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Paddeln in Polen - "Kajaktour auf der Krutynia"

Reisebericht von Angela Heinrich-Fieweger
Reisezeitraum: 16. bis 24. Juli 2011

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Ich bin oft und immer gern in Polen gewesen. Von Zopot bis Zakopane habe ich viele große und kleine Städte gesehen, interessante und freundliche Menschen getroffen und sogar ein bißchen die Sprache verstehen gelernt. Nur in Masuren, dem viel gelobten Land "Land der 1000 Seen" und endlosen Wälder, dem Land romantischer Sehnsüchte vieler älterer ostpreußischer Heimweh-Deutscher und jüngerer Naturfreunde, war ich noch nie. Noch war mir bisher jemals der Gedanke gekommen, irgendeine Art von Wander-, Paddel- oder ähnlicher Alternativreise zu unternehmen, wie sie meine Freundin Ingrid seit Jahren bevorzugt. Ziemlich spontan schloss ich mich ihr an zu einer 10-tägigen Kajak- und Wandertour durch Masuren. "Für Anfänger geeignet", hieß es im Prospekt. Ingrid ist eine erfahrene Wanderin und Paddlerin – ich nicht – aber sie meinte, ich würde es schon schaffen. Meine Freunde, die mich sonst eher auf Reisen in ziemlich weit entfernten und exotischen Weltgegenden kennen, waren überrascht und gespannt – ich selbst auch.

Es fängt ganz bequem an: in gut 5 Stunden – viel schneller als früher und dank der EU ohne alle Grenzkontrollen – bringt uns die Bahn von Berlin nach Warschau. Die Sonne scheint, unser Gepäck ist leicht und rollt gut, nach kurzem Fußmarsch sind wir in unserem Hotel: 4-Sterne-Touristenstandard, solide-phantasielos, aber praktisch-komfortabel und zentral gelegen. Aus meinem Fenster sehe ich – ziemlich eingekeilt zwischen anderen neuen, hohen Gebäuden – den alten Zuckerbäcker-Kulturpalast. Für mich ist es mein erster Besuch in der Stadt nach vielen Jahren.



Ich finde mich ganz schnell wieder zurecht: durch den "Sachsen-Park" von August dem Starken kommen wir zum "Siegesplatz". Er heißt zwar nicht mehr so, aber das "Denkmal des unbekannten Soldaten", in dem wirklich ein unbekannter Soldat beigesetzt worden ist, ist noch da, wie immer von der Garde bewacht und blumengeschmückt.



Ich konnte es immer sehen aus den Fenstern der Büros meiner polnischen Kollegen im "Teatr Wielki". Das ist jetzt von einem großen Hotelneubau halb verdeckt, im Erdgeschoß neben den Eingängen gibt es Bistros und Restaurants, kein Schild zeigt mehr, dass hier mal meine polnischen Kollegen saßen. Was wohl aus ihnen geworden ist, bei denen ich immer so gern war – den beiden alten, die noch die Schrecken des Krieges und der deutschen Besatzung am eigenen Leibe erlebt hatten und trotzdem immer so rührend freundlich zu mir waren? Aus der schönen Anja, die nach Jugoslawien geheiratet hat, und aus der "Viererbande", den beiden Andrzejs, Jurek und Darek (plötzlich fallen mir diese Namen wieder ein), diesen selbstbewussten, schlitzohrigen und charmanten jungen Männern, mit denen ich in Tanzhäusern und Jazzkneipen war? Würdevolle, ältere Herren? Wir waren gleichaltrig! Und wir hatten gute Zeiten – doch keine Wehmut jetzt bitte! Unweit steht immer noch "mein" geliebtes Hotel "Bristol", dessen erhalten gebliebene, aber angestaubte Jugendstilpracht damals zusammenzubrechen drohte. Heute strahlt es in neuer Schönheit.
So wie fast alle anderen Gebäude auch, aber sie sehen nicht "neu" aus, kein "Disney-Land", sondern eine lebendige Stadt, die auch heute, an diesem milden Sommer-Sonnabend, ihren Bewohnern gehört (und nicht in erster Linie den Touristen). Das Königsschloss ist endgültig fertiggestellt, auf dem Vorplatz steht nicht mehr der große Glaskasten für die Spenden zum Wiederaufbau.



Musiker, Gaukler und Pferdekutschen finden ihre Interessenten. In der Ferne, auf dem anderen Weichselufer, ist das neue, imposante, aber leicht wirkende Fußballstadion zu sehen – ein Vorgeschmack auf die kommende EM im nächsten Jahr in Polen und der Ukraine. Wir lassen uns im Strom der Spaziergänger treiben, vorbei an eleganten Modegeschäften, Souvenir-, Kunsthandwerk- und Bernsteinläden, überall werden "lody" und "gofry" (Eis und Waffeln) angeboten.



Bald sind wir im Gedränge auf dem Altmarkt, dem ältesten Teil der Altstadt. Und er sieht wirklich aus, als wäre er schon immer so gewesen und nicht zu über 90% im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. An einer der Zuführungsstraßen sieht man Fotos mit erschütternden Bildern vom Zustand bei Kriegsende. Wegen des perfekten Wiederaufbaus, für den die Veduten Canalettos eine wertvolle Vorlage bildeten, steht die ganze Altstadt bereits seit 1980 auf der Welterbeliste der UNESCO. Hier brodelt das Leben, an allen vier Seiten des Platzes voll besetzte Freiluftkneipen, Bühnen werden aufgebaut – das lenkt fast ab von den eigentlichen Häusern, die z.T. (gewollt oder ungewollt?) sogar wieder etwas renovierungsbedürftig aussehen. Vor einem Haus muss ich stehen bleiben: hier wohnte der oberste Chef meiner polnischen Kollegen – ein imposanter Mann, groß, elegant, gebildet, weltgewandt und charmant, in allem das Gegenteil zu unserem missmutigen, misstrauischen, verklemmten und verknöcherten Chef. Auch die Wohnung war beeindruckend: innen eine große Wohnung, außen zwei kleine benachbarte Hausfassaden. Es stehen keine Namen im Hausflur. Aber er wird hier wohl kaum noch wohnen, denn wir waren nicht gleichaltrig! Wir schlendern weiter über die Stadtmauer und den Barbakan, wo Künstler immer noch ihre Werke präsentieren, zur (ebenfalls alten) "Neustadt" mit ihrem Marktplatz.



