Länder A B
Länder C J
Länder K M
Länder N P
Länder Q S
Länder T Z

Sibirien - Versuch einer Annährung durch 42,195 km
Reisebericht von Hans-Jürgen Teßnow


Vor zehn Jahren wurde auf Anregung meines Bruders das Laufen zu einer meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen. Mit dem LC Olympia Wiesbaden fand ich vor Ort den passenden Club, um Ausdauer und Lauftechnik zu verbessern. Gemeinsam legen die Vereinsmitglieder jährlich einen sogenannten Vereinsmarathon fest, den wir dann in der Gruppe bestreiten.


Mitglieder des LC Olympia Wiesbaden 

In erster Linie geht es uns um die Freude an der Bewegung, allerdings auch darum, andere Städte kennenzulernen und Kultur und Genuss nicht zu kurz kommen zu lassen. In den letzten Jahren waren wir beispielsweise in Dresden, Graz, Amsterdam, Tallinn und Brüssel. Dieses Jahr haben wir uns einen Traum verwirklicht, der schon lange in unseren Köpfen herumschwirrte. Omsk. Omsk? Ja, Omsk in Sibirien. 5.000 km von Wiesbaden entfernt. Legendär ist der dortige Halbmarathon im Winter, der in der Regel bei minus 20°C bis minus 30°C stattfindet. Das schien uns aber zu gewagt. Glücklicherweise wurde der Sommermarathon aus der auch in Sibirien glühenden Hitze des Augusts für 2013 auf den 22.September verlegt. Über das Internet fanden wir mit Schulz Aktiv Reisen aus Dresden einen Veranstalter, der beste Kontakte in Sibirien pflegt und regelmäßig Laufreisen zum Winterhalbmarathon in Omsk organisiert. Da wir wie erwähnt nicht nur eine Liste ausgefallener oder bekannter Marathon-Orte abarbeiten, mussten wir uns ein passendes Beiprogramm überlegen. War der Baikalsee nicht auch in Sibirien? Warum also nicht beides verbinden? Sibirien hat schwer vorstellbare Dimensionen, der Blick auf die Landkarte täuscht oft. Der Baikalsee ist tatsächlich weitere über 2.500 km von Omsk entfernt. Glücklicherweise gibt es ja die transsibirische Eisenbahn, die am Baikalsee entlang über Irkutsk fährt und auch in Omsk Station macht. Schulz Aktiv Reisen stellte auf Basis unserer Wünsche ein attraktives Paket zusammen, welches auch beinhaltete, dass vier von uns vorab noch ein paar Tage auf der Halbinsel Olchon am Baikalsee verbringen wollten. Wir anderen fünf flogen am 14.09.13 in Frankfurt los. Zwischenlandung in Moskau-Domodedovo und Weiterflug nach einigen Stunden Aufenthalt mit der S7 nach Irkutsk. Zeitunterschied zu Deutschland: Plus sieben Stunden. Bei bester Bodensicht landeten wir. Seltsam, erst drehte der Airbus direkt auf der Landebahn, dann parkte die Maschine unweit der Flughafengebäude. Niemand machte Anstalten, aufzustehen. Der Flughafen kam mir recht klein vor, ein paar verrostete Doppeldecker standen abseits der Startbahn auf einer Wiese. Auf einem Tankwagen las ich: Ulan Ude. Lange dachte ich, dass wir vielleicht zu früh dran sind und das Bodenpersonal vielleicht erst ab 9.00 Uhr arbeitet.
Irgendwann bekamen wir mit, dass in Irkutsk Nebel herrschte und wir auf der anderen Seite des Baikalsees in Ulan Ude gelandet waren. Mit knapp drei Stunden Verspätung kamen wir in Irkutsk an, unsere Reiseleiterin Varvara nahm es gelassen und begrüßte uns freudig. Nach den Erfahrungen bei der Einreise am Moskauer Flughafen und im Flieger befürchtete ich schon, dass Lächeln in Russland unter Strafe steht.


