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Primitive Hütte oder unser Fünf-Sterne-Hotel in der Wildnis?
Sieben Tage unterwegs mit Skiern und Hundeschlitten

Touren nach Norwegen

Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. In ein paar Stunden geht’s los. Sieben Tage unterwegs auf Skiern, mit einem Hundeschlitten und Zelt durch den norwegischen Femundsmarka- und den schwedischen Rogen-Nationalpark. Das mulmige Gefühl rührt von der Ausdauer der Mitreisenden: Andrea, rotwangig und pumperlgesund, ihr Mann Michael, sportlich und ausdauernd wie ein Husky und Georg, der Veranstalter der Expedition, ehemaliger Sportstudent, dem zuzutrauen wäre einen Hundeschlitten alleine zu ziehen.
600 Loipenkilometer hatten Andrea und Michael in den letzten Wochen im Erzgebirge runtergespult. Vorbereitung auf die bevorstehenden Tage. Mir stecken dagegen ein Umzug und eine Bronchitis in den Knochen. Diese Diskrepanz fördert das mulmige Gefühl.

Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Georg hat bereits den Schlitten mit Zelt, Schlafsäcken und Verpflegung gepackt und zeigt uns, wie die sieben Grönlandhuskys angeschirrt werden. Devlin, der Leithund, wird vorne rechts positioniert, neben ihm der junge Keiko. Das Gejaule und Gebelle ist unbeschreiblich. Die Hunde sind heiß. Sie wollen nur eins: loslaufen. Sobald der Anker, der neben dem Schlitten in den Schnee gerammt ist, gelichtet wird, gibt es für sie kein Halten mehr. Georg rast mit Schlitten und Hunden erst mal davon.



Wir schultern unsere Rucksäcke und folgen der Spur auf Langlaufskiern ähnlichen Brettern. Andrea und Michael sind anscheinend genauso heiß wie die Hunde, sie legen ein enormes Tempo vor. Ich bin nach wenigen hundert Metern schweißgebadet, die Anstrengung reizt den Husten zur Aktivität.
Erst mal geht es über den zugefrorenen Femundsee. So langsam gewöhne ich mich an das Tempo. Eine weite, weiße Ebene mit Markierungen und einer Schneescooter Spur liegt vor uns.
Die Hunde haben sich ein wenig beruhigt und wir dürfen uns an einem Seil an den Schlitten hängen. Sozusagen per Lift sausen wir über den See. Nach neun Kilometern verlassen wir den 70 Kilomter langen Feemundsee, fahren hinein in einen lichten Birken-, Fichtenwald, und in den Nationalpark.



Da – Spuren. Viel zu groß für Rentiere. Das müssen Elchspuren sein. „Davon gibt es hier viele“, meint Georg. Auf der Straße von Oslo bis hierher gab es ständig Verkehrsschilder, die vor Elchen warnten. Ob wir einen zu Gesicht bekommen? Während der Tee- und Schokoladenpause schauen wir uns ständig um. Aber kein Elch lässt sich blicken.



Durch den Wald geht es hoch ins Fjell, also über die Baumgrenze. Der Wind nimmt zu – zu heftig zum Zelten. Wir drehen um und finden ein lauschiges Übernachtungsplätzchen im Wald. Hunde ausspannen, Schnee am Zeltplatz platt treten, Zelt aufbauen, Schnee schmelzen, Hunde füttern. Devlin, Tundra, Taiga, Varg, Keiko, Björk und Odin sind genügsam. Nur einmal am Tag bekommen sie eine Mischung aus Wasser und Trockenfutter.



Die Hunde rollen sich zufrieden ein, und wir kriechen in den Winterschlafsack. Allerdings etwas skeptisch, ob der Schlafsack wirklich hält, was versprochen wird: Dass er uns auch noch bei minus 20 Grad wärmt. Heute ist es nicht so kalt. Nur der Wind bläst unaufhörlich. Die Füße sind feucht, doch in den Daunenschuhen, die Georg austeilt, werden sie schnell mollig warm. Socken, Handschuhe, Mütze, Shirt – alles was am nächsten Morgen warm und trocken sein soll, wird in den Schlafsack gestopft. Unsere Körperwärme soll trocknen und wärmen.
Schon um sechs liegen wir im Zelt. Andrea fühlt sich unterfordert. Georg wollte uns an diesem Tag nicht mehr zumuten – zum Eingewöhnen. Zu wenig für die laufbegeisterte Andrea. Georg schenkt Tee aus und beginnt zu kochen. Das heißt, auf dem Petroleumkocher Schnee schmelzen, zum Kochen bringen, das Wasser dann in den Beutel mit der Trekking-Nahrung gießen, gut umrühren, zehn Minuten ziehen lassen – und fertig ist der Jägertopf.
Wir sitzen im Zelt, kuscheln uns in die Schlafsäcke, löffeln den Jägertopf. Draußen bläst der Wind, rüttelt an den Zeltstangen. Irgendwie ist es gemütlich. Nur ein Gedanke ist qualvoll: Vielleicht heute Nacht raus zu müssen. Sofort verkneife ich mir weiteren Tee zu trinken – und schlafe wunderbar.
Wind, Wind, Wind. Er schafft herrliche Schneeformationen, die mal an Dünen, mal an Wellen erinnern. Das Gute an unserem Wind: Er kommt von hinten. So einen Wind habe ich noch nie erlebt. Dank ihm war ich auch noch nie so schnell und mit so wenig Anstrengung einen Berg oben. Wie von einem unsichtbaren Schlepplift gezogen kommen wir mühelos auf der Hochfläche an. Doch leider müssen wir oben die Richtung wechseln. Nun bläst er uns mit aller Macht von der Seite ins Gesicht. Einen Stockeinsatz zu machen, erscheint fast unmöglich. Wind, Wind, Wind, weiter, weiter, weiter. Es gibt keine anderen Gedanken. Die Hunde stemmen sich mit aller Kraft gegen ihn.



