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Reisebericht von Regina Kramer
Fotos von Frank Schulz

Reisezeitraum: September 2011
Alle Infos zur Reise unter www.schulz-aktiv-reisen.de/GOG80



04.09.2011
Was für ein Tag! Nach unserer Ankunft mitten in der Nacht, die uns einen ersten Eindruck von Tblisi als großzügiger mediterraner Stadt verschaffte, haben wir erst mal bis 10 Uhr geschlafen und wurden nach dem Frühstück von unserer Reiseleiterin eingesammelt
Sie heißt Maka, ist ca. 1,50 m groß, Mitte 20 und supercharmant. Mit ihr haben wir einen mehrstündigen Stadtrundgang durch die Altstadt gemacht. Diese Altstadt ist ganz verzaubert. Überall gibt es geschnitzte Holzbalkons, viel Kunsthandwerk, Bronzeskulpturen und sehr gut gekleidete Menschen, die total westeuropäisch aussehen. Viele Frauen tragen Kleider und dazu schwindelerregend hohe Stöckelschuhe. Man muss natürlich berücksichtigen, dass heute Sonntag ist und man sich dann ein bisschen mehr aufbrezelt. Aber trotzdem, es ist schon auffällig, wie viel Mühe sich gerade die Frauen mit ihrem Erscheinungsbild gegeben haben.
In Georgien scheint das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionen, die alle sehr ernsthaft ausgeübt werden, problemlos zu klappen. Die meisten Georgier sind christlich orthodox, aber es gibt auch Juden und Moslems. Wir haben sowohl eine Synagoge (die erste meines Lebens!) als auch eine Moschee besucht und dazu immer wieder Kirchen, die teilweise schon im 8. Jahrhundert in ihren Grundzügen entstanden sind.



Am Abend ging es dann in ein georgisches Restaurant zum „Schulz Aktiv Begrüßungsessen“. Der Tisch bog sich vor lauter Essen und wir haben trotz guten Willens kaum mehr als die Hälfte geschafft. Hier wird viel mit Mayonnaise und Öl gearbeitet und zu allem gibt es leckeres, Ciabatta-mäßiges Brot, das schon vor dem eigentlichen Essen den Magen füllt.



05.09.2011
Nach dem Frühstück haben wir uns auf den Weg nach Mzcheta, der ehemaligen georgischen Hauptstadt gemacht. Wieder eine Kirchenbesichtigung und wieder Fotostopps, um die Landschaft zu fotografieren. In Mzcheta angekommen, fielen uns fast die Augen aus dem Kopf, denn die Stadt wirkt wie eine einzige große Filmkulisse. Wo man hinguckt, findet man Bauten, die scheinbar aus dem Mittelalter oder früher stammen. So ist zum Beispiel die Touristinformation in einem "griechischen Tempel" untergebracht und durch die Stadt verläuft eine Stadtmauer. Die Straßen sind nicht asphaltiert, sondern mit großen Steinplatten gepflastert. Ab und zu trottet ein Esel durch die Gassen und rundet das pittoreske Bild ab. Die Stadt ist aber gar nicht alt, bzw. die Stadt schon, aber die Gebäude sind neu. Offenbar hofft man in der Zukunft auf viele Touristen und will gerne etwas bieten. Der eigentliche Höhepunkt der Stadt ist die Basilika, in der angeblich der Leibrock von Jesus begraben ist. Die Legende sagt, dass der Leibrock nach Jesus' Tod nach Georgien verkauft wurde und eine alte Frau diese Reliquie voller Ehrfurcht fest an ihre Brust presste und vor Ergriffenheit starb. Ihre Hände umklammerten das Tuch so fest, dass man es ihr nicht entreißen konnte, und so musste sie mitsamt dem Tuch begraben werden. Auf diesem Grab wurde später die Kirche gebaut.

Dann ging es weiter nach Gori, um Stalins Geburtshaus zu besichtigen. Das ist eine alte windschiefe Hütte mit zwei Zimmern, die von einem tempelartigen Überbau vor Wind und Wetter geschützt ist. Dieser "Tempel" wurde in den 50er Jahren von den Russen gebaut und auch wenn Stalin ein Despot war, der so viel Aufmerksamkeit eigentlich nicht verdient hat, ist es gut, dass das Haus geschützt wurde, denn so bekommt einen kleinen Eindruck davon, wie die einfachen Leute zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt haben.