Heute muss ein beliebter Tag zum Heiraten sein: wir sehen Hochzeitskutschen, Hochzeitsautos, und Hochzeitspaare. Einmal kommen wir sogar an einer Kirche vorbei, als sich gerade die Türen öffnen und das Brautpaar heraustritt. Es wird mit einem ganzen Regen von Münzen überschüttet und muss sie alle sammeln.



Keine darf liegenbleiben. Später erfahren wir, dass dies ein beliebter Brauch auf allen polnischen Hochzeiten ist. An den Außengrenzen des ehemaligen Ghettos entlang (ein im Bürgersteig eingemauerter Streifen zeigt das – so ähnlich wie in Berlin auf die ehemalige Mauer hingewiesen wird) gehen wir zurück zum Hotel. Dort treffen wir gegen Abend unseren polnischen Reiseleiter Albert und unsere Mitreisenden: 14 Schweizer! Albert und wir beide stellen also eine verschwindend kleine Minderheit dar und haben auf der ganzen Tour immer mal wieder leichte Verständigungsschwierigkeiten, denn das Schwyzerdütsch ist eben eine Sprache für sich ... Jeder begrüßt jeden mit Vornamen (und vergisst sie sofort wieder), dann führt uns Albert zu Fuß Richtung Altstadt zum gemeinsamen Abendessen – auf genau er selben Route, die wir vor ein paar Stunden schon einmal gegangen waren. Macht nichts – auch beim zweiten Mal ist es schön.
Beim üppigen Abendessen in einer Kneipe in Sichtweite des Schlosses stellen sich alle noch einmal vor, einige scheinen sich schon zu kennen. Wir versuchen wieder, uns erste Namen zu merken und die Gesichter einzuprägen. Sie sehen alle ganz freundlich aus (und sind es auch, wie wir an jedem folgenden Tag merken werden), sie sind – wie wir im Laufe der Tour erfahren – zwischen 33 und 73 Jahre alt und (bis auf zwei Paare) alles Mitglieder eines seriösen Freizeit-Clubs für Singles. Es ist ein so schöner milder Sommerabend, dass sich nach dem Essen niemand dem Reiseleiter zum sofortigen Rückweg ins Hotel anschließen will, zumal es für die meisten die einzige Chance ist, die abendliche Stadt zu erleben. Ingrid und ich nehmen sie mit auf dem vertrauten Weg Königsschloss - Alter Markt, - Barbakan, -Neuer Markt, verlieren zwar die meisten unterwegs, sind aber unbesorgt und finden sie am nächsten Morgen auch alle wohlbehalten im Hotel wieder. Wir genießen die Atmosphäre in der abendlichen Stadt: ein friedliches, fröhliches Gedränge – wenig Touristen, hauptsächlich Einheimische, Jugendliche, Ältere, Familien mit Kindern, keine Bierflaschenträger, keine Pöbler, keine Krakeeler – nur ungetrübte sommerabendliche Harmonie.
Am nächsten Vormittag dann noch eine Stadtrundfahrt, die uns noch einmal zu den nun schon bekannten Plätzen in "Stare Miasto" und "Nowe Miasto" führt (im Vergleich zum Abend zuvor ruhig und nahezu menschenleer – sind sie wirklich alle in der Kirche?), aber auch durch das Botschaftsviertel, für das die Warschauer offensichtlich einen beinahe grotesk anmutenden Stolz hegen, und in den Lazenki-Park mit seinen Villen und Schlösschen und dem monströsen Chopin-Denkmal im blühenden Rosengarten, wo im Sommer sonntags (aber nicht gerade, als wir da waren) Konzerte stattfinden.



Die unbeschwerte Sommerstimmung verfliegt, als wir zum Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto kommen. Ingrid und ich kennen diesen Ort und wissen daher, dass allein das, was man dort sieht – das Denkmal inmitten von etwas Grün in einem gesichtslosen Neubaubezirk – dem, was dort geschehen ist, gar nicht gerecht werden kann. Das Grauen stellt sich erst ein, wenn man Fakten hört, Einzelschicksale erfährt und Bilder sieht und erinnert. Einiges vermittelt die Stadtführerin, sie nennt Zahlen und Namen und zeigt Bilder, auch vom Kniefall, mit dem Willy Brandt 1970 diese Stätte ehrte. Der Platz am Denkmal trägt seinen Namen.



Zurück im Hotel greifen wir unser Gepäck, besteigen einen bequemen Bus und treten nun erst – versehen mit Proviantbeuteln – die Reise zu unserem eigentlichen Reiseziel an: M a s u r e n .