Reiseleiterin Varvara 

Varvara spricht exzellent Deutsch, ist kenntnisreich und strahlt zu jeder Minute Spaß an ihrer Arbeit aus, wir fühlten uns sofort bestens aufgehoben. In einem alten Kleinbus ging es zur „Ferienwohnung“. Zuerst dachte ich, das kann unmöglich richtig sein, ein äußerlich verwahrlostes, runtergekommenes Wohnhaus, im Holzhaus nebenan flogen Tauben durch offene Fenster ein und aus. Varvara stellte uns unsere Gastmutter Galina vor, eine freundliche aber bestimmte Dame, Typ gereifte Klavierlehrerin, die genügend Deutsch sprach, um uns zu versorgen. In dem mehrstöckigen Haus landeten sieben von uns in einer Wohnung mit vier Schlafzimmern, aber nur einem Bad, meine Liebste und ich in einer anderen mit drei kleinen Schlafzimmern, einem WC und einem Bad mit WC. Obwohl die Wohnungen sehr gepflegt sind und alles tadellos in Schuss ist, bin ich doch mit Ende 40 längst aus dem Alter heraus, es zu genießen, mir mit vier Fremden das Bad zu teilen. Frühstück à la Galina entschädigte uns allerdings mehr als genug: Der Tisch reich gefüllt mit ofenwarmem, herrlich duftendem, selbstgebackenen Brot, köstlichen Blinis, diversen hausgemachten Konfitüren, saurer Sahne, Salat, gefüllten Teigtaschen und Kuchen. Am frühen Morgen Kalorien in so hoher Dosis zu verputzen war mir fremd, aber in Galinas heimeliger Küche, auf dem Herd drei massive, pechschwarze Pfannen brutzelnder Blinis, die Wände lückenlos mit Tellern und Souvenirs aller Art behängt, saß ich inmitten von Freunden und wurde mit jedem Bissen hungriger auf den kommenden Tag. Ich wollte soviel Sibirien aufnehmen, wie mir zuteil wurde.
Es begann mit einem längeren Stadtrundgang durch Irkutsk, neben traditionellen, teilweise stark baufälligen Holzhäusern stehen neue Holzhäuser, die aussehen, als wären sie einer Westernstadt im Freizeitpark nachempfunden. Einige der alten Gebäude aus der Zarenzeit sind bereits restauriert, man hatte das Gefühl, das viel in Bewegung ist, um in Irkutsk den Verfall zu stoppen und die gröbsten Spuren der grauen Sowjetära zu beseitigen. Insbesondere die Kirchen, welche nach der Revolution gesprengt oder zu Lagerhallen missbraucht wurden, strahlen teilweise schon wieder wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der orthodoxe Glauben, der jahrzehntelang unterdrückt wurde, ist auf dem Vormarsch, tagsüber sieht man zahlreiche Menschen aller Altersschichten in die Kirchen ein- und ausgehen. Frauen immer mit Kopftuch, in kleineren Dörfern herrscht beim Kirchgang auch Rockpflicht. Für Touristinnen liegen Kopftücher und größere Stofftücher, die sich als Rockersatz um die Hüften binden lassen, bereit. In den reich verzierten Kirchen gibt es keinerlei Sitzplätze, die manchmal mehrstündigen Gottesdienste werden im wahrsten Sinne des Wortes durchgestanden. Zuflucht im Glauben finden heißt in Sibirien noch lange nicht, dass es bequem ist. Die Leidensfähigkeit der Menschen wird seit Jahrhunderten durch das raue Klima mit nur zwei echten Sommermonaten und autoritäre Herrscher jeder Couleur strapaziert, warum sollte die Kirche da eine Ausnahme bilden?
Am zweiten Tag fuhren wir nach Listvianka. Der Ort erstreckt sich über eine weite Fläche und liegt direkt am Baikalsee. In der Pension von Nikolaj waren wir ideal unterbracht. Geräumige Zimmer mit Aussicht. Ein lehrreicher Ausflug ins Baikalmuseum brachte uns den Baikalsee näher: 673 km lang, maximal 80 km breit, an der tiefsten Stelle über 1.640 m tief, über 330 Zuflüsse und mit der Angara nur einen Abfluss. Im Winter trotz seiner Größe von Ende November bis manchmal in den Mai hinein zugefroren. Es gibt zahllose endemische Arten im See, wie zum Beispiel den Omul, einem lachsähnlichen Fisch, der in allen Variationen die sibirische Küche bereichert. Nach einer kleinen Wanderung zu einer Anhöhe mit herrlichem Panoramablick auf den Baikal folgte am Nachmittag ein echter Höhepunkt.


