsten Tagen lang 

Kirche und ...  alte Holzhäuser in Irkutsk 

Über Osteuropa, Sibirien und … weiter?
Ein weiteres kleines Puzzlesteinchen meines Kindheitstraumes, auf der ursprünglichen Route der Besiedlung Amerikas unterwegs zu sein, ist wahr geworden. Dabei war es durchaus kein einfach mal so sportlich angehauchter Urlaub. Nicht umsonst heißt der Baikalsee auch "das Sibirische Meer": Der größte Trinkwassersee der Erde, bis 1600m tief und mit einem Fünftel der Trinkwasserressourcen der Erde überhaupt. Sehr spannend, im Kajak zu sitzen und einfach mal die Trinkflasche in den See zu halten. Und auch wenn ich vor drei Jahren an den Five Great Lakes schon völlig begeistert war: Der Baikal ist noch mal eine ganz andere Dimension. Die wir mit - amerikanischen - Doppelkajaks versucht haben zu meistern. Also, ein kleines Stück.


Felsige Ufer des "Sibirischen Meeres" 
Wanderung in der Tascheran-Steppe 

Von fünf Abenteurern kamen allerdings mit Andrej, unserem Guide aus Bolschaja Retshka (Sieht das komisch aus in lateinischen Buchstaben! Bedeutet "Kleines Flüsschen" und bezeichnet den Zufluss eben dieses "kleinen Flüsschens" in die Angara - einer DER Flüssse in meinen Kindheitsträumen und der einzige Abfluss des Sees, um den sich eine ganz wunderbare Legende rankt) nur zwei an! Aus verschiedenen Gründen. Die dümmsten Unfälle passieren ja meistens nicht draußen oder beim Abenteuer. Man stolpert z.B. einfach so völlig unerklärlich am Abend - es war noch hell - über eine Zeltleine und reißt sich eine Sehne im Ellenbogen, noch bevor man überhaupt im Boot sitzt. Praktisch, wenn man die Diagnose selbst stellen kann, aber halt auch fürchterlich ärgerlich für Henrys Freund und geplanten Kajakpartner Dirk (Zahnarzt vom Tegernsee, wahnsinnig belesen, will alles genau wissen und ist mit sympathisch viel Interesse an den Urvölkern Sibiriens unterwegs), der ihn erst dazu überredet hat, mit fast 70 diese Tour zu wagen. Er steigt also schon am zweiten Tag nach wunderbaren Erlebnissen in der Tascheransteppe aus. Peter und Kerstin, beide Kanadierprofis, die schon in Patagonien und eigentlich überall auf der Welt gepaddelt sind, Peter dazu mit Nepal-Bergsteig-Erfahrung, geben nach vier Tagen auf dem Meer auf, weil beide Probleme mit den Hand- und Armnerven haben. Nix Dramatisches, aber erschöpft und mit nervlichen Ausfallerscheinungen. Sie bleiben die zwei letzten Tage in Bolshoje Goloustnoje und können tiefer ins sibirische Dorfleben eintauchen.


Zelten mit schöner Aussicht 
Andrej kocht liebevoll 

Bleiben Henry und ich. Er kann und liebt Kajaking, aber die Dimension ist auch für ihn neu. Für mich; ich habe nur 2012 mal drei Tage in den Masuren im Kajak gesessen und das war offen; ist es völlig neu. Allerdings wurde mir bereits nach den ersten fünf Minuten auf dem Wasser klar, dass, trotz der Birken am Ufer, ein Jiiman Anishinabeg (Chippewa Longnose) hier die völlig falsche Wahl wäre.

Der See zeigt uns gleich zu Beginn richtig, auf welche Herausforderung wir uns eingelassen haben! Sturm, Regen, hohe Wellen von gefühlt allen Seiten. Der Eindruck wird noch durch die Fallwinde von den Steilhängen verstärkt. In den nächsten Tagen geht er aber sehr gnädig mit uns um und die vielleicht größte Gefahr ist, einen Sonnenbrand zu bekommen. Wassertemperatur bei konstant 8°C, da lernt man schnell, dass Neopren doch keine so schlechte Idee ist. Auch wenn wir es tatsächlich schaffen, nicht ein einziges Mal zu kentern.

Einsteigen und Anlanden sind die kritischen Momente, ansonsten sind unsere "Necky Looksha T"s anscheinend unumkippbar und "unsinkable" (ein bisschen Englisch muss trotzdem sein, auch wenn ich sehr überrascht und erfreut war, dass mein Russisch wiederkam und nicht nur Wörter, sondern auch ein bisschen Seele).
Beim Paddeln ist es bzw. wurde es immer ruhiger. Jeder konnte mit sich selbst und seinen Gedanken und Wahrnehmungen allein sein. Wie schon auf dem Yukon sind es irgendwann Lobpreislieder, die mir in den Sinn kommen und auch die tiefe Gewissheit, gerade hier und jetzt in dem völlig Ungewöhnlichen richtig und vollkommen geborgen zu sein.


Baikal in seiner vollen Pracht genießen 

Andrej ist russisch-orthodoxer Christ, versucht auch, uns etwas von seinem Glauben zu vermitteln und natürlich ist jeder Millimeter des Sees heiliges schamanisches Land...