Was ist das eigentlich genau? Das kann man in allen Einzelheiten nachlesen, einiges wissen wir ja auch schon, und manches wird von den beiden Reiseleitern (mit uns im Bus fährt eine zweite deutsche Gruppe – Radlertouristen) während der Fahrt erläutert: Masuren im Nordosten Polens (im Süden des ehemaligen Ostpreußen) ist eine kartographisch nie eindeutig festgelegte, noch heute vergleichsweise dünn besiedelte Region. Die Moränenlandschaft, in der Eiszeit entstanden, ist berühmt wegen ihrer riesigen Waldgebiete und ca. 3000 großen und kleinen Seen, die durch zahllose Flüsse, Bäche und Kanäle untereinander verbunden sind. Schon vor 3000 Jahren siedelten hier Pruzzen, Litauer, Letten, Kuren und andere. Die Eroberung durch den Deutschen Orden im Mittelalter brachte deutsche Kolonisten, Masowier aus dem Süden kamen hinzu, ebenso Ukrainer, viel später auch Zwangsumsiedler aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Aus diesem Gemisch entwickelte sich sogar eine eigene masurische Sprache. Die ist heute so gut wie verschwunden, in Namen, Sprichwörtern, Religion, Liedern und Gebräuchen aber haben sich vielfältige Mischformen erhalten. Ein eigenes Verwaltungsgebiet "Masuren" hat es jedoch in der ganzen wechselvollen Geschichte nie gegeben – kein Fürstentum, keine Provinz, kein "Gau", auch nicht unter dem deutschen Kaiser oder den Nazis. Selbst im heutigen Polen gibt es keine eigene Woiwodschaft, sondern die Einheit "Ermland-Masuren" (Warmia-Mazury).
Bis wir es erreichen, vergehen ca. 4 Stunden. Zuerst müssen wir auf dem anderen Ufer der Weichsel durch hässliche Industrie- und Gewerbegebiete und gesichtslose Vorstädte, denen übermäßig viele und große Werbetafeln noch das letzte bisschen Charakter nehmen. Dann ein großer Stausee am Narew, dem Treffpunkt der Warschauer Segler, schließlich flaches Land – von noch nicht durchweg industrialisierter Landwirtschaft genutzt - immer mehr Wald, nur wenige Siedlungen, viele Störche, nichts los auf den Straßen – friedlicher, ländlicher, katholischer Sonntag.
An einem Rastplatz mitten im Wald bei einem ganz kleinen Ort – er heißt wirklich "Kleinort" (heute Pierslawek) – wird unsere Radlergruppe von ihren Fahrrädern und ihrem Gepäckbus erwartet und verlässt uns. In diesem Örtchen ist der deutsche Schriftsteller Ernst Wiechert (1887 – 1950) geboren. Das in seinem Geburtshaus eingerichtete Museum wollen wir besichtigen, aber es ist sonntags geschlossen. Wir sind überrascht, dass es so eine Einrichtung überhaupt gibt, ähnlich wie ein paar Tage später in Rastenburg (heute Ketrzyn), wo der dort geborene deutsche Autor Arno Holz (1863 – 1929) sogar noch auffälliger geehrt wird. Wir erfahren nicht, ob beide im heutigen Polen (oder wenigstens in Masuren, das nicht sehr viele große Persönlichkeiten hervorgebracht hat) bekannt sind. In Deutschland sind sie es ja kaum noch, deshalb können diese Ehrungen wohl auch nicht als Touristenmagnet gedacht sein. Also könnte man darin ein erfreuliches Beispiel für das entkrampftere Herangehen an das gemeinsame deutsch-polnisch-europäische Kulturerbe sehen. Auf diese neue Lockerheit – wenigstens der jungen Generation – ist es vielleicht auch zurückzuführen, dass Marcin, der ziemlich legere Reiseleiter der Radlergruppe, etwas sagt, was ich noch nie aus dem Munde eines Polen gehört habe: nämlich, dass es als Folge des Krieges und der wiederum daraus folgenden Um- und Aussiedlungen der ehemals hier friedlich miteinander lebenden Juden, Ukrainer, Litauer, Deutschen, Russen u.a. so gut wie keine nationalen Minderheiten mehr in Polen gibt. Es gibt auch kaum regionale Unterschiede, kaum Dialekte (mit Ausnahme der Goralen um Zakopane) und fast nur die katholische Religion, 96% der Bevölkerung gelten als Katholiken. Da es aber kein Register, keine Kirchensteuer o.ä. gibt, ist das schwer festzumachen. Dies alles hätte zu einer nicht unerheblichen nationalistischen Intoleranz geführt (siehe die Kaczynskis; siehe "Radio Maryja") – sagt ein junger Pole! Die junge EU-Generation, zu der er sich natürlich zählt, wäre aber schon entschieden weniger verbohrt. Er gibt auch ein gutes Beispiel dafür ab, so zitiert er z.B. ganz locker den eigentlich verächtlichen Spruch der ehemals hier lebenden preußischen Junker: "Wo sich aufhört der Kultur, da beginnt sich der Masur."
Unter Führung unseres Betreuers mit dem für einen Polen ungewöhnlichen Namen "Albert" (sein Vater war Mathematik- und Chemielehrer und ein großer Verehrer von Einstein!) legen wir die letzte Wegstrecke durch den Wald zu Fuß zurück auf einem "Waldlehrpfad". Es gibt nichts Besonderes zu sehen, außer vielleicht einem kleinen Biber-See ohne Biber, aber unsere Schweizer sind entzückt, denn "hier hat es" "Fröschli", "Glockenblümli", und sogar "Himbeerli" und "Erdbeerli". Und das klingt für uns entzückend! Nach ca. einer Stunde schließlich erreichen wir das eigentliche Ziel unserer Reise, den Ort Krutýn (Kruttinnen) am Ufer der Krutýnia (Kruttinna), einen kleinen Ort, in dem es weit mehr Paddelboote als Einwohner gibt, denn er ist über Polens Grenzen hinaus sehr beliebt als Ausgangspunkt für Bootstouren, und die Krutýnia wird zu den schönsten Paddelstrecken Europas gezählt.



Unsere Unterkunft für die nächsten 7 Nächte ist die Pension "Mazur-Syrenka". Sie liegt auf einer großen, zum Fluss sanft abfallenden Wiese mit altem Baumbestand und natürlich mit Bootsanlegestelle, wird von einer jungen polnisch-deutschen Familie geleitet. Alle Zimmer mit Dusche sind blitzsauber und ordentlich nach Minimalmaßstab eingerichtet, das Restaurant mit schöner, erhöhter Rundumveranda mit Blick auf den Fluss liegt in einem Extragebäude. Das alles entspricht voll der gebuchten Kategorie, ist akzeptabel und ansprechend – solange das Wetter schön ist!



Eine Woche Regen mag ich mir dort gar nicht erst vorstellen! Aber wir haben großes Glück: während wir in den (deutschen) Fernsehnachrichten verfolgen, wie nach und nach ganz Deutschland und auch Teile Polens von Sturm und Regenfluten fast verschlungen werden, scheinen wir uns in einer kleinen Schönwetterblase zu bewegen: ist es immer warm und sonnig. Zweimal gibt es abends Gewitter mit Platzregen und eindrucksvollen Blitzen, sogar der Strom fällt kurz aus und unsere vorsorglich mitgebrachten Taschenlampen kommen zum Einsatz, aber wir sind schon sicher unter dem Dach unserer Restaurantveranda und genießen den grandiosen Anblick. Als uns dann am letzten Tag, auf der letzten Paddeltour, doch noch der Regen einholt, kann das unserer Stimmung und dem guten Gesamteindruck nichts mehr anhaben. Wir sind sogar stolz darauf, auch dies gemeistert zu haben.
Zur guten Stimmung am Anreisetag in Krutýn trägt dann noch das üppige und ausgezeichnete Abendessen bei. Und um es gleich vorwegzunehmen: es war jeden Tag so – immer frisch, immer schmackhaft, immer Besonderheiten der regionalen Küche (wie Bigos, Pierogi, Zurek, Rote-Bete-Suppe, Königsberger Klops, Fischvarianten, Apfelküchlein), und alles sehr reichlich. Ebenso das Frühstück – wir konnten gar nicht genug paddeln und wandern, um gegen dieses unwiderstehliche Kalorienangebot gegenzuhalten. Fast jeder von uns hat wohl auch seiner Waage ein unwillkommenes Souvenir mitgebracht ... Voller Vorfreude stimmen wir jedes Mal in Alberts "Smacznego!" ein und glauben ihm gern eine wichtige Erkenntnis der Touristikbranche: Quartier, Programm, Essen (und natürlich möglichst auch das Wetter) müssen in den ersten Tagen einer Reise besonders gut sein. Das sorgt für gute Grundstimmung – und wäre bei uns schon mal geschafft. Aber morgen soll es ja nun eigentlich erst richtig losgehen, mit dem ...


