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Touren nach Réunion

La Réunion – das Naturwunder im Indischen Ozean
Zu Fuß durch die Talkessel des höchsten Berges des Indischen Ozeans
(24.04.2005 – 10.05.2005)

Seit einigen Jahren beschäftigten wir uns mit der Insel La Réunion, einer jungen Vulkaninsel, ca. 800 km östlich von Madagaskar im Indischen Ozean gelegen. Mit dem Piton des Neiges (3070m) besitzt sie die höchste Erhebung des Indischen Ozeans. Sie ist ein Departement Frankreichs, ca. 10 000 km südöstlich vom Mutterland entfernt.
La Réunion hat die Form einer Ellipse (72 km lang, 51 km breit, eine Fläche von 2512 km⊃2;). Die Hauptstadt St. Denis ganz im Norden hat ca. 110 000 Einwohner (Angaben schwanken bis 220 000). Insgesamt bewohnen etwa 650 000 Menschen die Insel.
In Reiseberichten überschlagen sich die Superlative über dieses Eiland. Die 3 Elemente Feuer, Wasser, Erde lassen sich dort in ihrer intensivsten Form erleben. Die Faszination der bizarren Bergwelt, das tropische Klima, das bis auf ca. 1500 m Höhe reicht, die Üppigkeit der Flora, die Wasserkaskaden, die spektakulär in die Talkessel stürzen, von Palmen gesäumte Badestrände, an die hohe Surfwellen schlagen und die beiden Vulkane, wovon einer noch ständig aktiv ist, weckten unser Interesse.
Außerdem wollten wir die Toleranz der Kulturen und Religionen, die sich gegenseitig respektieren, erleben.
Wir setzten also endlich unseren lang gehegten Wunsch um und wagten diese Trekkingtour im Alleingang, ohne zu ahnen, was uns erwarten wird.
Um die Spannung auf das Ergebnis vorwegzunehmen: wir erlebten das bisher schönste Abenteuer in unserem „Trekkingleben“. Ein Abenteuer, das sich auf dem Grat zwischen harten alpinen Touren im tropischen Regenwald, kahlem Vulkangestein und der Zivilisation mit Strandleben und dem Genuss der Inselwelt auch unter dem Wasser sowie den sommerwarmen Nächten auf den Hotelterrassen bewegte. Wir hatten 14 Tage gebucht, und uns erscheint es noch jetzt, als ob wir eine Ewigkeit dort gewesen wären. Die ungezähmte Natur und das Schauspiel der Elemente ließen uns diese Insel als einen einzigen Garten Eden erscheinen. Wir erlebten die Toleranz der Kulturen und wurden als Fremde freundlich aufgenommen. Jeder Tag war angefüllt mit neuen Entdeckungen und Begegnungen, vor allem mit den Kreolen, den Nachkommen der im 19.Jahrhundert entlaufenen Sklaven, die vor den unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrfeldern an der Küste in die undurchdringliche Bergwelt der vulkanischen Hochebenen geflohen waren. Wie leben diese Nachkommen heute? Wie werden sie uns begegnen? Wie werden wir als Besucher ihrer Gebiete angenommen? Das allein war schon spannend genug. Dazu kam natürlich unser Anliegen, diese Talkessel, durch die es keine durchführenden Straßen gibt, die man im Inneren (vor allem im Cirque de Mafate) nur zu Fuß oder per Hubschrauber erreichen kann, von Ost nach West in 7 Tagen zu durchwandern. Alle Eigenschaften, die man als Bergwanderer braucht, wurden abverlangt: Ausdauer, Trittfestigkeit, Leidensfähigkeit (bei noch 26°- 28 ° C in 2000 m Höhe mit 12 bzw. 8 kg schweren Rucksäcken). Den Mut zur Umkehr durften wir hier nicht zulassen. Es konnte keine Umkehr geben, denn die nächste Berghütte war gebucht, und wenn wir nicht angekommen wären, hätte man uns sicher als vermisst gemeldet. In der Dunkelheit, die mit Sonnenuntergang schlagartig einsetzt,
lauern doch Gefahren. Unterwegs fanden wir z.B. ein „Fahndungsplakat“ mit Foto über einen vermissten einheimischen Wanderer. Einen „point no return“ gab es jeden Tag. Wir waren informiert, unsere Hüttenziele möglichst bis 17.00 Uhr zu erreichen und haben es auch immer geschafft. Da wir noch nie jenseits des Äquators gewesen sind, konnten wir uns gar nicht vorstellen, dass es jeden Tag kurz nach 18.00 Uhr stockfinster wird. Also hieß es mit Sonnenaufgang (ca. 6.00 Uhr) aufstehen, frühstücken und 7.30 Uhr den beschriebenen Weg (mit gutem Kartenmaterial, das wir bei der Ankunft bekamen) fortsetzen.
Bevor wir die Wanderstiefel schnürten, war eine Menge vorzubereiten, wie bei einer jeden Trekkingtour, die in ferne Länder geht. Das Wichtigste war, eine gute Airline und einen
preiswerten Reiseanbieter für die Unterkünfte zu finden sowie eine günstige Reisezeit zu wählen. Die Airline war schnell gefunden. Wir wählten die AIR FRANCE ab Frankfurt/M., da diese die landeseigene Fluggesellschaft ist und preiswerter als andere Fluggesellschaften war, zumal andere außerdem zuerst Mauritius anfliegen.
Einen geeigneten Reiseanbieter zu finden war schon schwieriger, weil entweder sehr teuer oder nur mit Wanderführer bzw. nur 1 Woche in Kombination mit Mauritius, der Badeinsel. Per Zufall fanden wir „schulz-aktiv-reisen“ aus Dresden und waren mit deren Angebot rundum zufrieden. Wir waren „Alleinunternehmer“ (weniger als 2 Personen werden nicht für die Trekkingtour zugelassen, weil die Einsamkeit und Abgeschiedenheit für eine Person zu gefährlich ist), hatten unsere Unterkünfte (in den Bergen mit HP), für 4 Tage ein Mietauto und Kartenmaterial. Von der Ankunft in La Réunion bis zum Rückflug hat alles perfekt geklappt. Im Vorfeld waren wir schon über die Streckenplanung informiert, so dass wir uns zuhause gut vorbereiten konnten, einschließlich der Landessprache. Vor Ort merkten wir, dass zwar Französisch die vorherrschende Sprache ist (vor allem bei den Hüttenwirten in den Cirquen [Talkesseln]), aber unsere Verständigungssprache in den Hotels und mit den Wanderern auf den Hütten war Englisch. Wir trafen auch auf deutschsprechende junge Leute. Auf dem Gipfel des Piton de la Fournaise (dem noch aktiven Vulkan) sprach uns ein junger Kreole deutsch an und wollte wissen, warum wir auf seine Insel gekommen sind. Als wir es ihm sagten, meinte er voller Stolz, dass er wohl die schönste Heimat der Welt habe, immer Sonne, schöne Berge, eine wilde Felsenkulisse am Meer und den Vulkan, den man erleben muss, wenn er Feuer spuckt. Von Deutschland wusste er, dass es einmal ein geteiltes Land war, und äußerte sich dahingehend, dass die Deutschen guten Fußball spielen würden und eine gute Technik hätten. Auf die Frage, woher er denn seine Kenntnisse habe, erklärte er, er habe in der Schule Deutsch als Fremdsprache gelernt. Leider habe er wohl nicht so gut aufgepasst, sonst könnte er sich mit uns besser unterhalten.
Auf dieser entfernt liegenden Insel weiß man also einiges von uns...Wie würde eine Umfrage hier aussehen? Wer weiß, dass es La Réunion gibt, wo es liegt und was dort typisch ist? Ehrlich gesagt, vor längerer Zeit wussten wir das selber noch nicht.