Nach einem kurzen Mittagsimbiss in der örtlichen Sportbar fuhren wir in die Höhlenstadt Uplisziche. Die Stadt wrude bereits im 6. Jahrhundert vor Chr. Gegründet und bot rund 5000 Menschen Schutz. Es gab eine Kanalisation, ein Theater, eine Apotheke und einen langen Fluchttunnel. Sehr beeindruckend!

Die Besichtigung der Festung Ananuri an der georgischen Heerstraße war der letzte Punkt unseres Besichtigungsprogrammes, und schließlich sind wir gegen 19:30 Uhr in Gudauri angekommen, wo wir bis Sonntag in einer Pension wohnen. Der erste Eindruck von Gudauri war sehr ärmlich und wir fragten uns, wovon die Leute hier wohl leben und wie unsere Zimmer sind. Aber wir waren angenehm überrascht. Unsere Zimmer sind geräumig und zweckmäßig eingerichtet. Und auch die dazu gehörigen Badezimmer entsprechen normalem Standard.



06.09.2011
Heute erwartete uns die erste große Wanderung. Wir sind zunächst gut eineinhalb Stunden mit dem Kleinbus gefahren, haben unterwegs noch 2 Fotostopps, u.a. an einem Friedhof, auf dem kriegsgefangene Opfer des zweiten Weltkrieges begraben waren, gemacht. Dann kamen wir an unserer Ausgangsstation an: einem Dorf, das 6 Monate im Jahr von der Außenwelt abgeschnitten ist. Die Bewohner leben völlig autark und man hat den Eindruck, in einer anderen Zeit zu sein. Die Häuser sind sehr ärmlich, die Straßen kann man eigentlich nicht als Straßen bezeichnen, und überall laufen Kühe, Hühner und sogar Schweine frei und unbeaufsichtigt herum. Offenbar wissen die Tiere alle genau, wo sie hingehören. Die Männer sind auf Eseln unterwegs oder harken mit hölzernen Rechen an den Abhängen Heu zusammen. Einige waren sogar noch mit Sensen unterwegs.

Unsere Wanderung führte uns nach dem Motto "Wo der Wildbach rauscht" stramm nach oben. Rechts rauschte das Wasser und links zirpten die Schrecken. Als ich die erste Enzianblüte sah, war ich noch ganz aufgeregt und dachte, ich sei auf eine Rarität gestoßen. Später merkte ich, dass überall Enzian in großen Büscheln wächst. Auch Salbei, Thymian, Butterblumen und viele andere Blütenpflanzen, die ich noch nicht kannte, sprossen zwischen den Steinen hervor. Um uns herum war es, abgesehen von Bach und Schrecken, völlig ruhig und wir genossen es, schweigend und im Gänsemarsch hintereinander her zu stapfen. Leider kam immer wieder ein frischer Wind auf, so dass es schnell empfindlich kalt wurde, wenn die Sonne hinter einer Wolke verschwand. Also hieß es dauernd: Jacke an - Jacke aus, Reißverschluss auf, Reißverschluss zu.



Nach ca. 2,5 Stunden kamen wir an unserem Rastplatz an und haben, ohne eine Menschenseele oder einen Hauch von Zivilisation zu sehen, gepicknickt. Unser Lunchpaket bestand pro Person aus 4 Scheiben Weißbrot, einer Scheibe Käse, 2 hartgekochten Eiern, einer Tomate, einer Gurke und 4 Scheiben Wurst. Das war natürlich viel zu viel, denn wir hatten ja reichlich gefrühstückt, mit Blini, Spiegeleiern, saurer Sahne und Kirschen in Sirup. Typisch georgisch! Schnell gesellten sich eine junge Kuh und ein frei herumlaufender, wirklich goldiger Hund zu uns und ließen sich gerne verwöhnen. Die Kuh bekam die Weißbrotreste und der Hund freute sich über Eier und Käse. Es war schön zu beobachten, wie der Hund seine Pfründe verteidigt hat. Immer wieder hat er die Kuh verbellt und sich regelrecht an uns gekuschelt. Das war ein ganz schöner Schlawiner, der genau wusste, wie er uns weich kochen konnte. Nach dem Essen haben wir es uns so gut es ging, auf der warmen Wiese bequem gemacht und ein kleines Mittagsschläfchen gehalten. Frisch gestärkt hieß es dann: Nur die Harten kommen in den Garten und zur Marathonvorbereitung wurde ein Höhenwettrennen auf den nächstliegenden 3000er veranstaltet. Es ist unglaublich, wie sehr man die Höhe merkt. Ich habe beim Klettern geschnauft wie eine Lokomotive. Den Männern scheint das nichts ausgemacht zu haben, denn sie sind wie die Bergziegen über Stock und Stein nach oben gerannt. Da merkt man den Unterschied zwischen einer Freizeitsportlerin und einem Extremsportler ganz deutlich!

