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Zur Tourbeschreibung

Helle Nächte in Karelien
Bericht von der Tour 22.07. – 29.07.06 von Renate Lanz
Bilder von der Tour 10.06. – 17.06.06 von Livia Kleinert und von äksyt ämmät

Vielen Dank an Renate Lanz für diesen sehr persönlichen Bericht!

17./18. Juli 2006
Meine Anreise nach Salmenkylä begann bereits am Vortag meines Ankunftstages, da ich keinen direkten Flug nach Kuopio mehr kriegte. Dafür wurde mir dadurch ein halber Tag in Helsinki geschenkt, was ich in vollen Zügen genoss: Auf dem Markt kaufte ich mir mit meinem spärlichen Finnisch einen Liter frische Erbsen, hülste sie nach guter finnischer Art aus und ass die süssen Kügelchen roh auf. Wer von uns hat das nicht schon als Kind mit Genuss getan? Und hier in Finnland ist dieser Genuss nicht nur den Kindern vorbehalten.
Die Stadt strömt trotz regen Treibens und vieler Sommertouristen eine Ruhe aus, die ich mir von Zürich her nicht gewohnt bin. Zu Fuß umrundete ich die Satamaniemi (Hafenhalbinsel) und stöberte lange im Stockmann-Buchladen herum. Schliesslich entschied ich mich für ein Kindersachbuch auf Finnisch (genau das Niveau, das zu verstehen ich bereits im Stande bin), ein umfangreicheres Wörterbuch und eine Velokarte (Velo = Fahrrad) der Umgebung von Nurmes. Der halbe Tag verging im Nu.


Eindrücke aus Helsinki:    
Der Dom  Die russisch-orthodoxe Kirche 
Der Hafen  Straßentheater 

Um 21.15 Uhr befand ich mich im Schlafwagenabteil des Nachtzuges, welcher mich nach Joensuu brachte. Leider wurde der Wagen mit dem Ravintola (Restaurant) in der Nacht irgendwo abgehängt und ich torkelte am Morgen vergebens nach einem Kaffee suchend durch alle Waggons. In der Busstation von Joensuu kam ich aber dann doch noch zu einem Kahvi ja Korvapuusti (Kaffee und eine süsse Heferolle mit Zimt und Kardamom).
Die Busfahrt nach Nurmes verlief mit Tagebuchschreiben, Dösen, den üblichen Kahvi-Pausen und einer lustigen Konversation auf Finnisch (wie war ich bereits froh um mein Wörterbuch...!) auch ganz kurzweilig. Draussen flitzten die mir schon lieb gewordenen großen Wälder, Seen und Flüsse vorbei. Einmal musste der Bus warten, da eine Brücke aufgeklappt wurde, um ein Boot durchtuckern zu lassen.
Endlich in Nurmes war ich gespannt auf Minna Murtonen, meine Gastgeberin, die mich hier mit dem Auto abholen kam. Wir erkannten uns sofort, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten. Das Wetter wollte nicht so recht. Auf der Fahrt zum Majatalo Pihlajapuu (unser Gästehaus) in Salmenkylä begann es sogar zu regnen. Doch ich kenne Finnland ja bereits schon ein wenig und wusste, dass auf einen Regentag oft wieder die Sonne folgt.
Minna zeigte mir das Haus, das früher einmal eine Schule war. Ich durfte mir eines der Gästezimmer und auch bereits ein Fahrrad auswählen. Zum Empfang hatte mir Minna extra frische Brötchen gebacken, die wir nach der Hausbesichtigung gemeinsam verspeisten.