Für die Reisezeit haben wir den Übergang zum tropischen Winter gewählt (April/Mai) und es daher mit dem Wetter sehr gut getroffen. Noch sehr warme 36° C an der Küste, 24°-26° C in den Bergen (nur an einem Tag Regen, leider beim Auf- und Abstieg zum und vom Piton des Neiges, aber davon später) und keine Zyklongefahr.

Ca. 11 000 km lagen hinter uns, als der Airbus aus Paris in St. Denis, der Hauptstadt der Insel, landete. 3 Stunden Zeitunterschied trennen uns (durch unsere Sommerzeit sind es nur 2 Stunden). schulz-aktiv-reisen erwartete uns schon, und mit einem Kleinbus wurden wir nach St.Gilles, den sonnigen Badestrand im Westen der Insel, gefahren. Es war gegen 11.00 Uhr Ortszeit und anstelle der Bergkette sahen wir nur ein Wolkenband. Der Fahrer erklärte uns, dies sei normal. Nur bis ca. 10.00 Uhr kann man die Berge sehen, dann hüllt sich das ganze Gebiet in Wolken. Na, das kann ja was werden, wenn wir dann tagelang im Nebel wandern, ging es uns durch den Kopf. Aber was man eben nicht kennt...Zunächst sahen wir uns an der Blütenpracht der Bäume und Sträucher satt und nahmen auch den starken Autoverkehr, der dem unseren gleicht, wahr. Ein pulsierendes Leben, vorerst keine einsame Insel! Es ging immer am Meer entlang, und die Sonne stand voll über uns. Überall gepflegte Häuser, viele mit Swimmingpool, keine Bettenburgen!!! Auch unser Hotel, das uns dann eine Woche später wieder aufnahm, lockte gleich mit einem herrlichen Bad im Pool. Nach dem langen
Flug (11 Stunden) war es eine Wohltat. Für 24 Stunden war nun St.Gilles unser Zuhause. Nachdem wir wieder frisch waren, erkundeten wir den Traumstrand mit den Filao –und Flammenbäumen (Flamboyant),


Flammenbaum


die leider kaum noch Blüten trugen (nur von November bis Januar), sich aber farblich wunderbar vom weißen Sand, dem blauen Meer mit den weißen Schaumkronen am Korallenriff und dem tiefblauen Himmel abhoben.
Am Spätnachmittag gingen wir, nachdem wir uns mit Verpflegung für die Wandertour eingedeckt hatten, noch einmal an den Strand, um im Meer zu schwimmen und den Sonnenuntergang zu erleben. Enttäuscht betraten wir das herrlich warme Wasser, das voller blauer Seeigel und abgestorbener Korallen war. Schwimmen war nicht möglich wegen der geringen Wassertiefe. Also hieß es, sich vorsichtig an den Seeigeln und scharfen Korallenstücken vorbeitasten und nur keine Verletzung einfangen. Das wäre für die Wanderung fatal geworden. Wir kamen ohne Lädierung wieder aus dem Wasser und schafften es gerade noch, den Sonnenuntergang zu genießen. Wir staunten, wie rasend schnell die Sonne im Meer versank. In stockfinsterer Nacht gingen wir zum Hotel zurück. Überall auf den Straßen war reges Leben, an der Strandpromenade kamen uns Jogger entgegen – man kann sich ja sportlich erst betätigen, wenn die Sonne weg und es etwas kühler ist. Der nahe gelegene Tennisplatz hatte seine Beleuchtung an, und wir hörten von unserer Terrasse aus bis in den späten Abend die Ballaufschläge.
Unsere Rucksäcke wurden nun für die Trekkingtour gepackt. Am nächsten Vormittag deponierten wir unsere Koffer im Hotel für eine Woche. Wir setzten uns in den Palmengarten am Pool und warteten auf den Transfer in den ersten der drei Talkessel.
Es ging in den Osten der Insel, in den Cirques de Salazie, nach Hell-Bourg.


Cirque de Salazie


Dieser Ort war zur Kolonialzeit Mittelpunkt der Insel, weil es Thermen gab, die aber durch einen Erdrutsch verschüttet wurden. Der Cirque de Salazie ist der wasserreichste Talkessel, der Obst-und Gemüsegarten der Insel. Hier wird die Gemüsespezialität Chou-Chou (eine Lianenpflanze) angebaut. Meterhohe Bambusbüsche rahmen die Straße ein, Wasserfälle ergießen sich auch über die Straße. Die einheimischen Autofahrer wissen schon, wann sie die Autoscheiben schließen müssen, damit sie vom Wasserfall nicht geduscht werden. Vorbei ging es auch an einer der größten Kaskaden, den Brautschleierfällen. Unser Fahrer machte extra für uns einen kurzen Halt, damit wir fotografieren konnten. Nach unserer Ankunft blieb noch reichlich Zeit, uns die schönen Kreolenhäuser im Ort anzusehen und die nähere Umgebung mit ihren farbenprächtigen Sträuchern zu bewundern. Mit Hilfe der Einheimischen fanden wir auch den Einstieg für die erste Etappe unserer Tour am nächsten Tag. In dem schmucken Hotel “Relais des Cimes“ bestellten wir uns am Abend voller Neugier das Nationalgericht der Kreolen, Carri: es besteht aus einer „spezifisch kreolischen Sauce aus Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Thymian und stark gelbfärbendem Curcuma (falscher Safran), in der kurz gebratene Fleischstücke, meist Huhn, Ente, Schwein, aber auch Fisch oder Krustentiere gegart werden“ (A.u.N.Miller, Reunion, DuMont Köln, 2.Aufl., 1999, S.58). Es wird mit pappigem Reis und Linsen oder (braunen) Bohnen gegessen. Dazu gibt es eine Beigabe namens rougail (kleingeschnittenes Gemüse mit gehackten Zwiebeln und feuerscharfen Chilischoten). Wir bestellten Carri de Porc (Schwein) à l`anas avec Chou-Chou und ein Bier der Marke „dodo“, benannt nach dem gänsegroßen Vogel Dodo (Dronte), dem Nationalvogel Réunions. Bereits gegen 1680 ist er ausgestorben bzw. ausgerottet worden, weil er u.a. den ersten Seefahrern als Nahrungsmittel diente. Unser Gericht schmeckte ausgezeichnet wenn auch ungewöhnlich. Hätten wir aber gewusst, dass wir die ganze folgende Woche jeden Abend das gleiche Gericht, abwechselnd mit Huhn oder gebratener Wurst, als einzige warme Tagesmahlzeit bekommen würden, hätten wir sicher etwas anderes gewählt.
Am nächsten Morgen ging es an der Talkesselwand ca. 500 HM (Höhenmeter) in steilen Serpentinen hinauf zum Plateau de Bélouve zum Regenwald. Obwohl die Sonne ganz schön
Brannte, liefen wir immer geschützt von Sträuchern, die mit knallroten Glocken behängt waren, und Farnbäumen bis zu unserer ersten Hütte. Gegen Mittag hatten wir das Tagesziel erreicht und hofften, dort die Rucksäcke lassen zu können. Aber ein Zettel an der Tür informierte, dass ausnahmsweise erst um 15.00 Uhr geöffnet wird. Wir wollten noch
unbedingt zum Trou de fer, einem Wasserfall, der 900 m in die Tiefe stürzt und nur aus der Luft oder vom Regenwald aus zu sehen ist. Also machten wir uns mit Gepäck auf die 5-stündige Tour („aller et retour“, d.h. hin und zurück). Je näher wir dem Ziel kamen, desto morastiger wurde der Weg im ständigen auf und ab. Stellenweise waren wie bei Wanderungen im Moor Bohlen gelegt. Es wurde immer wässriger und immer nebliger. Ja, wir hatten vergessen, wir waren im Regenwald!!! Von weitem hörten wir endlich Wasserrauschen. Aber das war es auch schon. Wir standen auf der Aussichtsplattform vor dem Trou de fer im dichten Nebel. Hier muss man offensichtlich bis ca. 10 Uhr da sein, wenn man etwas sehen will!!!
Müde, aber nicht unzufrieden, kamen wir noch rechtzeitig an der Hütte Gite de Bélouve (1507m) an, hatten zum Duschen warmes Wasser und trafen an diesem Abend ein deutsches Ehepaar, das einen Laptop mithatte. Dadurch konnten wir gleich unsere Digitalfotos ansehen.
Zum Abendessen gab es Carri!!!