Zurück im Tal haben wir es uns in einem Freiluftcafé gemütlich gemacht, das sich allmählich füllte, denn es kam noch eine Wandergruppe (ebenfalls Schulz aktiv) und schließlich folgten 10 ukrainische Mountainbiker, die dort bei dem Café ihre Zelte aufschlagen wollten. Es gibt schon sportliche Menschen!
Als sich die Sonne hinter den Berggipfel verzog, war es für uns Zeit, aufzubrechen, denn es wurde jetzt schnell empfindlich kalt. (die durchgeschwitzten Ukrainer mussten noch ihre Zelte aufbauen...schnatter). Im Auto drehten wir die Heizung voll auf und dösten vor uns hin, während uns unser Fahrer um die Schlaglöcher herumkutschierte und gegen 20:30 Uhr in der Pension ablieferte. Nach einer schnellen heißen Dusche freuten wir uns auf das Abendessen und hatten ordentlich Schmacht. Es gab Pilzsuppe, Reissalat, gekochte Möhren und anschließend Spaghetti mit Fleischklößchen. Die Krönung war die Buttercremetorte mit gefühlten 100 000 Kcal. zum Nachtisch. Dazu gab es georgischen Landwein und jede Menge Trinksprüche.



07.09.2011
Heute Morgen sind wir nach dem Frühstück zu einer kürzeren, aber trotzdem anspruchsvollen Tour aufgebrochen. Wir sind durch die Wiesen steil nach oben auf einen Berg geklettert, wo ein Gipfelkreuz darauf wartete, von allen Seiten fotografiert zu werden. Wieder war ich von der grandiosen Aussicht erschlagen. Für mich als Flachlandtirolerin ist so eine Landschaft unglaublich faszinierend. Wir hatten ganz klare Sicht und konnten auch in den entferntesten Bergspitzen jeden Stein genau erkennen. Dazu war der tiefblaue Himmel garniert von weißen Wattewolken, wie ein Kalenderblatt! Kein Wunder, dass so viele große Dichter schwärmerische Gedichte über den Kaukasus verfasst haben. Wie toll muss es erst im Spätfrühling sein, wenn alle Blumen blühen? Viele Hänge sind Kriechrhododendren bewachsen. Ich stelle mir vor, dass die Hänge im Juni ein einziges Blütenmeer sind. Aber auch jetzt sind noch viele Blumen und immer wieder Enzian, zu sehen.

Vom Gipfelkreuz aus haben wir unsere Wanderung zu einem alten Wachturm fortgesetzt. In früheren Zeiten war dieser Turm dazu gedacht, die Einwohner vor herannahenden Feinden zu warnen. Dann wurde auf der Spitze des Turmes ein Feuer entzündet. Auf dem nächstliegenden Berg war wieder ein Turm, wo, wenn die Wächter das Feuer sahen, ebenfalls Feuer gemacht wurde und so weiter. So konnten sich die Georgier sehr effektiv und frühzeitig warnen. Jetzt ist dieser Turm nur noch eine Ruine, aber trotzdem sehenswert.



In der Nähe einer alten Kirche haben wir unsere Brotzeit vertilgt und wieder das schon obligatorische Mittagsschläfchen gehalten. Nach einem steilen Abstieg kamen wir an einen Gebirgsbach, wo wir uns die Füße gekühlt haben.

In der Nähe des Baches gibt es eine Quelle, die sehr eisenhaltiges Mineralwasser führt. Dieses Wasser war sensationell. Es ist leicht kohlensäurehaltig und schmeckt durch den hohen Eisenanteil sehr kräftig. Ich habe meine Flasche 2 mal leergetrunken. In Deutschland stände auf diesem Gelände längst eine Mineralwasserfabrik, die das Wasser in Flaschen abfüllt und verkauft. Hier kann man sich einfach so bedienen.