Wir machen es ihnen nach. Nach einer Ewigkeit ist die Baumgrenze wieder erreicht. Der Wind lässt nach. Aufatmen. Durch einen Wald mit viel Gestrüpp bahnen wir uns mühsam den Weg hinunter zum See. In Ufernähe finden wir wieder ein nettes Plätzchen für unser Zelt. Die Tagesbilanz lautet: von 9 Uhr bis 17.15 Uhr unterwegs, drei nicht allzu lange Pausen gemacht und 29 Kilometer zurück gelegt. Andrea und Michael sind sehr zufrieden. Ich bin so platt, dass ich mich kaum zum abendlichen Kartenspiel aufraffen kann. Vom Heulen der Hunde in der Nacht bekomme ich nichts mit.



Am nächsten Morgen – das Rausschälen aus dem warmen Schlafsack kostet viel Überwindung – schneit es leicht. Durch hüglig, waldiges Gelände geht’s s auf der schwedische Seite zum zugefrorenen Rogensee. Von weitem sehen wir Fischer, die ein Loch durch das meterdicke Eis gebohrt haben und nun geduldig auf einen guten Fang hoffen.
Dann ist es an mir, den Hundeschlitten zu lenken. „Hey Devlin“ lautet das Kommando, wenn’s losgehen soll, „sto“ für halten. Da Georg voraus marschiert und die Hunde nur stur der Spur folgen müssen, ist das Lenken einfach. Kilometer für Kilometer geht es zwischen „hey Devlin“ und „sto“. Die Hunde sind geboren, um zu laufen. Nach jedem „sto“ ziehen sie gleich wieder so fürchterlich, dass es schwer ist, den Anker in den Schnee zu rammen.
Die Sonne kommt, der See verwandelt sich in eine glitzernde, weiße Märchenwelt. Würden uns vom Ufer aus Trolle und ein paar Elche zuwinken, keiner würde sich wundern.



Den Gedanken nachhängen, die Landschaft genießen, „sto“, „hey Devlin“ so vergehen die Stunden – plötzlich landen wir mitten im Paradies. Eingebettet in einer windgeschützten Mulde liegt die idyllische Mullerbua-Hütte mit viel Brennholz davor, das nur noch gesägt und gespalten werden muss.



Hütten wie diese gehören dem norwegischen Staat. Es gibt Matratzen, Tisch, Stühle, Besen, Kerzen, Überweisungsformulare für Übernachtungsspenden und eben den Ofen, der dafür sorgt, dass wir nicht nur all unsere Habseligkeiten trocknen können, sondern auch einen saugemütlichen Abend verbringen. Dies ist unser Fünf-Sterne-Hotel. Wärme von außen und etwas Wärmendes im Magen, es braucht wenig, um zufrieden zu sein.



Reduzierung aufs Wesentliche. Ans Waschen denkt niemand. Keiner von uns hat ein Handtuch dabei. Zähne putzen ist das Höchste der Hygieneansprüche. Wir stinken wahrscheinlich schlimmer als die Moschusochsen, die es hier geben soll, aber niemanden stört es. Die zotteligen, schwarzen Moschusochsen schon gar nicht, die sehen wir leider genauso wenig, wie die Elche. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, denn die Kolosse wiegen zwischen 250 und 440 Kilo, sind bis zu 60 Stundenkilometer schnell und mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen zu nahe kommt.
Die Sicht ist mies. Wir stapfen ins Nichts. Georg voran. Wie er sich orientiert, bleibt ein Rästel. Weder Kompass noch Karte sind in dieser nebligen Einheitssuppe nützlich. Trotzdem führt er uns zielsicher.



Endlich wird die Sicht besser. Wir sind über der Baumgrenze. Unter uns breitet sich unsere gesamte Tour der letzten vier Tage aus – die bewaldeten, sanften Hügel, die hohen Berge, die endlosen Seen. Einsamkeit, Weite, Natur. Da drüben, hunderte Meter von uns entfernt, sind Rentiere zu erkennen. Eine ganze Herde. Sie haben uns längst gewittert und ziehen bergauf, weg von uns, den Eindringlingen in ihr Revier.



An unserem letzten Abend in der Wildnis kreisen die Gedanken bereits wieder hin zur Zivilisation. Wir veranstalten ein Mau-Mau Turnier. Der Sieger darf Morgen als Erster duschen.
Doch davor liegt noch eine eiskalte Nacht, deutlich mehr als minus 20 Grad.



Da schaffen es Schlafsack und Daunenschuhe nicht mehr, die Füße zu wärmen. Wir sind froh, als wir morgens aufstehen können. Bewegung tut gut. Draußen herrschen blauer Himmel und Eiseskälte. Der Schnee knirscht. Die Hunde begrüßen uns vergnügt, begierig auf den nächsten Streckenabschnitt. Ihnen macht die Kälte überhaupt nichts aus.



Seen, Hügel, lichter Wald. Bereits vertraute Landschaft, liebgewonnene Landschaft. Ich lasse die anderen voraus ziehen, genieße die absolute Stille, die Ausblicke und hoffe insgeheim weiter auf einen Elch. Es liegt ein besonderer Reiz in dieser fast menschenleeren Gegend. Besonders auch deshalb, weil wir uns für sieben Tage voll auf sie eingelassen haben und sie erwandert sind. 135 Kilometer haben wir zurück gelegt. Trotz Kälte, feuchter Socken, schlechter Sicht und eisigem Wind war es schön. Ein Zauber wird bleiben. Auch ohne Elche, auch ohne Trolle.



Bericht von Iris Lemanczyk (il)

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