Im Laufe der sieben Tage werden Henry und ich ein richtig gutes Team und zum Schluss haben wir Andrej mit Hinweisen und kleinen Korrekturen ganz für uns, so dass wir in Listwjanka jubeln können. Die Siegerfotos hat Victor, ein Kollege von Andrej gemacht, der uns und die Boote im Hafen von Listwjanka abholt. Der kommt uns nach einer Woche Wildnis wie eine Weltmetropole vor. Ansonsten sind wir auf den Zeltplätzen mal ein paar einsamen Wanderern auf dem Great Baikal Trail, der am Südufer verläuft, begegnet und einem Pärchen aus St. Petersburg, das mit Faltbooten zwei Tage auf dem See war.


Blumenpracht  Schmetterlinge verschiedener Arten 

Am vorletzten Tag lernen wir bei unserem Ausflug an die Angara, Quelle klingt irgendwie komisch, ist es aber trotzdem, und in ein Museumsdorf mit sibirischer Holzbaukunst, noch Andrejs drei jüngere Kinder (Nastja 12, Shenja 6, Adrian 4), die alle prima Deutsch sprechen, kennen und haben viel Spaß miteinander. Am Samstag bringt uns Wanja (16), der sich im Unternehmen der Eltern als Praktikant sozusagen ein bisschen Feriengeld verdient, zum Flughafen, nachdem uns Tamara, Andrejs Frau, am Freitag zurück nach Irkutsk gefahren hat. Wir hatten also auch Familienanschluss und das obwohl die ganze Familie gerade mit dem plötzlichen Tod von Tamaras Mutter fertig werden musste. War also ganz und gar nicht selbstverständlich und auch deswegen sehr besonders.

Dennoch gehört zur Wahrheit auch, dass der See, insbesondere die Insel Olchon und der berühmte Schamanenfelsen, immer mehr zur Massentourismus-Ware wird. Andrej und Tamara unternehmen keine Touren mehr zur Nordseite, wenn im Sommer Chinesen unterwegs sind. Beide lernen aber Chinesisch. Klar, das moderne China möchte auch reisen und der Baikal ist für sie natürlich ein nahes und lohnendes Ziel. In Listwjanka und schon auf der Fahrt haben wir nur einen kleinen Einblick in die möglicherweise sehr baldige massentouristische Zukunft bekommen. Wie viel davon verkraftet der See? Wie viel unsere Erde?



Eine Freude fürs Auge … und für den Magen.  Vitamin-C-Zugabe für den Eintopf 

Aus den sehr, sehr intensiven Gesprächen mit Andrej wurde mir auch wieder klar, dass Russland ganz bestimmt nicht auf das Wohlwollen der EU und Amerikas angewiesen ist. Die GUS und auch die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken kooperieren gut miteinander und es gibt auch ausreichend potentielle neue und alte Partner in Asien. ABER: wir brauchen Russland! Denn wir haben die Ressourcen nicht! Es tat gut, die Welt aus russischer Sicht erklärt zu bekommen und ein kleines bisschen Russisch mitleben zu dürfen.

Irkutsk - die Partnerstadt von Chemnitz mit inzwischen ca. 650.000 Einwohnern (Was auch heißt, dass leider die wunderbaren kleinen Dörfer in der Region existenzbedroht sind. Wer will schon gern im sibirischen Winter auf Komfort verzichten? - Ab 1 Million Einwohner wird eine Metro gebaut, wie anderswo in Russland auch.) - ist eine moderne, pulsierende Metropole mit allem, was man anderswo auf der Welt auch findet. Hier haben wir unsere Tour am letzten Abend gefeiert, ja, auch mit "Sto Gramm", wie sich das gehört! Ach ja und irgendwie war es auch ein vertrautes Gefühl, auf der Leninstraße dem nach Osten zeigenden Wladimir Iljitisch wiederzubegegnen. Er sprach zwölf Sprachen und die Leute, mit denen wir uns unterhalten haben, haben nach wie vor großen Respekt vor ihm.


Markt in Listwjanka  Museum der Holzbaukunst in Talzy 

Wie immer nach so einer Zeit, taucht die Frage auf, wie es danach weitergeht. Mitunter auch als "das große schwarze in den Alltag zurück kehren müssen Loch" von Reisenden bezeichnet. Wenn man am Baikal ist, ist man noch lange nicht an der Beringsee... Als nächstes käme vielleicht die Lena. Um zu ihr zu gelangen müsste man aber über hohe Berge klettern. Die Mongolei ist nur ein paar Autostunden entfernt und die Chinesen investieren in den Ausbau einer gigantischen Autobahn (die laut Tamara in den meisten Monaten des Jahres keiner brauchen kann), die der alten Seidenstraße folgen soll...
Vielleicht ist es aber doch der Missouri für mich???
Für den Moment bin ich sehr, sehr dankbar für einzigartige, intensive und unvergessliche Erlebnisse.


Zurück in Irkutsk   

Bolshoe Spasibo (wie komisch!) an Andrej, seine ganze wunderbare Familie und die Kollegin von Schulz Aktiv Reisen in Dresden, die mit uns Fünfen auch ein bisschen mehr Arbeit als normal hatte!


Ein Reisebericht von Grit Lorenz
Fotos von Grit Lorenz, Peter Trute und Henry Koch

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