Unser Fahrer hat uns bei dieser Quelle wieder eingesammelt und ist mit uns zum Extremshopping in ein Dorf gefahren. Der Laden war unglaublich! Ein 50er Jahre Krämerladen in Deutschland stände im Vergleich dazu wie ein Einkaufsparadies da. Das Gebäude war so eine Art Garage, krumm und schief, an der Wand ein Regal mit Waren und davor ein Tisch. Beleuchtung gab es nicht, eine Kasse schon gar nicht. Hier wird noch im Kopf gerechnet und die Einnahme direkt in ein Kassenbuch geschrieben (oder auch nicht.....) Das Sortiment reichte von Lippenstift über eine einzelne Plastikspielfigur, einem Paar Glitzersocken, Ohrringen, mehreren Packungen Nudeln, Essig, Öl, Salz, Pfeffer, bis hin zu Tomatenketchup, Keksen und Spüli. Wir haben 4 Snickers gekauft und damit den Vorrat an internationalen Lebensmitteln erschöpft. Für die letzte Käuferin war leider kein Wechselgeld mehr in der Kasse, da wurden dann eben Kaugummis herausgegeben. Man muss eben flexibel sein.

Gegenüber von dem Laden gab es eine Kneipe, die extra für uns geöffnet wurde. Die "Bardame" hat eine CD mit georgischer Volksmusik eingeschmissen und uns in den Biergarten genötigt. Zwischen alten Lastwagen und Wäscheleinen waren nämlich zwei Tische aufgestellt. Es gab sogar einen Sonnenschirm! Bier, Wasser und Kaffee kosteten das Gleiche (1€), so dass wir nicht lange rechnen mussten. Wir hatten unseren Spaß beim Beobachten der vorbeigehenden Leute und den Szenen, die sich auf der Straße abspielten. Irgendwann war auch das letzte Bier ausgetrunken und wir traten die Heimreise in die Pension an.



Beim Abendessen ging zum ersten Mal in dieser Zeit ein "Riss" durch unsere Gruppe, als einer aus unserer Gruppe "Oans, Zwoa Gsuffa" anstimmte, wir „Wessis“ sofort mitsangen und die drei anderen ratlos aus der Wäsche schauten. Wir stellten dann noch fest, dass Heidi Kabel zwar im Westen eine Nationalheilige ist, in den neuen Bundesländern aber durchaus nicht so bekannt ist, während wir wiederum Eberhard Cohrs nicht kannten. In trauter Eintracht haben wir dann "Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen..." angestimmt, das offenbar in Ost und West am Lagerfeuer gesungen wurde.


08.09.2011
Heute haben wir es ruhig angehen lassen und sind nach dem Frühstück in das Tereg-Tal gefahren. Von dort aus haben wir eine gemütliche Wanderung zu einem weißglänzenden Kalkfelsen in der Nähe der ossetischen Grenze gemacht. Der obligatorische Wildbach rauschte natürlich wieder neben, manchmal auch unter uns entlang.

Zum Abendessen stießen Peter und Klaus zu uns, die "nur" die Kurzvariante gebucht hatten. Sie waren ruck zuck in unsere Gruppe aufgenommen und dann begann ein fröhlich männliches Aufschneiden: "Ich war schon halb auf dem Mount Everest, ich in der Antarktis, aber ich habe schon ein Dutzend 100km-Läufe hinter mir...Mädels, hier am Tisch sitzen mehr als 1000 Marathons!" usw.

Unsere Reiseleiterin Maka erweist sich allerdings allen Avancen gegenüber als unempfänglich und lächelt immer freundlich, ohne ihre Distanz aufzugeben. Das macht sie sehr geschickt. Offenbar hat sie einige Übung darin, sich der männlichen Touristen zu erwehren, ohne sie zu brüskieren ...