Am 3.Tag ging es wieder durch den Regenwald mit riesigen Farnbäumen, Tamarinden und krumm wachsenden ungewöhnlichen Bäumen, deren Stämme und Äste von tropfnassen Moosen und Flechten überzogen waren und an denen sogenannte Aufsitzerpflanzen, Epiphyten, wurzelten. Rosettenförmige Bromelien und allerlei Farnarten bildeten eine wuchernde Blättermasse und ließen das Licht immer diffuser werden. Über 100 Orchideensorten sind auf Réunion zuhause, und viele davon sahen wir. Je höher wir kamen, es waren 1000 HM an diesem Tag (18 km), desto wechselhafter wurde die Fauna; in der Nähe der Hütte gab es nur noch Baumheide. Wir mussten in dieser Höhe wieder durch erstaunlich viel Nässe und Morast, z.T. gab es Holzstege wie beim Überqueren von Hochmoor. Mehrmals waren zum Übersteigen von blankem glitschigem Fels auch Leitern angebracht.
Als wir das Hochplateau erreicht hatten, breitete sich vor uns der riesige Wald von Bébour aus, der bis fast an die Ostküste reicht. In der Ferne sahen wir die Silhouette des noch tätigen Vulkans Piton de la Fournaise.
In der Hütte Caverne Dufour (2478 m) war schon mächtig Betrieb. Die meisten Wanderer lagen auf ihren Betten, schachmatt von dem über 1100 HM wie mit Treppenstufen ausgelegten Aufstiegsweg aus der Stadt Cilaos. Was wir über den Tag verteilt an Höhenmetern zu bewältigen hatten, mussten diese in einem Ritt hochsteigen. Eine Schweizerin sagte uns, dass sie am nächsten Morgen nicht zum Gipfel aufsteigen wird, weil sie die Kraft für den Abstieg zurück nach Cilaos benötige. Solche Strapazen sei sie in ihren Züricher Alpen nicht gewöhnt! Mit unserem „Frischmachen“ waren wir schnell fertig. Duschwasser gab es nicht. Das 4mm dicke Rinnsal aus den Wasserhähnen reichte nur zum Zähneputzen und Rasieren. Schnell füllten wir noch die Trinkflaschen. Denn wenn alle frühmorgens zugreifen wollen, ist Schlangestehen angesagt. Gemütlich saßen wir in dem spartanischen Speisesaal wieder bei Carri und Rum. Den Rum gibt es als Aperitif zu jedem Essen. Zum Trinken gab es wie immer reines Leitungswasser und Rotwein.
Die Nacht war, bei 8 Leuten im Raum, sehr unruhig. Auch wir waren mehr wach, als dass wir schliefen und echt froh, als uns der Handywecker um 3.15 Uhr erlöste.
Wir waren die ersten – und auch mit 65 Jahren die mit Abstand Ältesten – die zum Erlebnis des Sonnenaufganges auf den Piton des Neiges (3070 m) starteten. Mit aufgesetzten
Stirnlampen war der Steig gut erkennbar. Die Nacht war sternenklar. Über uns das Kreuz des Südens, unter uns die Lichter der Küstenorte und des Bergortes Cilaos, zum Greifen nah. Wir hatten einen guten Vorsprung. Es ging sich ohne die schweren Rucksäcke richtig locker, auch wenn es 600 HM waren. Langsam tauchten unter uns die „Verfolger“ auf. Wie an einer
Perlenschnur zog sich die Lichterkette der Stirnlampen nach oben. Die ersten jungen „Sprinter“ huschten an uns vorbei. Der Weg, mit weißen Steinen gekennzeichnet, war in der Dunkelheit sehr gut sichtbar. Bei etwa 2900m tauchten wir in eine Nebelwand ein. Kein Sternenhimmel war mehr zu sehen. Die Umrisse des Weges verblassten immer mehr. Starker Wind kam auf und eine Kälte, wie wir sie hier mitten in den Tropen nicht erwartet hatten. Wir holten, weil wir zur Sicherheit unsere Ersatzsocken eingesteckt hatten, diese aus dem Rucksack und streiften sie wohltuend über unsere Hände. Mütze und Handschuhe lagen im Koffer im Hotel, weil man uns gesagt hatte, dass wir sie keinesfalls bräuchten. Der Wind peitschte immer stärker und die Ersten kamen zurück und sagten „grand malheur“, also großes Pech. Nichts mit Sonnenaufgang und „über den Wolken sein“. Geduldig warteten wir bis es hell wurde und gingen trotzdem noch bis zum Gipfel, um unbedingt den höchsten Berg des Indischen Ozeans zu besteigen. Ein kleiner regenverhangener Rundumblick wurde uns gegönnt, aber die riesige Caldera sahen wir natürlich nicht. Wie immer, wenn wir auf einem wichtigen Gipfel sind, wird ein Gestein, hier dunkelrotes Lavagestein, mitgenommen.
Mittlerweile ging der Nebel in Regen über. Der Wind hatte den Regenüberzug vom Rucksack gezerrt, und wir stiegen im Dauerregen zum Frühstück zur Hütte hinunter. Bis auf die Haut waren wir durchnässt, nur die Füße waren noch trocken. Unsere Regenumhänge hatten wir in der Hütte gelassen, weil das Wetter ja gut war, als wir gestartet waren. Aber spätestens hier wurde uns klar, dass durch die vielen Klimazonen in den Bergregionen es selbst in unmittelbarer Nähe kein einheitliches Wetter gibt. Unser in den Höhenmesser integriertes Barometer spielte ständig verrückt. Durchnässt nahmen wir noch unser Frühstück zu uns. Fast alle anderen Wanderer waren schon ausgeflogen. Als Ersatzkleidung zogen wir T-Shirt und Radlerhose an. Die tropfnassen Sachen verpackten wir in den Rucksäcken, die dann noch schwerer wurden, zogen die rettenden Regencapes über und machten uns auf den 1100 HM Stufenweg steil nach unten in Richtung Cilaos.