1. Paddeltag

Anziehen: kurze Hosen, wasserfeste Sandalen, einpacken: Mückenschutz, Sonnenschutz, Badezeug, Regenzeug, trockene Schuhe, trockene Sachen zum Wechseln, Wasserflasche, Kamera – so lauteten die Instruktionen jeden Tag und waren auch immer zutreffend.
Ein Kleinbus fährt uns zu einer nicht weit entfernten Anlegestelle am Fluss. Dort warten bereits neun Paddelboote auf uns (wohl damit es nicht ganz so amateurhaft klingt, wurde immer von "Kajaks" gesprochen), komplett mit "Poduschkis" (Sitzkissen) und Schwimmwesten (die sich auch als Rückenpolster gut eigneten). Alles, was wir im Boot nicht brauchen, kann im Bus bleiben und wird uns an der Ankunftsstelle wieder erwarten. So war es immer und hat auch immer zuverlässig funktioniert.
Kurze Instruktion: so steigt man ein und so wieder aus, ohne zu kentern. So steuert und so bremst man das Boot mit dem Paddel, immer schön synchron paddeln, nicht aufstehen und nicht schaukeln - und los! Wir besteigen die wackeligen Boote: immer ein Erfahrener und ein Unerfahrener (zum Glück haben einige der anderen genau so wenig Paddelerfahrung wie ich), ein leichterer und ein schwererer. Der schwerere sollte hinten sitzen und möglichst auch der erfahrenere sein, weil er steuern muss – bei Ingrid und mir geht das ideal auf. Und es geht auch gut, spätestens am dritten Tag ist meine Kapitänin mit mir recht zufrieden, und mir macht es Spaß. Nicht einmal Muskelkater stellt sich ein, nur ein paar blaue Flecken.



Insgesamt machen wir in den nächsten Tagen 5 Paddeltouren, zwischen ca. 8 und 12 km Länge, wir paddeln auf den flachen Flüsschen Krutynia und Struga, über den Krutynia-See und den Mokre-See (Muckersee), starten manchmal direkt an "unserem" Steg oder werden zu anderen Ausganspunkten (z.B. Spychowo oder Ukta) gefahren, wo unsere Boote schon warten und werden an unseren Zielorten (etwa Zgon oder Iznota) wieder von unserem Bus und einem Fahrzeug, das die Boote für den Rücktransport auflädt, erwartet – die Organisation ist perfekt.



Und die Landschaft faszinierend: ruhige, friedliche Flusslandschaften, mal dichter Waldbestand bis ans Ufer, mal Wiesen und Weiden mit Störchen, Pferden und schwarz-weißen Kühen (seit es in meiner norddeutschen Heimat nur noch braune gibt, freue ich mich immer, wenn ich die alt-vertrauten schwarz-weißen wiedersehe, die ich aus meiner Kindheit noch kenne).



Klares Wasser spiegelt die Uferbäume, Flussmuscheln glitzern auf dem flachen Grund, Wasserpflanzen werden von der leichten Strömung "gekämmt", breite Schilfgürtel mit "Bullerbesen" und ganze Teppiche von Seerosen bedecken die Oberflächen, es gibt Enten, Kormorane und große Schwanenfamilien (ein Schwanenvater von 8 Kindern attackiert einmal sogar unsere Paddel).



Die Sonne scheint, alles glitzert. Auf geraden Flussabschnitten können wir uns einfach mit der Strömung treiben lassen, wenn es eng und kurvig wird, sind die Steuerkünste der erfahreneren Paddler gefordert. Unsere Bootskette zieht sich oft weit auseinander (auf dem Fluss kann sich ja niemand verfahren, auf einem See wäre das einmal fast passiert – aber wir denken ja mit und können Karten lesen!), es herrscht totale Stille – wenn nicht gerade einer unserer Schweizer aus vollem Halse ein Lied in die Natur schmettert!



Einmal müssen wir an einem Wehr aussteigen und die Boote über die Straße tragen (lassen), einmal versperrt ein beim Gewitter in der letzten Nacht quer über das Flüsschen gestürzter großer Baum die Weiterfahrt. Das Ufer ist zu hoch und zu dicht bewachsen, wir können die Boote nicht herumtragen, sondern müssen sie mit ziemlich großen vereinten Kraftanstrengungen über das Hindernis hinüber hieven. Dabei kriegen wir alle nasse Hosenböden, einer fällt sogar ganz ins Wasser, aber es ist warm, und als wir an unserem Zielort Picknick machen und baden, ist alles schon wieder trocken. Die Flüsse und Seen hier sollen eine Durchschnittstemperatur von ca. 21°C haben, weit mehr als die Ostsee bisher hatte, und ich genieße es sehr, mal ohne Gänsehaut zu schwimmen.



Versteckt auf der Route einer Paddeltour, da wo die Krutynia einen engen, gewundenen Schilfkanal bildet, in dem das Steuern unserer Boote gar nicht leicht ist, liegt das Örtchen Eckertsdorf (Wojnowo) mit seinen heute gerade einmal 230 Einwohnern. Vor gut 150 Jahren waren es 1.300. Damals wurde dieser Ort zum Zentrum der aus Russland geflohenen Philipponen, einer Untergruppe der orthodoxen "Altgläubigen", von denen wir als "Raskolniki" schon mal gehört hatten. Wegen ihres Festhaltens an alten Riten (etwa so entscheidenden Dingen wie die Schreibweise des Wortes "Jesus", die Bekreuzigung mit zwei oder drei Fingern, die Richtung der Prozession um die Kirche ... !) wurden sie in Russland grausam verfolgt. Der in Religionsdingen liberale preußische König nahm sie in seinem dünn besiedelten Ostpreußen gern auf. Sie waren sehr fleißig und lebten sehr spartanisch. Heute soll es in ganz Polen noch ca. 3000 Altgläubige geben, und ca. 500 000 Russisch-Orthodoxe, aber keine mehr in Eckertsdorf.