Heute haben wir eine Wanderung, oder besser gesagt, eine Klettertour, zur Dreifaltigkeitskirche von Gergeti gemacht. Schließlich sollten sich Klaus und Peter auch an die Höhe gewöhnen können. Zum ersten Mal war das Wetter so gut, dass ich den Aufstieg in Shorts und T-Shirt machen konnte und auch während des Picknicks keine Jacke brauchte. Die Kirche liegt ganz einsam in gut 2000 m Höhe auf einem Bergkamm und ist schon sehr alt, mit dicken steinernen Wänden und einer besonderen Ikone vom heiligen Georg, ausnahmsweise ohne Pferd und Drachen. In der Kirche lag eine schwere Eisenkette mit armdicken Gliedern bereit, die sich Büßer umhängen konnten, um sich zu geißeln. Natürlich mussten unsere Männer zeigen, was sie für Kerle sind und sich die Kette umhängen und damit, wie die Mönche, dreimal den Altarraum umrunden. Ich weiß gar nicht, welche Verfehlungen die Mönche, die dort oben auf dem Berg leben, begehen können, dass sie sich so mühsam von ihren Sünden reinigen, während es bei einer normalen Beichte wohl reicht, einige Rosenkränze zu beten.



Nach dem Picknick haben wir uns auf den mühsamen Abstieg gemacht und dabei zog sich unserer Gruppe erstaunlicherweise stärker auseinander, als bei dem Aufstieg. Nachmittags haben wir uns wegen des anstehenden Laufes geschont und uns in „unserem“ Biergarten zwischen den rostigen LKWs das eine oder andere Bierchen gegönnt.

Der Abend verlief aus meiner Sicht erstaunlich. Alle am Tisch sitzenden Männer wollten am nächsten Morgen am Kasbek-Marathon teilnehmen und haben nicht nur anständig reingehauen, sondern auch Wein getrunken, was der Krug hergab. Am Nachmittag hatten wir ja bereits dem Bier und Grappa zugesprochen, so dass ich mich noch gar nicht wieder so richtig dazu imstande fühlte, mitzuhalten und hauptsächlich bei Wasser oder Pfefferminztee blieb. Aber bei mehr als 1000 Marathons, weiß jeder, was er sich zumuten kann ...



10.09.2011
Gestern war ein Traumtag und heute, ausgerechnet am wichtigsten Tag, ist das Wetter umgeschlagen. In der Nacht hat es gestürmt und geregnet und heute Morgen empfing uns der Wettergott mit feuchtkaltem Nebel und 10 Grad Außentemperatur. Dazu wehte ein empfindlich kalter Wind, so dass ich alle Jacken, die ich dabei hatte, übereinander ziehen musste und meine neue georgische Kappe zum Einsatz kam. Mit „Deutschland-Shirts“ und von Frank Schulz mit einer Deutschlandfahne ausgestattet, konnten wir unserer Truppe, angemessen ausgerüstet, zur Seite stehen.
Nach dem Start haben wir uns mit Maka und einem Fahrer auf den Weg zu einer Versorgungsstelle gemacht, wo die arme Maka bei Wind und Wetter ausharren musste, um die Läufer mit Getränken und Bananen zu versorgen. Natürlich haben wir ihr geholfen und ihr ein bisschen die Wartezeit bis zum Eintreffen der ersten Sportler vertrieben. Die 8 km-Läufer kamen relativ schnell angelaufen und freuten sich über unsere Anfeuerungen und das Fahnenschwenken. Ich glaube, wir waren so ziemlich die einzigen Cheerleader an der ganzen Strecke, da der Lauf hauptsächlich durch einsame Gegenden und an der großen Heerstraße entlang führt, wo keiner wohnt. Abgesehen davon ist ein Lauf mit insgesamt 120 Teilnehmern nicht so ein gesellschaftliches Ereignis, dass der ganze Kaukasus an der Strecke steht und jubelt. Frank, der "nur" den Halbmarathon lief kam auch bald und ließ sich von uns lautstark anfeuern, während unsere Marathonis noch auf sich warten ließen. Doch schließlich waren auch sie an unserem Verpflegungsstand und ließen es sich nicht nehmen, sich von allen Seiten fotografieren zu lassen. Für uns Hamburgerinnen war hiermit der Auftrag als Streckenposten zunächst beendet und wir haben uns tatsächlich getraut, zurück zum Start zu trampen. Gleich das zweite Auto hat uns mitgenommen. Es war ein alter klappriger Jeep, vorne saßen zwei kräftige Kaukasier und hinten 2 zierliche Kinder mit etlichem Gepäck. Wir klemmten uns zu den Kindern auf die Rückbank und sie haben uns die ganze Zeit voller Neugier angeschaut, trauten sich aber nicht, mal zu lächeln.