Regenwald


Die Ausrutschgefahr war groß, und so ließen wir uns Zeit. Gegen Mittag wurde auch der Regen schwächer. Wir hatten einen Blick für die mit meterlangen Flechten behangenen Bäume, in denen die Regentropfen in der hervorkommenden Sonne wie Diamanten glänzten. Was machte es schon, dass wir tropfnass waren. Dieses Schauspiel hätten wir ohne Regen nie gehabt.
2300 HM lagen an diesem Tag hinter uns, als wir endlich den Parkplatz an der Fahrstraße nach Cilaos erreichten. Hier soll es eine Buslinie geben. Es war kein Haltestellenschild zu sehen und natürlich auch kein Fahrplan. Wir warteten eine halbe Stunde, es regnete wieder stärker, und es kam tatsächlich ein Bus, der letzte des Tages. Anderenfalls hätten wir noch ca. 200 HM Abstieg vor uns auf der Straße gehabt. Für einen Euro pro Person brachte uns der freundliche Busfahrer bis zu unserem Tagesziel, direkt vor das Hotel mit Swimmingpool. Na, danach war uns im Moment nicht zumute, eher nach einer warmen Dusche, die es auch gab. Nach den Strapazen der letzten Nacht war nun wieder exklusiv wohnen in einem Hotel angesagt. Nach dem Duschen ging es uns schon wieder richtig gut, und wir hätten in die Gaststätte gehen können. Aber wir hatten ja, wie arme Leute, nichts anzuziehen. Da wir während des Abstieges wenig Essen zu uns genommen hatten, waren wir für unsere Essenreste aus dem Rucksack dankbar und wurden satt. Auf dem schönen Balkon, mit Blick zum Le Grand Bénare (2896 m), hatten wir unsere mitgebrachte Wäscheleine (plus 12 Klammern) gespannt und alle Sachen aufgehängt. Es würde ja in einer Stunde wieder stockdunkel sein, und niemand konnte diesen “Waschtag“ sehen. Am nächsten Tag war eine
Ruhepause eingeplant. Wir schliefen mit dem Gedanken ein, uns wirklich einmal auszuruhen. Doch nachts um 3.15 Uhr schreckte uns kurzzeitig der Handywecker auf. Wir hatten vergessen ihn abzustellen.
Wir erwachten nach dem Sonnenaufgang und hatten eine Traumlandschaft vor uns. Der Rücken des Talkessels von Cilaos mit dem Le Grand Bénare und dem Piton des Neiges mit
ihren großen Wänden standen vor uns. Die Wanderbekleidung war getrocknet. Wir konnten wieder unter die Leute gehen. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Säften, Obst, Joghurt, Baguette und Croissants machten wir uns zum Einkauf für die nächsten 3 Tage auf den Weg. Unterwegs blieben wir oft vor zahlreichen Fotomotiven stehen.
So faszinierte uns die große, schwarz-weiß-gelbe Seidenspinne, Bib,


Seidenspinne Bip


die sich überall in voller Pracht zeigte. Sie kann bis 6 m große Netze von solcher Stärke produzieren, dass kleinere Vögel sich darin verfangen. Die Stromleitungen und Wipfel der Sträucher waren von diesen Spinnen umwoben. Wer unter Spinnenphobie leidet, bekommt bei diesem Anblick bestimmt Probleme. Es war, obwohl wir uns in 1200m Höhe befanden, schon wieder unheimlich warm geworden, gerade richtig, um sich zur Mittagszeit im schönen Pool zu erfrischen. Nach einem Imbiss entschlossen wir uns, keine Ruhepause einzulegen, sondern, nachdem wir das Profil der nächsten Strecke gesehen hatten, eine Wanderung zur Cascade Bras Rouge zu unternehmen. Diese Strecke hätte uns am nächsten Tag mindestens 600 HM zusätzlich gekostet. Im Hotel erfuhren wir, dass wir am nächsten Tag zum nächsten Einstieg auch den Bus nehmen können, der oberhalb der Cascade entlang fährt. Zuvor suchten wir noch das Maison de la Montagne (sinngemäß: Tourismusbüro) auf, um einige Karten zu kaufen und uns über die weitere Tour zu informieren. Eine hervorragend deutsch sprechende tschechische Austauschstudentin gab uns die Information und tröstete uns wegen des ausgefallenen Sonnenaufgangs auf dem Piton des Neiges. Sie sei schon zweimal oben gewesen und habe auch nie Glück gehabt; wahrscheinlich gäbe es nur sehr selten die Gelegenheit einer wirklichen Fernsicht. Das tröstete uns schon.
Wir stiegen dann 300 m zu der Cascade ab. Wieder war der Weg eingerahmt von Riesenagaven, Bananenstauden, Liliengewächsen, Bromelien. Es war wie im Dschungel und ebenso schwül. Die Cascaden waren Wasserfälle, die sich 60-80m über die ausgewaschenen Steine stürzten.
Im Maison de la Montagne hatten wir uns noch eine Flasche Wein, der in Cilaos angebaut und produziert wird, gekauft und damit auf die Halbzeit der Wandertour in unserem Hotel angestoßen.
Am nächsten Tag war 1. Mai und auch in Réunion Feiertag und zugleich Starttag für den Piton-des-Neiges-Lauf. Diesen Start schauten wir uns um 7.00 Uhr noch an und wussten, was diese Läufer sich da antun (ca. 250 Läufer).
Mit einer großen Gruppe von jungen Leuten, die als Wassersportler Wasserfälle bewältigen wollten, warteten wir nun auf den Bus, in den sich auch noch die Letzten hineinzwängten. Wir waren froh, einige hundert Höhenmeter gefahren zu werden, sparten wir doch damit ca. 600 HM zu Fuß durch das Tal der Cascade de Bras Rouge.
Unser Wanderwerg in den Cirque de Mafate schlängelte sich steil nach oben zum Col de Taibit (Paß) auf 2081 m (ca. 800 HM).