Dort ist noch ihre Kirche zu besichtigen, deren wertvolle Ikonen aber wegen der Diebstahlgefahr in ein Museum ausgelagert wurden. Außerdem gibt es noch eine orthodoxe (nicht philipponische!) Kirche, das ehemalige Nonnenkloster, alte Wohnhäuser der Philipponen und ihren kleinen Friedhof mit den typischen Holzkreuzen – und ganz wenige Touristen. Aber viele Störche und eine schöne Badestelle. Erfrischt setzen wir unsere Tagestour fort mit einem Fußmarsch auf einem breiten Feldweg, gesäumt von hohen Weiden, durch eine weite, leicht hügelige Landschaft unter hohem blauem Himmel mit weißen Wolken. Da kommt bei mir zum ersten und einzigen Mal vielleicht so ein Anflug von "Ostpreußengefühl" auf.



Unser Ziel ist das Dorf Galkowen (Galkowo), ein auffallend gepflegter Ort mit schönen alten und neuen Häusern (in Erwartung von Touristen?), dem Pferdegestüt Ferenstein und dem Gasthaus "Potocki" das ein Adelswappen über dem Eingang trägt (waren nicht die Potockis alter polnischer Adel? Die Herkunft der Besitzer und die Bedeutung des Wappens bleiben zweifelhaft). Um es gleich zu sagen: dies Gasthaus ist ein schönes, in die Landschaft passendes Gebäude in einem herrlichen blühenden Sommergarten und mit der besten Küche, auf die wir während unserer ganzen Tour gestoßen sind (es gibt sogar selbstgemachte Limonade!).



Aber alles andere ist unecht: dieses Haus stand ursprünglich als Forsthaus auf dem Sitz der Grafen Lehndorff in Steinort. Der jetzige Besitzer Alexander Potocki hat es dort ab- und hier in der Johannisburger Heide wieder aufgebaut und dazu das traditionelle Restaurant auf dem benachbarten Gestüt ab- und hier wieder eingebaut. Im ersten Stock des Hauses ist ein Marion-Dönhoff-Salon eingerichtet mit ihren Büchern, Fotos, Tondokumenten und Archivmaterial. Die große ostpreußische Gräfin, vor ein paar Jahren über 90-jährig verstorben, die sich so verdienstvoll um die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen bemüht hat, war nie hier, in Steinort bei den Lehndorffs allerdings oft zu Besuch. Trotz ihrer Verdienste kennt sie auch in Deutschland nur eine Minderheit, und so ist es kein Wunder, dass unsere Schweizer Mitreisenden uns nach ihr fragen. Glücklicherweise können wir Auskunft geben, nicht umfassend, aber wenigstens richtig. Denn das, was anschließend bei der Führung durch die Räume zu erfahren ist von Frau Renata-Marsch-Potocka, einer alten deutschen Journalistin (ehemaligen dpa-Korrespondentin in Polen) und Mutter des Besitzers des Hauses, ist nicht auf Kenntnisse nicht-deutscher Besucher ausgerichtet, und wird sprunghaft, lückenhaft und unprofessionell vorgetragen – ich empfand das als Ärgernis! Aber, wie schon gesagt: der Ort ist schön, das Essen hervorragend!
Bei allen unseren Touren bewegen wir uns immer – zu Lande oder auf dem Wasser – am Rande oder direkt in einem der größten Waldgebiete Masurens: der "Johannisburger Heide" (Puszcza Piska, Pisz = Johannisburg) mit über 1000 km oder der Borker Heide" (Puszcza Borecka) mit 250 km, aber wer bei dieser Bezeichnung an Landschaften wie die Märkische Heide oder etwa die Lüneburger Heide denkt, macht sich falsche Vorstellungen. Es sind Wälder. Zwar keine Urwälder, die man noch oft mit Masuren in Zusammenhang bringt – alle Wälder Polens sind Wirtschaftswald, IKEA ist Großkunde - aber es gibt große Reservate und den "Masurischen Landschaftspark" zur Bewahrung der Artenvielfalt der Pflanzen- und Tierwelt. Es soll Hirsche, Rehe, Wölfe, Wildschweine, Biber, große Raubvögel und seltene Vogelarten in großer Zahl geben und natürlich die berühmten Elche und Wisente (die aber nur in den noch wilderen, südöstlicher gelegenen Wäldern nahe der Grenze zu Weißrussland). Doch auch von anderem Getier sehen wir nichts, nur einen mächtigen Biberdamm, als uns auf einer großen Wanderung ein Förster durch die Wälder der Borker Heide führt.



Der Wald erinnert doch sehr an meinen heimischen Darßer Wald, (und den durchquere ich auch lieber per Fahrrad). Außerdem rutschen meine Socken und scheuern Blasen. Am Abend verpflastert mir allerdings eine mitleidige, wandererfahrene Schweizerin die Hacken so gut mit einem professionellen Tape, dass ich gleich wieder voll einsatzfähig bin, aber Kritik an meinen unprofessionellen Wanderschuhen muss ich doch einstecken. Und mir fällt dazu ein: "Das Wandern ist des Müllers Lust ... seine vielleicht, doch nicht recht die meine. Kein Schatten in Sicht, der Weg voller Steine, der Wald voller Matsch und überall Mücken oder versteckte Unterholztücken. Und find ich es mal schön, bleib ich einmal stehen, dann wollen die anderen weitergehen."
Aber richtig schlimm war es auch nicht, ich habe es ja überlebt und nicht so gelitten wie eine andere nette Mitreisende, die vom Schock der abrupten Umstellung von Arbeitsstress auf pure Natur einen üblen Migräneschub kriegte und von diesem Tag (außer unserem ehrlichen Mitgefühl) gar nichts hatte.