Am Ortseingang von Kazbegi wurden wir wieder abgesetzt und gingen den Rest der Strecke zu Fuß. Knapp 20 Minuten später kam Frank schon angelaufen und wurde von uns lautstark ins Ziel gewunken. Er hat die Strecke in 1,57 Std. geschafft, was angesichts der Höhe und der vielen Steigungen eine Topleistung ist.
Weil wir so durchgefroren waren und wussten, dass unsere Marathonis frühestens in einer Stunde zum ersten Mal erwartet würden, sind wir in das örtliche Restaurant gegangen, haben etwas Warmes getrunken und dabei Rätsel gelöst. Schließlich sind wir wieder rausgegangen und haben uns fahnenschwenkend und johlend an die Strecke gestellt. Offenbar haben wir so ein interessantes Bild abgegeben, dass wir von allen Seiten fotografiert wurden. Wir haben ordentlich rumgehampelt und jeden Läufer, der vorbeikam, angefeuert, egal woher er kam. Alle haben sich gefreut und wurden gleich ein bisschen schneller. Eine Fotografin, die für die Marathonorganisation fotografierte, machte uns ein Kompliment und sagte, dass es bisher noch nie so enthusiastische Fans bei dieser Veranstaltung gegeben habe. Nun findet der Marathon auch erst zum zweiten Mal statt, da ist das nicht so ein Kunststück, aber wir haben auch beobachtet, dass die anderen Zuschauer eigentlich eher gleichgültig und frierend an der Straße standen.

Als erster kam Stefan "Schläddiiiie lauf, du bist unser Held" angerannt, drückte uns jedem einen feuchten Kuss auf die Wange, lief unter der von uns aufgespannten Deutschlandfahne durch und machte sich auf die letzten 9 km, die mit 500 m Steigung das anspruchsvollste Teilstück waren. Einige Zeit später folgten dann die anderen.

Nach langem Frieren und auf der Stelle Hüpfen, kamen unsere Helden einer nach dem anderen ins Ziel und dann folgte bald die Siegerehrung für alle Marathonis. Alle, auch die Veranstalter, waren glücklich, dass der Lauf so gut und vor allen Dingen ohne Unfälle über die Bühne gegangen ist und die Freude äußerte sich in einem ausgelassenen Tanz der Sportler und Helfer. Wir Cheerleader spielten selbstverständlich eine maßgebliche Rolle dabei. Als wir uns schließlich auf den Heimweg machten, waren die Läufer froh, dass sie es geschafft hatten und Gundula und ich freuten uns, dass unsere Füße allmählich auftauten.



In der Pension angekommen, legten sich die Männer hin oder gingen in die Sauna, während wir Frauen uns mit unserem Pensionswirt Gela vor den warmen Kamin setzten und ein bisschen redeten. Es gesellte sich noch ein Ehepaar aus Israel dazu, mit dem wir ein sehr informatives und völkerverbindendes Gespräch hatten. Sie erzählten davon, wie es ist, wenn man immer in Angst vor Anschlägen leben muss, dass man nachts im Bett häufig Bomben hört und dass ihr Sohn im Krieg gewesen ist. Die Frau sagte: "Wenn man in Angst um sein Leben und das seiner Familie ist, werden alle anderen Dinge bedeutungslos und dann wird es einem egal, ob der Müll auf der Straße liegt, oder ordentlich in Mülltonnen entsorgt wird." Das rückt mal wieder die Perspektive für unseren eigenen Wohlstand und unsere Sicherheit zurecht. Die beiden beneideten uns darum, dass wir überall hinfahren können, ohne großartigen Anfeindungen ausgesetzt zu sein, um unser friedliches Verhältnis zu unseren Nachbarstaaten und natürlich auch um unseren Wohlstand. In Israel muss unter jedem Haus ein Bunker sein und es wird regelmäßig kontrolliert, ob die Bevölkerung auf einen plötzlichen Krieg vorbereitet ist. Die Kinder haben in der Schule Trauma-Unterricht und lernen, so ruhig wie möglich, mit belastenden Situationen umzugehen. Und da meckere ich über das Hamburger Wetter...........