Spezialität: Omul 

Der vor Lebensfreude sprühende Nikolaj, der weder deutsch noch englisch sprach, unterrichtete uns in russischer Saunakultur. Banja. Beim Gedanken daran kribbelt meine Haut schon wieder. Nackt, nur mit schickem Saunahut aus grauem Filz bekleidet, dazu passende Fäustlinge mit denen wir einen nass-heißen Strauß aus Birkenzweigen hielten. So saßen wir in zweier Gruppen in der kleinen Holzsauna, Nikolaj heizte den offenen Ofen ordentlich auf, schüttete Wasser und wer weiß was sonst noch hinein und unterwies uns in die Grundregeln der Flagellation. Es galt nur nicht zimperlich zu sein, mit der Birkenpeitsche alle erreichbaren Stellen Haut zu bearbeiten, bis Nikolaj zufrieden war. Dann raus, Hut und Fäustlinge runter und mit Urschrei in das eiskalte Wasserbecken vor dem Haus. Kurz abkühlen, ein paar Minuten die Landschaft wie Adam und Eva genießen und ab in die nächste Runde. Nach der dritten Runde nahm Nikolaj einen großen, sehr groben Schwamm, mit dem man durchaus hätte Birken entrinden können, plus eine Art Kernseife und schrubbte nacheinander jedem von uns den Rücken, Schultern, Brust und Hals. Zum Abschluss leerte er erst eine Schale heißes und dann eiskaltes Wasser über uns aus. Seit meiner Geburt war ich wohl nicht mehr so sauber und so fühlte ich mich auch. Das Leben kann so wunderbar sein, am Abend wurden wir von Nikolaj bekocht und nach einer vorsichtigen Anfrage nach „Piwo“ statt Tee zum Huhn kam Nikolaj mit einer kleinen Palette perfekt temperiertem, köstlichen „Baikal 7“ Bier.


Unterwegs auf dem "Great Baikal Trail" 
... bei bestem Spätsommerwetter 

Am nächsten Tag führte uns Varvara 16 km in zügigem Tempo über ein Teilstück des „Great Baikal Trail“. Bei traumhaftem Spätsommerwetter ging es entlang des Sees von Listvianka nach B. Koty. Die Strecke hatte es in sich, reichlich Höhenmeter waren zu bewältigen, an manchen steilen Passagen war Trittsicherheit gefordert. Der nie endende, stets grandiose Blick auf den Baikal war unser Lohn. Bei einer Pause wagten sich einige von uns sogar für ein paar Minuten in den schon herbstlich kalten See, der übrigens durchweg Trinkwasserqualität haben soll. Von B. Koty aus ging es mit einem Tragflächenboot zurück nach Irkutsk.


Auf Fahrt mit der Baikalbahn 

Tag fünf war verregnet, aber das war nicht weiter schlimm, denn wir waren den ganzen Tag mit der berühmten Baikalbahn unterwegs. Der Zug fährt wirklich nur im Schritt-Tempo, was aber an einem unbeschrankten Bahnübergang einen wohl beschränkt fahrtüchtigen S-Klasse Fahrer nicht daran hinderte, mit seinem Mercedes die Seite eines Waggons zu küssen. Mit einem Kratzer hier und einer demolierten Front dort endete das ungleiche Duell und nach wenigen Minuten zuckelten wir weiter. Unzählige, teilweise über 100 Jahre alte Brücken und Tunnel folgten. Die Strecke wurde hauptsächlich von Lagerinsassen unter großen Opfern und tonnenweise Sprengstoff der Landschaft abgetrotzt. Der See war Nebel- und Wolkenverhangen. Die steile Küste und die herbstlich verfärbten Birken verbreiteten im Zusammenspiel mit der feuchten Luft ihre eigene Atmosphäre, stimmungsvolle Bilder prägten sich ein.