Der Förster, der uns führt, ist ein kauziger Sonderling (auf dem Bild hier der dritte von links): groß, nicht schlecht aussehend, spricht verständlich Deutsch und Englisch, und ist erst nach mehreren anderen Studiengängen bei der Forstwirtschaft gelandet (schien damit aber wohl seine endgültige Bestimmung gefunden zu haben).Doch es kommt mal die Rede auf ein Enkelkind, d.h. es gab auch für ihn schon ein Leben vor dem Waldexil. Heute findet er es am schönsten im tiefsten Winter, wenn es eiskalt und alles tief verschneit ist – und keine Menschen kommen. Dafür hat er Kontakte zu Menschen längst vergangener Zeiten: er erzählt, dass er mit seinen geomantischen Fähigkeiten (mit einer Wünschelrute!) im Wald nicht Wasserquellen, sondern die verborgenen Grabhügel einer längst untergegangenen Zivilisation finden kann, die hier mal vor langer, langer Zeit gelebt hat (Einzelheiten sind mir entgangen.) Er führt uns wirklich mitten im Wald zu einem Ausgrabungsplatz, wo Warschauer Archäologie-Studenten solche alten Gräber freilegen und ihren Inhalt mühsam erfassen.(Und ich sehe einmal mehr, wie mühevoll und unspektakulär der Archäologen-Alltag ist – anders als ich ihn mir als Teenager vorgestellt hatte, als ich nach der begeisternden Lektüre von Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" auch Tut-ench-Amun-Gräber ausgraben wollte ...).
Schließlich führt uns der Förster zum von uns vorher bestellten Mittagessen zu seinem Haus. Was immer wir erwartet haben mögen – es ist ein großes, helles, gepflegtes, geschmackvoll eingerichtetes Haus mit sonnigen Wiesen, schattenspendenden hohen Bäumen und einem Teich mit den schönsten, dunkelroten Seerosen.



Eine hübsch gedeckte Tafel erwartet uns, "Smacznego!", es gibt Bigos, so gut und schmackhaft, dass von der ganzen großen Portion nichts übrig bleibt, und der selbstgebackene Schokoladenkuchen als Nachtisch passt auch noch rein. Als wir uns bedanken wollen für die Mühe, die sich seine Frau für uns gemacht hat, brummt er nur: "I have no wife" – es waren Frauen aus dem nächsten Dorf, die gekocht haben. Anscheinend bewirtet er die Gruppen, die er führt, öfter so und bessert damit seine Kasse auf, aber er scheint auch nicht traurig zu sein, als er uns wieder los ist.
Wenn wir etwas längere Strecken mit dem Bus fahren müssen, hat Albert etwas Besonderes zu unserer Unterhaltung vorbereitet: er spielt uns Ausschnitte aus "Viva Polonia" vor, als Hörbuch selbst eingesprochen von dem Autor Steffen Möller, einem Deutschen, der wegen seiner Liebe zur komplizierten polnischen Sprache schon seit 15 Jahren in Polen lebt und dort als TV-Serien-Darsteller und bewundernswerterweise auch als Kabarettist zu großer Bekanntheit gekommen ist. Es sind die sehr humorvoll geschilderten Erfahrungen und scharfsichtigen Beobachtungen des "berühmtesten deutschen Gastarbeiters in Polen". Mit freundlicher Sympathie deckt er Schwächen und Stärken, Besonderheiten und Gemeinsamkeiten von Deutschen und Polen auf, und mit dem so geschärften Blick erkannten auch wir selbst in der kurzen Zeit, die wir nur dort waren, Situationen oder Eigenheiten wieder, wo wir dann in Erinnerung an Steffen Möller sagten: "Siehste!" Wieder zuhause habe ich mir gleich das Buch gekauft und es vor dem Hintergrund meiner frischen Reiseeindrücke mit größtem Vergnügen gelesen.
Besonders ausführliche Gelegenheit zum vergnüglichen Hören von Steffen Möller bietet sich an unserem einzigen Tag ganz ohne Paddeln oder Wandern, an dem wir ein volles, vielfältiges touristisches Ausflugsprogramm absolvieren. In vertraut wirkender hügeliger Landschaft fährt unser Bus über stille Landstraßen, auf beiden Seiten dicht gesäumt von imposanten Linden, Birken oder Buchen. Von Ferne wirkt das wie lichte grüne Tunnel und erinnert an die Reste der "Deutschen Alleen-Straße", deren Verteidiger immer wieder gegen die Abholzung zugunsten des zunehmenden Straßenverkehrs kämpfen müssen. Ein ähnliches Schicksal haben seit einigen Jahren auch die masurischen Alleen, erzählt Albert.
Über Sensburg (Mragowo) erreichen wir Heilige Linde (Swieta Lipka), nur eine kleine Siedlung, aber voller Besucher wegen ihrer berühmten Kirche, die zu den schönsten Barockbauten im nordöstlichen Polen gezählt wird. Sie liegt sehr malerisch zwischen zwei Seen unterhalb eines Hügels und würde den von dort oben kommenden einen noch eindrucksvolleren Anblick bieten, wenn sie nicht gerade renoviert würde und deshalb zur Zeit eingerüstet wäre – Touristenschicksal!



Es erwartet uns eine perfekt Deutsch sprechende, freundliche, kompetente und eloquente Führerin, die uns sofort an Steffen Möllers Beschreibung der selbstbewussten polnischen Frauen denken lässt ("Siehste!") Sie erzählt die Entstehungsgeschichte und -legende der Kirche, in der eine Linde und ein Wunder eine Rolle spielen, weist auf das ganz besondere grüne schmiedeeiserne Eingangstor zum Gelände hin, berichtet von dem berühmten Maler, der bei der Ausgestaltung vom Gerüst fiel und starb (deshalb blieben die Malereien in den äußeren Kreuzgängen unvollendet), zeigt im Inneren die verblüffenden Trompe-l’oeils an den Pfeilern, erklärt den mächtigen, goldglänzenden Altar und das Prunkstück der Kirche – die Orgel des Meisters Johann Mosengel mit ihren 40 Registern und ca. 4000 Pfeifen. In Polen sind nur 2 Orgeln dieses Barock-Meisters erhalten geblieben. Alle 30 Minuten gibt es eine ca. 15-minütige "Orgelpräsentation", zu der sich die Kirche auch zusehends füllt. Ein eifriger Jesuit kommt geschäftig angewieselt (wirklich, so wirkt sein Auftreten auf mich), begrüßt im Namen seines Herren auf Polnisch und Deutsch die Anwesenden und erklärt, was jetzt kommen wird - mit dem ausdrücklichen Hinweis auf die daran anschließende "freiwillige" Spende. Und dann donnert die Orgel los. Experten unter uns finden den Klang gar nicht so überwältigend, aber der Organist zieht bei geistigen und weltlichen Musikstücken wohl wirklich alle Register. Dazu bewegen sich an der Orgel etliche große und kleine goldene Figuren: Sterne, Engel, Erzengel, sogar die Jungfrau Maria neigt huldvoll ihr Haupt – Musik fürs Auge.