Um 20 Uhr trafen wir uns zum "Galadinner" mit Schnitzel und Bratkartoffeln. Peter köpfte eine mitgebrachte Flasche Sekt und dann wurde wieder dem georgischen Rotwein zugesprochen, was die Leber aushielt. Wir versicherten uns gegenseitig, wie toll unsere Gruppe ist, ließen den Tag nochmal Revue passieren und prosteten uns mit immer neuen Trinksprüchen zu. Man merkte aber doch, dass die Helden erschöpft waren, denn um 22 Uhr löste sich die Party auf und wir gingen ins Bett.


11.09.2011
Zum ersten Mal in der ganzen Zeit habe ich nicht gut geschlafen. Und weil ich nachts wach lag, habe ich die Zeit genutzt und meinen Koffer gepackt, in der Hoffnung, am nächsten Morgen etwas länger liegenbleiben zu können. Aber ich war bereits um 7 Uhr putzmunter und saß als erste mit einer Tasse Pfefferminztee im Frühstücksraum. Im Hintergrund dudelte der Fernseher mit einer georgischen Nachrichtensendung a la NTV und gerade in dem Moment, als die israelische Reisegruppe im Frühstücksraum eintraf, wurde ein Bericht über die Erstürmung der israelischen Botschaft in Kairo und das Verbrennen der israelischen Flagge gezeigt. Nach unserem Gespräch vom Vorabend gingen mir diese Bilder sehr viel näher als sonst und es war deutlich zu merken, dass auch die Israelis sehr bestürzt waren. Die Laune hob sich aber schnell, als während unseres Frühstücks ein ausgiebiger Bericht über den Kazbek-Marathon zu sehen war und einige der Sportler, die wir auch selbst kennengelernt hatten, interviewt wurden, bzw. im Bild zu sehen waren. Da sieht man mal, was so ein, an sich unspektakulärer kleiner Lauf, für eine Bedeutung haben kann, wenn das Land so klein ist, wie Georgien und von einer großen Zukunft als Tourismusziel träumt.

Nach dem Frühstück wuchteten wir unsere Koffer ins Auto und unser Fahrer behängte sich mit allen unseren Kameras (er sah aus wie ein Marktverkäufer in Istanbul) und machte reichlich Gruppenfotos von uns. Die Rückfahrt nach Tbilisi verlief ereignislos und wir kamen so zeitig in unserem Hotel an, dass unsere Zimmer noch nicht mal fertig waren. Also stellten wir nur unsere Koffer ab und jeder machte sich auf eigene Faust auf den Weg, die Stadt weiter zu erkunden.



Wir sind den ganzen Tag durch die Stadt gestromert, ohne ein einziges Mal dumm angequatscht worden zu sein. Als einzelne Frau, die auch noch deutlich als Touristin zu erkennen ist, kann man sich völlig sorglos durch die Straßen bewegen, und auch wenn man auf dem Markt die Waren beguckt, wird man nicht aufdringlich dazu genötigt, einen Teppich zu kaufen. Das alles bei angenehmen 25 Grad im Schatten und einem lauen Lüftchen.

Am Abend fand unser Tour-Abschlussessen in einem georgischen Touristenrestaurant statt, wo es während des Essens Livemusik und georgische Tanzeinlagen gab. Das war sehr interessant, aber leider auch so laut, dass wir nicht miteinander reden konnten. Deshalb sind wir nach dem Essen schnell aufgebrochen und haben uns in der Nähe unseres Hotels noch eine Bar gesucht, wo wir ein letztes mal zusammen Bier getrunken, Fotos gemacht und die Reise durchgekaut haben.

Nach 3-4 Stunden Schlaf wurden wir morgens um 3 Uhr von Maka und unserem Fahrer im Hotel abgeholt und zum Flughafen gebracht, wo wir uns alle mit einer Mischung aus Wehmut und Freude auf das eigene Bett, voneinander verabschiedeten.



Wir haben in diesen 10 Tagen einen weißen Flecken auf unserer Landkarte mit Leben ausgefüllt und haben, nicht zuletzt durch Makas großartige Leistung, einen wunderbaren Einblick in die Geschichte Georgiens und das heutige Leben im Kaukasus bekommen. Der Kazbeg-Marathon verdient es, bekannt und beliebt zu werden und den Georgiern wünschen wir von Herzen ein gutes und sensibles Händchen bei der Entwicklung des Tourismus‘ in diesem schönen Land.

Regina Kramer
im September 2011

Alle Infos zur Reise unter www.schulz-aktiv-reisen.de/GOG80



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