Herbststimmung am Baikalsee  

Das Wetter schlug rasch weiter um, Irkutsk verabschiedete uns windig nasskalt. Am späten Nachmittag stiegen wir mit unserem Gepäck und reichlich Proviant vom Irkutsker Markt in die transsibirische Eisenbahn. Wir hatten zu zweit bzw. zu dritt 4er Abteile gebucht, um genügend Platz zu haben. Die erste Nacht im Zug war schlaflos, ich musste mich erst daran gewöhnen, was aber weder am Abteil, noch an der Umgebung lag. Endlose Birkenwälder zogen am Auge vorbei, ab und zu unterbrochen von kleinen Häuseransammlungen oder Dörfern. Je länger die Fahrt andauerte, desto vertrauter wurde mir der Zug. Regelmäßig Tee aus einem Heißwasserboiler im Gang, die vertrauten Gesichter der Schaffnerinnen, die ab und zu die Uniformen gegen Kittel tauschten, um in den Abteilen zu saugen oder den Gang zu wischen. Ein echter Eisenbahnfan werde ich nie, aber 38 Stunden Zug waren überschaubar. In der zweiten Nacht schlief ich sogar durch. Interessant waren auch die manchmal halb- bis dreiviertelstündigen Aufenthalte in den größeren Städten. In Novosibirsk machten wir abends bei einem „Baikal 9“ (das ist die Bockbiervariante…) in einer kleinen Bahnhofstrinkhalle Bekanntschaft mit Ruslan. Er saß am Nachbartisch und hörte, dass wir Deutsch sprachen. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ legte er los. Ein Kirgise, der Deutsch studiert und dabei Nietzsche, Kant und Hitler gelesen hatte. Verrückte Welt und was für eine Mischung.
Am 8.Tag erreichten wir in der Frühe Omsk, 2.500 km Zug lagen hinter uns, zwei Stunden Zeitverschiebung zurück in „unsere“ Richtung. Unser Stadtführer Wladi empfing uns am Bahnhof. Mit einem luxuriös ausgestatteten Mercedes Van neuester Bauart wurden wir ins Hotel gefahren und konnten Gott sei Dank sofort die Zimmer beziehen. Eine heiße Dusche und zwei Stunden Ruhe bevor uns Wladi die Stadt zeigte. Omsk hat über 1,1 Millionen Einwohner und wurde 1716 vom deutschstämmigen Oberstleutnant der russischen Armee Buchholz gegründet. Im russischen Bürgerkrieg Hauptstadt der zaristisch gesinnten Weißen Armee unter Koltschak. Im zweiten Weltkrieg wuchs Omsk durch die Verlagerung der Industrie außerhalb der Reichweite der Wehrmacht auf die dreifache Größe. Nach dem Krieg wurde Omsk wegen seiner bedeutenden Rüstungs- und Raumfahrtindustrie zu einer geschlossenen Stadt erklärt. Ausländer hatten keinen Zutritt, die Einwohner durften allenfalls eingeschränkt reisen. Heute ist Omsk eine Stadt mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten, beispielsweise die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, die innerhalb von 1994 bis 1996 allein durch Spenden wieder aufgebaut wurde oder das über 130jährige Schauspielhaus.


Mariä-Entschlafens-Kathedrale 

Wladi kommt aus der Omsker Region, er kennt das Land, seine Menschen und Geschichten aus dem Effeff, näher als durch ihn kommt man an die russische Seele in so kurzer Zeit nicht heran. Eine Stadtführung der besonderen Art, leidenschaftlich, packend und niemals langweilig von Wladi für uns aufbereitet: Sibirien, Inbegriff für Verbannung seit der Zarenzeit, das Gulag System mit seinen zahllosen unmenschlichen Lagern, der scheinbar grenzenlose und in Jahrhunderten immer wieder gefütterte, unstillbare Hass zwischen den Menschen. Und doch ist da viel mehr. Eine Herzlichkeit, Liebe zur Heimat, Hilfsbereitschaft untereinander, die Hoffnung gibt, an die ich gerne glaube.