Col de Taibit


Der Blick zurück nach Cilaos und den Talkessel wurde immer schöner, aber nur bis 11.00 Uhr. Dann zogen die Wolken unerbittlich den Vorhang zu. Als wir den Paß erreicht hatten, blickten wir in den noch sonnenüberfluteten Talkessel von Mafate (4. Bild). Wir sahen unser Ziel, das Örtchen Marla (1640 m/ ca. 60 Einwohner) liegen und überall, wo sich ein kleines Hochplateau zeigte, waren Ansiedlungen von Menschen zu sehen. Hier war also die andere Welt, die nur zu Fuß oder mit dem Helikopter erreicht werden kann. Zwei Stunden später kamen wir nach steilem Abstieg durch scharfkantiges Vulkangestein in unserer Unterkunft an.
Wir hatten eine ärmliche Hütte ohne Strom und warmes Wasser vermutet und fanden einen feinen, kleinen neuen Bungalow mit warmer Dusche und modern bezogene Betten vor. Ein 12jähriger Junge begrüßte uns sehr nett. Er erklärte uns alles, vor allem wann wir im Gemeinschaftraum zum Abendessen erscheinen sollen. Später kam die Hausherrin (eine Kreolin) mit ihrem Baby auf dem Arm und begrüßte uns wie gute Bekannte. Wir erfuhren von
ihr, dass die Orte untereinander Kontakt haben. Man muss eben dorthin laufen, das sei doch nicht schlimm. Der Sohn habe einen täglichen Schulweg von 5km (also 10 km hin und zurück), bergauf - bergab, das sei normal hier. „Wir haben hier Solarstrom, waschen mit der Waschmaschine, haben einen Kühlschrank und jeden Tag Gäste“. Das sei für sie sehr schön. Und dass ihr diese Arbeit Spaß macht, merkte man an dem liebevoll zubereiteten Essen mit einem köstlichen Salat als Vorspeise. Hier schmeckten uns sogar Carri und Linsen sehr gut. In den modernen Speiseraum passten etwa 20 Leute; alle saßen beisammen wie eine große Familie. Wir saßen mit jungen Franzosen am Tisch und hatten viel Spaß miteinander. Wieder waren wir die einzigen Senioren unter lauter Jugendlichen.
Am nächsten Morgen zogen wir alle unserer Wege. Ein Pärchen ging mit uns bis zu den Trois Roches, den 3 riesigen Granitfelsen im Tal des Rivière de Galet. Zu diesem Fluss mussten wir sehr steil über Vulkangestein absteigen und ihn dann überqueren. Er hatte so viel Wasser, dass es nur barfuß möglich war. Die jungen Leute erwarteten uns dort und halfen mit, einen Rucksack hinüberzuschaffen. Wir fotografierten uns noch gegenseitig. Dann wurde eine Picknickpause eingelegt und zum Löschen des Durstes tranken wir das Flusswasser. Das ist auf der Insel überall möglich! Das Wasser aus den Leitungen, welches wir täglich in die Trinkflaschen füllten, ist aus Quellen und Flüssen und bedarf keiner Aufbereitung. Es schmeckte köstlich, nicht nur weil wir immer sehr durstig waren. 2 Stunden gingen wir nun an diesem Fluss entlang, der bei der Hauptstadt in das Meer fließt und dort ein mehrere 100 m breites Flussbett hat, bis zur nächsten Überquerung. Baden war nicht möglich, weil an den ungefährlichen Stellen zu flaches Wasser war und es an den Kaskaden lebensgefährlich gewesen wäre (Abrutschgefahr). So blieb das Kühlen der Füße übrig, was schon unheimlich erfrischte. Es war erstaunlich viel Betrieb an dieser sonnigen Badestelle. Sie ist so eine Art Wegkreuzung der verschiedensten Wanderrouten. Für uns kam nun der anstrengendste Teil des Tages. Entlang an der Kesselwand 3 Stunden zunächst bergan bei ca. 26° C nach Roche Plate (1100m), einem weiteren Ort im Mafate.
Als wir den Pass erreichten, lag uns Roche Plate mit seinen vielen kleinen Weilern zu Füßen. Schon wieder zogen Nebelschleier auf. Mit Jugendlichen, die uns unterwegs überholt hatten, teilten wir die Berghütte, die vom Komfort her die schlechtesten Bedingungen aufwies, aber wunderschön eingerahmt von Riesenweihnachtsternbüschen am Hang lag. Hier erlebten wir nach Sonnenuntergang zum ersten Mal kleine Mückenschwärme. Fenster und Türen wurden sofort dicht gemacht. Die Jugendlichen kannten sich hier offensichtlich gut aus und gaben uns zu verstehen, dass die Mücken sehr lästig seien (Malaria gibt es auf La Réunion nicht). Unser Abendessen bekamen wir in einem Haus, das ca. 50 m tiefer lag. Durch die dschungelartige Bewachsung war in der Dunkelheit der Weg nur mit der Stirnlampe gefahrlos in ca. 15 Minuten zu bewältigen. Die wenigen Häuser, die in der Umgebung waren, werden von Bananenstauden, Trompeten- und Mangobäumen und anderen Exoten so überragt, dass ihr Licht nicht nach außen dringt. Am nächsten Morgen sahen wir erst, welchen Weg wir in der Nacht genommen hatten.
Der 7. und letzte Tag unserer Tour begann und verlangte uns noch einmal alles ab. Es ging weiter die Kesselwand entlang in einem stetigen Aufstieg von 1100 Höhenmetern bis zum Gipfel des Maido (2203 m). Herrliche Blicke in das Mafate entschädigten wieder. Es war
schon ein Abschiednehmen von den Menschen, die hier leben, keine Verkehrsmittel haben, den Gemüse- und Obstanbau ohne moderne Geräte bewerkstelligen müssen und alle
Annehmlichkeiten des täglichen Lebens nur über die Helikopter bekommen können, aber offenbar zufrieden sind. Wir wussten aus der Literatur, dass die Regierung in Paris sehr viel für diese Einwohner tut, sie finanziell unterstützt, damit sie bleiben und weiter Familien gründen. Mit den Bewohnern sind sich die Politiker einig, dass dort keine Straßen gebaut
werden, die einen Eingriff in die Urwüchsigkeit der Natur bedeuten würden. Wer das Mafate ohne Wanderschuhe sehen will, kann mit dem Auto oder Bus bis zum Maido hochfahren. Dort sind große Parkplätze. Man muß früh aufstehen, sonst gibt es keine Sicht. Als wir gegen 14.00 Uhr den Gipfel erreichten, sahen wir nicht einmal die gefährliche Abrisskante, vor der eine Barriere schützend absperrt. Auf dem Hochplateau genossen wir noch die pralle Sonne, ehe uns der Transfer durch den Nebel hindurch 2200m hinab auf Meereshöhe zu unserem Hotel brachte. Wir erhielten unsere Koffer zurück, bezogen unser Zimmer, duschten und genossen in frischer Kleidung den herrlichen Balkon am Pool. Rundum zufrieden über die tolle Tour riefen wir (zu Billigtarifen!!!) zuhause bei unseren kleinen und großen Kindern an und meldeten uns wohlbehalten zurück.

Die Wandertour war zuende, aber das große Abenteuer noch nicht.
Bereits bei der Ankunft auf La Réunion hatten wir zwei Ultraleichtflugzeuge gebucht, die uns nun am nächsten Tag über unser Wandergebiet fliegen sollten. Also kein relaxen und ausschlafen waren angesagt, sondern um 5.00 Uhr aufstehen und 5.30 Uhr Abfahrt mit dem Transfer-PKW – auf der Autobahn war schon dichter Berufsverkehr – zum Standort der kleinen Flieger. Mit Sonnenaufgang war Start. Jeder von uns hatte einen Piloten, der uns kurz einwies und sich dann mit uns in die Luft erhob, der Sonne entgegen. Das war schon ein anderes Gefühl als im riesigen Airbus. Es war hier der unmittelbare Kontakt mit den Wolken und dem Wind. Vor uns tauchten aus der weißen Wolkendecke die höchsten Gipfel auf, der Gros Morne (3013 m), der Le Grand Bénare (2896 m) und der Piton des Neiges (3070 m). Dieser Berg hatte vor 3 Millionen Jahren aus seiner erkalteten Lava La Réunion geboren. Aus seinen eingestürzten Vulkankratern sind diese 3 Talkessel entstanden. In 1000 m Tiefe öffnete sich vor uns der Cirque de Mafate, eine grüne, zerfurchte Landschaft aus Schluchten, zackigen Höhen und kleinen Plateaus. Die Piloten flogen gekonnt weiter in den Talkessel von Salazie und wir sahen das Trou de fer, den Höllenschlund, ein Loch, in das sich viele Wasserfälle 900 m in die Tiefe stürzen. Nun sahen wir das Naturschauspiel aus der Luft, was uns bei unserer Wanderung an den Rand dieser Wasserfälle durch den Nebel verwehrt worden war. Es war beeindruckend, ja atemberaubend. Der Pilot flog direkt an die Kesselwand des Mafate, und wir sahen die Orte Marla und Roche Plate sowie u n s e r e n Wanderweg.


Cirque des Mafate


Gut erkennbar waren die Höhen und Tiefen die wir bewältigt hatten. Zwischendurch gab es Turbulenzen, welche die Piloten geschickt abfingen. Irgendwie hatten wir großes Vertrauen in die Aktion. Viel zu schnell war diese ca. 45-minütige unvergessliche Luftreise zuende. Da auf der Autobahn immer noch der Teufel los war, vertraute man uns das Auto zur Fahrt in das Hotel an mit der Bitte, den Schlüssel an der Rezeption abzugeben. Ohne Führerscheinkontrolle und Unterschrift, einfach so. Im Hotel angekommen stürzten wir uns mit Heißhunger auf das Frühstück, das immer unter dem Palmendach serviert wurde. Wir zogen uns sommergerecht an und suchten den Jardin d’Eden, den größten botanischen Garten, der sich ganz in unserer Nähe befand, auf. Nicht nur auf die endemischen botanischen Kostbarkeiten war unser Interesse gerichtet, sondern vor allem auch auf die Sichtung des Chamäleons. Nach viel Geduld und Beobachtung sahen wir das erste Exemplar, pinkfarben und relativ klein. Es hat wohl von Grün auf Pink die Farbe gewechselt dachten wir und wurden aufgeklärt, dass es sich um ein weibliches Tier handelt. Und dann entdeckten wir 2
große grüne Exemplare (Männchen, ca. 45 cm lang) in einem Busch. Wie leblos hingen sie an Zweigen. In Réunion wird das Chamäleon „l’endormi“, der Schlafende, genannt.


weibliches Chamäleon


Aktiv sind sie nur in der Paarungszeit, wo sie auch blitzschnell die Farbe wechseln können. Zufrieden gingen wir zurück, packten die Badesachen ein und gingen an den Strand, um noch einmal im Ozean zu baden und den Sonnenuntergang zu bewundern.