Dann geht der Klingelbeute für die "freiwillige" Spende durch unsere Reihen (keiner bleibt verschont), und mit ein paar segensreichen Worten auf Polnisch, Deutsch und nun auch auf Französisch (er hatte erfahren, dass "wir" Schweizer sind, und die sprechen eben Französisch ...) werden wir wieder entlassen. So wird es hier den ganzen Tag weitergehen. Mehrere Busladungen neuer Touristen stehen schon am Tor. Deshalb sind die vielen Souvenirbuden oben an der Straße auch gerade weniger belagert, aber die Ausbeute ist spärlich, nur das Angebot an speziell katholischem Touristenkitsch ist geradezu überwältigend.
Da die Stadt Rastenburg (Ketrzyn) an unserer Route liegt, machen wir dort einen kurzen Halt. Die "Rastenburg", d.h. die Rastburg der Ordensritter, steht noch, mitten in der Stadt. Man kann sie aber wohl nicht komplett besichtigen. Wir betreten nur einen Innenhof und könnten ein Museum besuchen. Unweit davon eine gewaltige Backstein-Basilika mit angeschlossenem Häuserkomplex, Hinweisen auf einen hier vorbeiführenden polnischen "Jacobsweg" und auf "Radio Maryja".



Das Städtchen selbst, eine Mischung aus übrig gebliebenen Bürgerhäusern aus der Vorkriegs- und schnell gebauten Wohnblocks aus der Nachkriegszeit und vielen Freiflächen, hat durch die Kriegszerstörungen (und die Ansiedlung polnischer Vertriebener aus den an Russland gefallenen Gebieten, für die dies hier ja auch nicht Heimat war) vielleicht für immer seine Charakteristik verloren. Ähnlich sah es bei der Durchfahrt in anderen kleinen Städten auch aus und machte mir den ganzen Wahnsinn und die irreparablen kulturellen Schäden des Krieges so deutlich wie selten.
Dieses Gefühl verstärkt sich noch in der Ortschaft Steinort (Sztynort), die seit Beginn des 16. Jahrhunderts im Besitz der Grafenfamilie Lehndorff war. Der letzte Besitzer, Heinrich v.L., verheiratet mit einer Cousine der Gräfin Dönhoff, gehörte zu den Männern des 20. Juli. Er fiel den Nazis in die Hände und wurde hingerichtet. Seine Familie konnte sich in die spätere Bundesrepublik durchschlagen. Eine seiner beiden Töchter, "Veruschka" –später ein bekanntes Fotomodell – berichtete auf der Höhe ihrer Popularität in einem TV-Interview mit Roger Willemsen, dass sie und ihre Schwester in der Schule lange Zeit als "Vaterlandsverräterkinder" geächtet waren ...
Das Schloss sieht stark verfallen aus. Man kann es nur von außen ansehen. Es hat die Nazis, den Einmarsch der Roten Armee und die LPG-Zeit in der Volksrepublik Polen überlebt. Beinahe untergegangen wäre es erst, als es nach der Wende einem gierigen Investor in die Hände fiel. Wohl wirklich in letzter Minute konnte es der heutige polnische Staat zurückerwerben. Gemeinsam mit deutschen und EU-Institutionen gibt es jetzt realistische Rettungspläne. Davon berichtet mit glühendem Eifer ein junger Pole, der uns an einem Informationsstand vor dem Haupteingang mit Informationsmaterial und Erklärungen versorgt – und für mich wieder ein hoffnungsvolles Beispiel für Vergangenheitsbewältigung und europäisches Denken darstellt.



Zurück in die dunkle Vergangenheit führt uns der Besuch im ehemaligen "Führerhauptquartier Wolfsschanze". Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte – ich wusste ja, dass alles dort auf dem 250 ha großen Areal, umgeben von 800 ha Wald, zerstört worden war, von den Nazis selbst, noch im Januar 1945, nur 3 Tage, bevor die Rote Armee dort einrückte. Aber irgendwie erwartete ich doch, dass mir dieser Ort irgendeinen Eindruck machen würde – aber nichts! Wenn es nicht blasphemisch gewesen wäre, hätte ich denken können, irgendwo im Elbsandsteingebirge zu sein: riesige Felsbrocken, überwuchert und bemoost, mitten im Wald.



Bei näherem Hinsehen stellen sich die "Felsbrocken" natürlich als Betonklötze heraus, Reste der mit gewaltigen Mengen von Sprengstoff zerstörten bis zu 8 m dicken Decken, 5 m dicken Wände und 7 m tiefen Kellergewölbe der diversen Gebäude und Bunker, an denen Hitler mit völligem Realitätsverlust noch bauen ließ, um den Sieg im Osten zu planen, als nichts den Untergang mehr abwenden konnte.



Wieder so eine selbstbewusste und agile Führerin aus Steffen Möllers Buch (die auf dem Gelände sogar traumwandlerisch sicher rückwärts gehen kann!) führt uns über das Terrain, zeigt Fotos, nennt Zahlen, Namen und Fakten. Den meisten unserer Schweizer Mitreisenden ist das alles im Detail wenig vertraut - auch wir haben ja unsere Lücken, dabei ist es unsere (unrühmliche) Geschichte –und was wissen wir schließlich über die Schweiz (Schweizer Uhren, Schweizer Käse, Schweizer Schokolade, Schweizer Berge, und über die Historie nur Wilhelm Tell von Schiller, und das soll noch falsch sein – also sehr beschämend für uns!)?! Fast alle aber hatten den Film "Der Untergang" mit dem Schweizer Bruno Gans gesehen und wussten daher, was auf die Tage nach der "Wolfschanze" folgte.



Unserer Führerin macht mit viel Detailkenntnis bedrückend deutlich, wie sehr Hitler damals bereits in seinem Wahn gefangen war und dass seine gesamte Entourage sehenden Auges mit ihm die Welt in den Untergang gerissen hat. Und sie verdeutlicht tragisch, von welchen nicht planbaren Detailänderungen und unvorhersehbaren Tücken der Fehlschlag des Attentats der Männer um Graf von Stauffenberg am 20.Juli 1944 abhing. Am Ort des Geschehens erinnert eine schlichte Gedenktafel daran. Heute – 77 Jahre und 2 Tage später – stehen wir sehr nachdenklich davor.
Steffen Möller auf der Rückfahrt und ein Bad in der sanften Strömung der Krutynia am Abend hellen unsere Stimmung wieder auf.
Die bleibt auch gut, als uns am letzten Tag doch noch das Regentief erreicht, das seit einer Woche schon halb Europa zu ertränken droht. Also kommen unsere Regensachen, mit denen wir alle gut ausgerüstet sind, doch noch zum Einsatz. Es nieselt, es regnet, es stürmt sogar etwas, und wir werden trotz unserer Schutzkleidung ziemlich nass. Zwar sind wir stolz, diese Tour gemeistert zu haben, aber auch froh, dass es die einzige dieser Art war und dass uns am Ziel unsere trockenen Sachen im Bus erwarten. Bevor wir nach Nikolaiken fahren, bringt uns der noch eine kleine Wegstrecke zum Ufer des Spirdingsees (Jezioro Sniardwy), dem größten See Polens. Vor dem Aussichtsturm im Schilfufer liegt er riesengroß im Nebelgrau vor uns, über dem Horizont gewaltige dunkle Regenwolken.