Zeit, die Startunterlagen zu holen 

Am Nachmittag rückte der ursprüngliche Hauptgrund für unsere Reise in den Fokus, gemeinsam mit Wladi holten wir die Startunterlagen für den Marathon am 22.09.13 ab. Die Marathon-Messe war ziemlich versteckt in der Ecke eines großen Saals, der gerade Messestände von Orthodoxen aus ganz Russland beherbergte. Auf dem Weg zurück zum Hotel erfuhren wir dann auch, dass der Start nicht um 9.00 Uhr, wie auf der englischen Version der offiziellen Omsk Marathon Website zu lesen, sondern um 12.00 Uhr erfolgen würde. Für das klassische Pasta-Essen vor dem Marathon, also das den Bauch mit Kohlenhydraten vollschlagen hatten wir leider eine schlechte Wahl getroffen, wir saßen in der betriebskantinenartigen Filiale einer italienischen Kette. Die meisten Gerichte auf dem warmen Buffet waren kalt oder durch zu langes Warmhalten jeglichen Geschmacks oder Nährwerts beraubt. Nudeln waren knapp. Das war alles nicht weiter schlimm, denn es gab nicht nur bei mir genügend Gründe, dem Start mit mulmiger Unsicherheit entgegenzusehen. Zwischen Donnerstagabend und Samstagnacht hatten sich neben mir noch zwei weitere meiner Marathon-Mitstreiter den Magen verdorben, aber darauf gehe ich nicht näher ein. Sonntagmorgen war der Himmel bedeckt, es war kalt und windig. Am Startpunkt, der nahe der wunderschönen Maria-Entschlafens-Kathedrale liegt, maximal 12°C. Die Glocken läuteten und los ging es. Die Strecke führt durch die Stadt, man läuft entlang aller Sehenswürdigkeiten, über Brücken, entlang des Flusses Irtysch, eine interessante, anspruchsvolle Strecke mit abwechslungsreichem Profil. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein musste, die letzten Tage waren unangenehm gewesen, körperlich keine akzeptablen Vorraussetzungen für so eine Strapaze. Die ersten 12 km verliefen gut, aber dann meldete sich mein Magen, der hart wurde und schmerzte. Als es ca. bei KM 16 bei Gegenwind hoch auf und über eine lange Brücke ging, war ich nahe dran, den Lauf zur Hälfte der Strecke abbrechen zu wollen. Da war nichts, was mich den Lauf genießen ließ, kein Halt von innen, keine Unterstützung von wo auch immer. Dann sagte ich mir, dass es ja wohl nicht sein könne, dass ich 5.000 km entfernt von der Heimat einfach so wegen ein paar Magenschmerzen aufgebe. Die Leiden, die Menschen in Sibirien ertragen und überlebt haben, kamen mir in den Sinn. Was war da schon ein Marathon mit Bauchweh? Raff’ Dich auf Du Weichei, es ist eine große Ehre, hier starten zu können und wahrscheinlich kommst Du nie wieder hier her. Das half und zu meinem Glück fand ich bei KM 23 Halt in einem Läufer, der mittels grüner Luftballons alle, die das Ziel in 3.15 Std. erreichen wollten, in passendem Tempo leitete. Ich konzentrierte mich einzig darauf, mich an dieses Grüppchen zu klemmen und an nichts anderes zu denken. Die Ballons baumelten am Leitwolf, ich gehörte jetzt zu seinem Rudel. Wann immer wir uns einer größeren Gruppe Zuschauer entlang der Strecke näherten, brandete Jubel auf. Ich war dankbar und sog die Begeisterung auf, der Magen war ruhig und vergessen. Bis KM 34 konnte ich das Tempo halten, der Leitwolf hatte bis dahin Witze gerissen und Geschichten erzählt, auch dubiose klare und dunkle Getränkeflaschen von Zuschauern entgegengenommen und auch daraus getrunken…
Leider gingen meine Reserven zur Neige, ab KM 35 wurde ich deutlich langsamer und war zumindest sicher, es noch gut unter 3.20 Std. zu schaffen, aber das wurde rasch zur Illusion. Der Mangel an Schlaf und guter Ernährung setzte mir unerbittlich zu, ich musste das Tempo weiter reduzieren, um keinen Krampf zu riskieren. Ab KM 40 machte ich nur noch klitzekleine Schritte und rettete mich schließlich mit 3.22,58 Std. netto ins Ziel. Zu keiner Sekunde war ich enttäuscht, ich war und bin einfach nur stolz und überglücklich, dass ich durchgehalten habe. Später freute ich mich umso mehr, dass alle unsere fünf Marathonstarter/innen es geschafft hatten und auch die beiden 10 km Läufer ein gutes Rennen gelaufen waren. Unseren Erfolg feierten wir gebührend im Irischen Restaurant „Koltschak“, die Gerichte der Karte sind schmackhaft und durch die Bank empfehlenswert.


Restaurant "Koltschak"  

Leider endete unser Sibirien-Abenteuer hier, am nächsten Morgen ging es über Moskau mit dem Flieger zurück nach Deutschland.

Fazit: Eine in jeder Hinsicht spannende und unvergessliche Reise, bei welcher der ursprüngliche Anlass und geplante Höhepunkt Omsk Marathon durch die Tage in Irkutsk, am Baikalsee und in der transsibirischen Eisenbahn zur Nebensache wurde. Diese Tour würde sicher auch Nicht- Marathonläufer begeistern. Mit Varvara und Wladi hatten wir zwei sehr sympathische, engagierte, kenntnisreiche Guides, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ich Sibirien ins Herz geschlossen habe.

Hans-Jürgen Teßnow, Oktober 2013


Immer eine Reise wert: Der Baikalsee 

Russland - Altai - Trekking zur Belucha <

Russland - Marathon in Omsk 2008 >

Startseite | Impressum | Kontakt