Sonnenunterg. i. St.Gilles


Am nächsten Tag war noch einmal Hoteltag. Es war der einzige Tag, an dem wir uns mal ausschlafen konnten, aber nicht allzu lang, denn im Plan stand die Fahrt mit einem Glasbodenboot durch die Korallenriffe. Pünktlich war der Kleinbus für den kurzen Transfer zum Hafen von St. Gilles-les-Bains da. Das Boot stand für uns schon bereit. Das Meer war sehr ruhig. Das Boot schaukelte wenig. Durch die Glasscheiben konnten wir die bunte Fischwelt an uns vorübergleiten sehen. Fische von Forellengröße in allen Farben, wie im Aquarium. Hellblaue Fische, die Desmoiselles, wie der Bootführer meinte. Schwarz-gelbgestreifte Halfterfische, Papageien- und Trompetenfische schwammen vorbei, zum Greifen nah. Unter uns zeigte sich das Riff mit seinen Falten, Furchen, Höhlen und Brücken, die reinste Gebirgslandschaft unter Wasser. 3000 verschiedene Korallenfische sollen hier leben. Tauchen in diesem Gewässer könnte auch Spaß machen. Wir waren mit der Sicht der Unterwasserwelt schon zufrieden.
Anschließend schlenderten wir am schönsten aber auch sehr bevölkerten Strand der Westküste entlang und beobachteten, wie schon kleine Kinder mit dem Surfbrett versuchten, eine Welle „zu reiten“. Entfernt von dem belebten Strand der Lagune suchten wir im wellenstärkeren Teil eine Abkühlung, die leider wieder von der Angst, auf Seeigel zu treten, begleitet war. Der Rückmarsch durch den Sand, gespickt von Korallenresten, war fast genau so anstrengend – bei 36° C – wie der Marsch durch die Berge.

Nun hieß es am Abend wieder Koffer packen und die nächsten Etappen des Abenteuers mit einem Mietwagen in Angriff nehmen. Nach dem Frühstück übernahmen wir unser Mietauto, einen Renault Clio Symbol, den wir wegen des großen Kofferraums gegen einen Kleinwagen mit Aufpreis tauschen konnten und machten uns auf den Weg gen Süden. Bereits nach wenigen Kilometern am Meer entlang sahen wir in der Ferne schon die Riesenwellen, die an die felsige Küste schlugen. Das mussten wir uns aus der Nähe ansehen. Wieder ein Naturphänomen der Insel, die Souffleurs.“Das Phänomen entsteht, wenn die Brandung in unterirdische Grotten drückt und die eingesperrten Wassermassen durch Felstrichter nach oben entweichen“(A.u.N.Miller, Reunion, DuMont, Köln, 2.Aufl. 1999, S.115).


Souffleur


Das geschieht oft mit solcher Wucht und Stärke, dass es meterhoch (10-20 m) über die Abbruchkante wie eine Fontaine spritzt. Hier könnte man bleiben und einfach nur beobachten. Aber wir mussten ja noch weiter und unbedingt bei St. Leu anhalten, um die Wellenreiter zu bewundern, die, wenn sie auf dem Wellenkamm stehen, einfach so dahingleiten bis die Welle abbricht und der Surfer im Wasser untertaucht. Ware Meister präsentierten sich.
Jedes Jahr finden hier internationale Wettkämpfe im Wellenreiten statt. Auch hier könnten wir stundenlang zuschauen. Aber wir wollten noch mehr sehen und fuhren zu einem der Gouffres (sogenannte Schlünde), die auch wieder durch erkaltete Lava entstanden sind. Das Wasser wird hineingedrückt, spritzt hoch und wird wieder aus dem Schlund gesogen. Rings um diese und andere Stellen waren Kreuze aufgestellt, zum Gedenken an Selbstmörder, die hier sofort den Tod fanden. Ein Schauer läuft einem da schon über den Rücken, hier ständiges Leben durch die Arbeit der Wellen und da das Ende eines Menschenlebens. Nach der Brotzeit verließen wir diesen grausigen Ort. Wir wollten noch nach St. Pierre (ca. 60 000 Einwohner), um dort neben Kirchen den Tamilentempel, die chinesische Pagode und die Moschee als Zeugnisse des friedlichen Miteinanders verschiedenartiger Religionen anzuschauen. Je näher wir kamen, desto dichter wurde der Verkehr. Es war Freitagmittag und
damit Markttag. Zum Glück wurde an der Einfallsstraße in die Stadt eine Parklücke frei. Wir nahmen sie gleich und liefen lieber in die Stadt hinunter, als anschließend als Ortsunkundige
nicht mehr herauszufinden. Im Markt, der in allen Straßen der Innenstadt stattfand, war, als wir später zum Auto zurückgingen, das Verkehrschaos ausgebrochen. Nichts ging mehr. Wir parkten so günstig, dass wir sofort die Stadt verlassen konnten. Aber zunächst ging es also
zum Markt. Von Ferne sahen wir schon die Spitze des Minaretts. Das Gebet war gerade zuende, als wir vor der Moschee ankamen und die Gläubigen in ihren weißen Gewändern heraustraten. Auffallend war, dass wir nur Männer und Jungen sahen. Einige stiegen in ihre Autos und fuhren ab, andere sahen wir dann im bunten Marktgetümmel wieder. Wir gingen hinunter zur Küste und merkten, dass hier die Passatwinde auf das Festland heftig bliesen. Wir begaben uns zum Friedhof und suchten das Grab des berüchtigten Sitarane. Dieser war als Massenmörder und Einbrecherkönig 1911 hingerichtet worden, weil er zahlreiche Bewohner ermordet und die sterblichen Überreste für seine schwarze Magie missbraucht hatte. Noch heute pilgern jährlich Tausende Menschen an sein Grab um Rum, Zigaretten, rote Stofffetzen, Blumen und Kerzen als Opfergaben darzubringen. Diese sollen böse Kräfte besänftigen oder diese auf unliebsame Mitmenschen lenken. Diesen Aberglauben und Brauch haben wir gesehen. Tatsächlich standen da 3 Becher Rum, lagen frische Blumen am Grab mit Kerzen. Schwarze Magie ist also noch aktuell. Wir verließen diese Kultstätte auf dem Friedhof und eilten zum Auto, denn wir benötigten noch 2 Stunden Autofahrt bis zur ca. 2200 m hoch gelegenen Vulkanhütte des Piton de la Fournaise.
Eine breite mehrspurige Autostraße führte uns nach Le Tampon und weiter nach Plaine des Cafres (Gebiet der ehemaligen entlaufenen Sklaven). Ortsnamen gibt es nach Le Tampon nicht. Die Entfernung von der Küste zählt als Ortsname, also km 14 = gleich Quatorzième und so weiter bis zum Kilometer 28. Diese Straße ist die einzige, die durch die Insel nach Norden führt. Wir bogen in Bourg-Murat ab in Richtung Vulkan. Nach dem Durchfahren einer Nebelwand tat sich blauer Himmel vor uns auf, und die Sonne strahlte auf die rote Erde. Wir waren im Vulkanbereich angekommen. Die Teerstraße mündete in eine rote Schotterpiste und wir hatten noch 7 km vor uns. Eine Mondlandschaft, mit ab und an gelben Blumen und Flächen, die mit hellgrünem Moos bedeckt waren, lag vor uns. Rechtzeitig zum Sonnenuntergang erreichten wir die Gîte du Volcan. Bevor wir zu unserer Schlafunterkunft kamen war es schon wieder stockdunkel. Wir erhielten sogar ein Einzelzimmer mit Doppelstockbett. Im Vorraum knisterte das Kaminfeuer – es war inzwischen sehr kühl geworden. Wir bereiteten uns auf die letzte kreolische Mahlzeit vor, die uns nach 3 Tagen Abstinenz wieder schmeckte und verbrachten den Abend mit fast 50 Gleichgesinnten, die am nächsten Morgen nach dem Frühstück wie wir bei Sonnenaufgang zur Wanderung in die Caldera und zum Piton de la Fournaise aufbrachen. Nach einem Anstieg durch Buschwerk standen wir auf dem Kamm der ersten Caldera und hatten einen unvergesslichen Blick in die Mondlandschaft des Enclos Fouqué. 125 m unter uns breitete sich der acht Kilometer breite Vulkankrater kesselartig aus. Rötlich schimmerte unter uns der kleine erloschene Krater Formica Léo.