Noch gestern hatten wir auf einem anderen großen See, der eigentlich aus 4 Seen besteht, nämlich dem Labab-See (Jez.Labap), dem Doben-See (Jez. Dobskie) mit seiner unter Naturschutz stehenden Kormoran-Insel, dem Dargeinen-See (Jez. Dargin) und dem Kissain-See (Jez. Kisajno), eine beschauliche Dampferfahrt von Steinort nach Lötzen (Gizycko) gemacht – die Sonne schien, auf dem Anleger in Steinort machten Studenten ein rustikales Picknick, in Lötzen grüßte eine feine alte Badeanstalt und das "Kapitanat" mit "Botsmanat" (die Hafenmeisterei).



Alle Seen waren über und über betupft mit weißen Punkten – Segelbooten. Die scheinen heute alle in Nikolaiken (Mikolajki) zu liegen, dem Seglerzentrum der Region. Dicht an dicht liegen teils sehr beeindruckende Boote in der großen Marina, viele als typische Segler zu erkennende Leute flanieren im trüben Wetter am Ufer zwischen vielen Kneipen, Souvenirläden und Geschäften mit Segelzubehör und "maritimer" Kleidung.



In einem Spezialgeschäft erklärt (und verkauft) jemand unseren Schweizern Bernstein. Da wir das ja schon kennen, verzichten wir darauf und versuchen, letzte Souvenirs zu kaufen (und "gofry" mit frischen Himbeeren und Sahne!) und fahren danach alle ein letztes Mal in akustischer Begleitung von Steffen Möller zurück in unsere Pension.
Dort erwartet uns nach dem üblichen üppigen Abendessen noch ein Lagerfeuer im Park (eins hatten wir schon am Tag nach unserer Ankunft). Albert schenkt Wodka aus, wir üben nochmal hingebungsvoll "Na zdrowie", ein Akkordeonist singt und spielt melancholische Lieder für uns, wir singen mit, wenn wir können und sammeln für ihn unsere (fast) letzten Zloty. Er ist gerührt (so etwas käme nicht mehr oft vor), und wir werden auch leicht melancholisch, weil eine schöne gemeinsame Woche so schnell vergangen ist.



Am letzten Morgen herzlicher und betrübter Abschied von Albert: "Do widzenia, dzienkuje bardzo i wszystkiego dobrego". Er muss sofort im noch tieferen, noch östlicheren Masuren von einem erkrankten Kollegen eine Radlergruppe übernehmen und kann uns deshalb nicht nach Warschau begleiten.



Das hier ist Albert: 44 Jahre alt, seit 22 Jahren verheiratet. An der Universität Breslau (Wroclaw) hat er Informatik studiert, am Goethe-Institut Deutsch gelernt – perfekte Voraussetzungen, um gleich nach der Wende von der Deutschen Bank angestellt zu werden und bei ihrer Etablierung in Polen mitzuarbeiten, aber nach fast 10 Jahren kein Schutz gegen "betriebsbedingte Kündigung" (wie er sagte). Seitdem arbeitet er als Reiseleiter für Deutsch sprechende Touristen in Polen und polnische in Asien. Heute empfindet er das nicht mehr als Abstieg, sondern als Bereicherung und Herausforderung und macht es gern. Das wollen wir ihm gern glauben - so kompetent, gut organisiert und gut gelaunt, wie er immer war. Noch einmal "Dzienkuje bardzo, Albert!"



Die Betreuung auf der Fahrt nach Warschau übernimmt Marcin, der etwas hektische Begleiter der Radlergruppe, die uns schon im Bus erwartet. Auf der schon bekannten Strecke fahren wir zurück. Es ist wieder ruhig auf den Straßen, es ist wieder Sonntag, aber Vormittag, und da bietet sich uns ein ganz unerwartetes und ungewohntes Bild: vor den offenen Türen der Kirchen drängen sich die Menschen – die Kirchen haben nicht Platz genug, um all die Gottesdienstbesucher aufzunehmen!
In Warschau dann Umleitung über Umleitung. Wir haben das Gefühl, die ganze Stadt zu umrunden. Der Fahrer ist ortsunkundig, Marcin nervös, aber wir sind rechtzeitig am Flugplatz, um in Ruhe die Schweizer Freunde zu verabschieden, die heute zurückfliegen. Wir bedanken uns bei ihnen dafür, dass sie uns so nett integriert haben, und sie danken uns für dasselbe! Einige bleiben noch in Warschau und verabschieden deshalb uns beide und noch zwei weitere am Bahnhof, bevor sie zum Hotel gebracht werden. Auch wir finden in aller Ruhe unsere bequemen Plätze im Zug und treffen uns – zum letzten Mal bei guter polnischer Kost für die letzten polnischen Zloty – zu viert im Speisewagen zu einem Austausch von Eindrücken und Erinnerungen. Am Berliner Hauptbahnhof dann ein letztes Winken, jeder hastet in seine Richtung – und die Reise ist zu Ende.
Am nächsten Morgen nehme ich bei Wind und strömendem Regen den Bus nach Prerow und sehe nun mit eigenen Augen, was die Fernsehbilder der letzten Tage schon befürchten ließen: aufgeweichte Wege, überfließende Gräben und überflutete Wiesen und Felder. In Prerow dann kann ich kaum meinen Augen trauen: mein hinterer Garten bildet zusammen mit denen der Nachbarn einen einzigen, großen, knietiefen (!) Teich, und mittendrin ist eine kleine, schwächliche Pumpe stationiert – auf einem Paddelboot!

Reisebericht von Angela Heinrich-Fieweger
Reisezeitraum: 16. bis 24. Juli 2011

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