Krater Formica Leo


Hier liegt die Geburtsstätte des jungen Vulkans, der vor 5000 Jahren zu spucken begann und seither sich jährlich zweimal entleert, mal mit mehr mal mit weniger Magma. Der spektakulärste Ausbruch war 1986. Er vergrößerte die Insel um 25 Hektar. Die Réunionais sind von ihrem feuerspeienden Berg fasziniert, ist er doch der Schöpfer ihrer Heimat. Wenn der Rundfunk einen Ausbruch bekannt gibt, strömen sie zum Fournaise. Jeder möchte sehen, wie die rot glühende Lava aus dem Berg fließt, hinunter zum Meer. Angst zu haben braucht man nicht, sagte man uns, der Fournaise ist ungefährlich. Freilich schneidet er schon einmal die Uferstraße der Ostküste wie anno 2004 durch. Aber dort sind zum Glück keine Orte, und die Straße wird wieder neu hergerichtet. Wir wären auch gerne Zeitzeugen gewesen, aber die Wanderung, die wir nun durch die Caldera hinauf zum Dolomieu-Krater (2386 m) und Bory-Krater (2632 m) unternahmen, hat uns die verschiedensten Ausbrüche nacherleben lassen und auf diese Art entschädigt. In 7 Stunden umrundeten wir beide Krater, vorbei an riesigen Spalten, über metallisch-graue Basaltplatten und im Blick immer wieder die herrlich geformte Stricklava. Der Sonnenball über uns und der wolkenlose Himmel ließen die erstarrte Lava in allen Farben erscheinen. Vom tiefen schwarz über zinnrot, dunkelbraun, ja sogar ocker und gelb. Nach 3 Stunden hatten wir den ersten Kraterrand erreicht. Im Kessel dampfte es aus kleinen Kratern und gelblichen Schwefelfeldern. Aus den Spalten am Rande des Kraters entwichen ebenfalls Schwefelschwaden und verbreiteten einen intensiven Geruch. Wir stiegen noch weiter entlang an der Kraterwand bis zum höchsten Punkt des Bory-Kraters, der aber schon lange erloschen ist. Beim Blick hinunter in Richtung Meer entdeckten wir viele kleine Krater. Aus ihnen tritt des öfteren Magma aus und rinnt hinunter zum Meer. Bis Mittag hatten wir eine herrliche Fernsicht auf den Piton de Neiges und den Le Grand Bénare. Gegen Mittag zogen an der Gebirgskette die Wolken hoch und nur die Bergspitzen begleiteten uns beim Abstieg vom Kraterrand. Dieser Tag war unvergesslich. Es hat alles gestimmt. Das Wetter hätte nicht besser sein können, um dieses Naturwunder zu erfassen.
Mit dem Auto ging es dann wieder zurück durch die Mondlandschaft in die Zivilisation, die diesmal wieder ein Hotel in der Plaine des Cafres war.
Wir waren das frühe Aufstehen gewohnt und gingen davon aus, dass wir um 6.00 Uhr frühstücken können, standen aber vor dem verschlossenen Gastraum des Hotels. Freundlich wurde uns geöffnet, und wir bekamen ohne Probleme unser Frühstück. Wir hatten eine lange Fahrt vor uns. Zunächst zurück in den Süden nach St.Pierre, dann an der Ostküste entlang mit dem Ziel St. Denis im Norden, das wir auch wieder bis 17.00 Uhr erreichen mussten. Wir waren ja an den 12-stündigen Tag/Nachtrhythmus gewöhnt. Es war Sonntag und gegen 7.00 Uhr die Straßen noch leer. An einem Obststand, der schon geöffnet hatte, versorgten wir uns für die nächsten zwei Tage. Der Verkäufer konnte etwas deutsch und meinte, dass wir morgen wieder kommen sollten. Das hätten wir uns selbst gewünscht.
Unser nächstes Ziel war nun der schönste Strand des Südens, Grandé Anse. Er liegt in einer basaltumrahmten Bucht. Wegen der spektakulären Brecher ist baden nur in einem geschützten Lava - Felsenbecken erlaubt. Herrlich gepflegte Liegewiesen mit Picknickbänken und großen Brat- und Kochstellen, an denen gegen 8.00 Uhr morgens schon die ersten Familien das Feuer zum Grillen angezündet hatten. In Eimern lagen Spanferkel zum Braten bereit und auf unsere Frage, wann das Essen fertig sei, bekamen wir zur Antwort: „Vous êtes invités“ (ihr seid eingeladen, bleibt hier). Wie gerne hätten wir uns dazugesetzt, aber wir wollten ja noch einige Sehenswürdigkeiten anschauen. Schnell gingen wir hinter zum Strand, der von Filao - und Vacaobäumen begrenzt ist, beobachteten die Wellen, entdeckten im Bereich des Felsenbeckens eine kleine Muräne in einem Wasserloch und wieder jede Menge blaue Seeigel.
Weiter ging es im Tal des Riviére Langevin eine steile sehr schmale Serpentinenstraße hinauf zu herrlichen malerischen Caskaden – zuerst zur Cascade du Trou Noir und weiter oben zur Cascade de la Grande Ravine. Beide stürzen in Badegumpen, in denen sich die Einheimischen – es war Sonntag - erfrischten. Wir hatten leider keine Zeit dazu.
Das war unser Abschied vom Süden, denn nun wollten wir Le Brûle – das große Verbrannte, suchen und sehen, wo die Lavazungen ins Meer reichen und wie die Landschaft nach Vulkanausbrüchen aussieht. Nachdem wir zuerst einen nicht mehr genutzten dschungelartigen Weg gewählt hatten und es dort wegen der feuchtheißen Luft und der Moskitos nicht aushielten, gingen wir zur Straße zurück und fanden ca. 400 m weiter einen guten Forstweg. Ein Einheimischer ging zum Angeln und nahm uns mit hinunter zum Meer. Unterwegs erzählte er uns aus seinem Leben: 31 Jahre Arbeit in Paris und nun endlich wieder zuhause in seinem Land auf seiner Insel. Er sei nun Pensionär und habe viel Zeit. Beim Pointe de la Table, dem neuen Land seit 1986, zeigte er uns die Stelle, die vor 20 Jahren noch Meer war.
Meterhohe Bäume, Araukarien und Goyaviersträucher, dessen Früchte er uns mit seiner Angel herunterreichte und die äußerst vitaminreich sind, wachsen heute hier. „Der Vulkan meinte es mit uns gut, sehen sie nur wie hier alles wächst, so von allein, außer der Vanille, die wird angepflanzt und ist die beste Vanille der Welt“. Er hätte uns sicher noch mehr erzählt, wenn wir ihm die Zeit gelassen hätten. Wir gingen auf dem durch die Wassermassen schnell erstarrten Lavagestein entlang bis an die Steilküste, wo die Brecher in ständigem Rhythmus gegen den Fels angehen. Baden wäre hier tödlich, wie wir bereits an anderer Stelle gesehen haben.


Stricklava


Die Nationalstraße 2 zieht hier ihren Weg bis St. Denis. An der Straße sind Parkplätze an den Stellen der weiteren Vulkanausbrüche angelegt und mit Schrifttafeln über das jeweilige Ausbruchsjahr versehen. Ganz spektakulär war der Ausbruch von 2004. Menschenmassen hielten sich auf der zu einer schwarzen Masse verschweißten Lava auf. Alles sah so frisch aus, als sei der Ausbruch erst gestern gewesen. Im Unterschied zum Gipfel des Piton de la Fournaise dominierten hier nur schwarz und dunkelrot; die Farbenprächtigkeit war oben an den beginnenden Ausflüssen vielseitiger. Die Vielzahl der PKW sortierte sich Stück für Stück, um aus dem Verkehrsstau wieder heraus zu kommen. Noch ein Highlight wollten wir ansteuern, ehe es zum Zielort St. Denis gehen musste. Es ist die Kirche Notre Dame des Laves, um die das Magma 1977 herumfloss und die deshalb als Wunder gedeutet wird. Tatsächlich sind die Lavawände nur einen Meter von den Kirchenmauern weg. Beeindruckt von dem Vulkan fuhren wir Richtung Hauptstadt auf einer 4-spurigen belebten Autobahn. Es war Sonntagabend und die Ausflügler wollten alle vor der Dunkelheit ankommen.
Eine pulsierende Hauptstadt, gespickt mit einem Einbahnstraßensystem, empfing uns. Dank eines Stadtplanes und mehrmaligem Nachfragen bei Passanten kamen wir in unserem letzten Hotel an. Nach einer ausgiebigen Körperpflege nahmen wir uns St. Denis bei Nacht vor. Wir suchten schon nach Zugangswegen zu den Sehenswürdigkeiten, die wir am nächsten Tag bei Licht ansehen wollten. Eine Einkehr in eine Eisbar versüßte den Spaziergang, und ein kleiner Regenschauer mahnte dann doch zur Umkehr, da wir keinen Regenschirm bei uns und unsere müden Beine auch keine Lust mehr hatten.
Der letzte Tag war angebrochen. Im Hotel gab es einen schönen Swimmingpool, und der hätte uns am Morgen gereizt; aber wohin dann mit den nassen Sachen, die Koffer waren so gut wie gepackt. Also blieb es bei einem tropischen Frühstück, und dann ging es in die Stadt. Zuerst zu der Uferanlage Barachois mit ihren auf das Meer gerichteten mittelalterlichen Kanonen und der Roland – Garros - Statue, eines in St. Denis geborenen französischen Fliegerhelden, zu dessen Ehren der Airport benannt wurde. Dann, die Hitze nahm immer mehr zu (36° C), zur Großen Moschee, zur chinesischen Pagode, zum Hindutempel und zum großen Markt. Es war anstrengend wie eine Bergtour, vor allem weil die Stadt von Menschen vollgestopft schien und man nur mühsam voran kam (eine völlig autofreie Fußgängerzone gab es nicht). Wir dachten, dass an einem Montagmorgen die Straßen leer wären.
Zurück im Hotel machten wir uns noch mal frisch, zogen uns um und verließen die pulsierende Stadt wieder nach Südosten. Nächster Halt war St. André mit einem neuerrichteten Hindutempel. Die äußere Besichtigung war gestattet, und weil hier keine Hektik war, hatten wir beste Voraussetzungen uns diese Kultur anzusehen.
Dann zog es uns ein letztes Mal in die Berge. Die Sicht war wolkenverhangen, aber wir wussten, dass in 1000m Höhe beste Sicht ist. So fuhren wir in das Takamakatal, das Tal der 100 Wasserfälle. Wir konnten einige davon von dem erreichten Plateau aus sehen. Die Entfernung zu ihnen, die Tiefe und die geringen Wassermengen ließen sie nicht so gewaltig
erscheinen. Aber je tiefer man hinuntersteigt, desto mächtiger werden die Wassermassen. Das war uns ja bekannt. An den Schildern beim Abstieg wurde auf die Gefahr verwiesen und darauf, dass auch bei Trockenheit ein plötzlicher Anstieg des Wasser geschehen kann durch
Eingriffe seitens der Betreiber der wasserwirtschaftlichen Anlagen. Ohne eine Information beim Maison de la Montagne wird von einer Wanderung abgeraten. Na ja, für uns kam diese Tour ja nicht mehr in Frage. Aber ärgerlich ist es schon, wenn man kurz vor Beginn eines solchen Weges erst über die Gefahr informiert wird. Auf der Talfahrt fanden wir einen
wunderschönen Picknickplatz und hatten zum Nachtisch die Goyavierfrüchte, die wir ja nun kannten und ohne Sorge pflückten und verspeisten. Weiter ging die Fahrt wieder durch die farbenprächtige Landschaft, vorbei an Ananasfeldern immer Richtung Küste zum letzten Ziel, den Niagarafällen, bei St. Suzanne. Wieder mit Hilfe von Einheimischen fanden wir sie, nachdem wir durch enge Zuckerrohrfelder gelotst wurden. Sie waren eine Miniaturausgabe, aber in dieser Niedlichkeit einmalig. Eine Kreolenfamilie mit 10 Kindern spielte in der Badegumpe unter dem Wasserfall. Der Kessel dieser Badenische war mit Riesenbambusbäumen umgeben, in deren Wipfel die Webervögel ihre herrlichen Nester aufgehängt hatten. Wir sahen uns auch hier noch einmal an der Vielseitigkeit von Réunion satt und wussten, wir haben noch lange nicht alles gesehen, was die Insel zu bieten hat. So wie die Einheimischen dort unbeschwert herumtollten, nahmen auch wir ohne Bedenken unsere Koffer aus dem Auto und sortierten vom Rucksack in die Koffer und umgekehrt bis alles wieder seine Ordnung hatte und wir ordentlich einchecken und mit normaler Kleidung den Rückflug antreten konnten.
Pünktlich zu Sonnenuntergang, das hatten wir nun voll im Griff, lieferten wir am Flughafen unser Auto ab, holten einen Kofferkuli und checkten uns ein. In den topsauberen Sanitäranlagen machten wir uns für die lange Heimreise frisch. Ein letztes Telefonat mit zuhause (die Telefonkarte war immer noch o.k.) und plötzlich stand uns einer unserer französischen Wanderfreunde gegenüber. Er sei noch mal kurz in Mauritius baden und schnorcheln gewesen, das habe seinen Gliedern nach den Wanderstrapazen gut getan. Ja,
so einfach kann Urlaub sein, wenn die Finanzen stimmen und man weiß, wie was geht. Wir waren nicht in Mauritius, unsere Glieder müssen wir zuhause wieder regenerieren, aber jeder Schmerz, der noch in den Gelenken sitzt, ist auch eine Erinnerung an dieses ungewöhnliche Abenteuer, das einfach Wahnsinn war und uns erneut die Weisheit bestätigte: „ nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich“.
Um die Erinnerung zu bewahren, haben wir nicht nur ca. 400 Fotos gemacht, sondern eine CD mit dem Titel „Les Hits du Folklore de la Réunion“ in Hell-Bourg mit wunderschönen Liedern gekauft, in denen die Insel besungen wird. Der erste Titel ist faktisch eine Insel-Hymne.


Heidi und Gunter Steinbrück


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