Das Gasthaus Pihlajapuu, früher die Dorfschule 

Der Nachmittag gehörte mir alleine. Ich umrundete den Viemenenjärvi (järvi = fi. See), damit ich das Gefühl für mein finnisches Rücktrittvelo bekam. Bereits unterwegs klarte es auf und als ich wieder in Pihlajapuu ankam, schien die Sonne mir entgegen. Minna war bereits wieder da und bereitete das Abendessen zu.
Da ich, sobald ich mich hinsetzte, beinahe umkippte vor Müdigkeit, beschloss ich, vor dem Essen noch ein paar Schritte ums Haus zu tun. In der goldenen Abendsonne spazierte ich in Richtung Seeufer hinunter. Die Weidenröschen leuchteten am Rande des Feldes, welchem ich entlang ging, es war vollkommen friedlich. Als einziges Geräusch hörte man den Wind, der durch die Birkenblätter strich. Zwischen den Baumstämmen glitzerte der See zu mir herauf. Plötzlich nahm ich ganz in meiner Nähe ein Hufgetrampel wahr und erschrak ziemlich heftig. Eine Elchkuh flüchtete sich vor mir ins Unterholz. Der Schreck saß offensichtlich auch auf der Gegenseite tief. Da war auch noch ein feineres Getrampel zu hören, das jedoch nicht in der Ferne verklang, sondern abbrach. Welch ein Glück für mich: das Elchkalb war stehen geblieben. Da entdeckte ich es schon. Misstrauisch horchte es noch, dann folgte es zögernd seiner Mutter. Ich konnte es beinahe nicht glauben, aus nächster Nähe diese zwei Elche gesehen zu haben!
Nach einem leckeren Abendessen war dann endlich die Sauna angesagt. Seit letztem Herbst, als ich durch die finnische Wildnis des Vätsäri-Nationalparks streifte, war ich nie mehr in der Sauna gewesen. Ach, wie genoss ich sie! Gleich nach der Sauna schrieb ich in mein Tagebuch: Was gibt es Schöneres, als aus der Sauna zu kommen, die Abendsonne scheint golden zum Fenster herein, ein Tee steht vor einem auf dem Tisch und man weiss: ich bin in Finnland, dem Land meiner Träume und man hat Ferien, zwei Wochen Ferien!

19.-22. Juli 2006
Diese Tage will ich nur schnell skizzieren, da sie nicht zum vorgesehenen Programm der angebotenen Tour „Helle Nächte in Karelien“ gehören. An dieser Stelle sei einfach noch vermerkt, dass es sich sehr lohnt, entweder vor oder nach der offiziellen Tour ein paar individuelle Tage in Pihlajapuu anzuhängen. Ich unternahm drei kleinere Velotouren und eine lange, etwas abenteuerliche Wanderung. Wenn man die finnische Sprache soweit beherrscht, dass man mit den Leuten etwas ins Gespräch kommen kann, so staunt man immer wieder über die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen hier. So wurde ich von einer alten Frau mit einer rührenden Wärme ins Sommertheater des Dorfes Vuokko eingeladen, als ich mich dafür interessierte und erfuhr von einer Marktfrau in Nurmes sehr viele interessante Details über die Lakka-Ernte (Moltebeeren) in Lappland, als ich über ihre vielen gefüllten Eimer staunte. Junge Leute und Kinder pflückten die 20 Kilo Beeren innerhalb von zwei Wochen. Pro Tag kann man bei guter Ernte ungefähr mit drei bis fünf Kilo Beeren rechnen. Auf dem Markt kostet das Kilo dann ganze 10 Euro, was gut zu begreifen ist, wenn man weiss, wie versteckt und unzugänglich die Moltebeeren wachsen.
Leider ist der Fernwanderweg, der am Viemenenjärvi vorbeiführt (der UKK-Reitti), nicht mehr immer gut auffindbar. Offenbar wird er nur selten begangen und an manchen Stellen muss man ihn regelrecht suchen. Mit Kompass und Karte streifte ich somit auf der Suche nach dem UKK-Reitti quer durch den Wald. Dadurch kam ich an wunderschönen, unberührten Plätzchen vorbei. So zum Beispiel an einem Sumpf, wo viele Lakka-Beeren zu finden waren oder an einem friedlichen kleinen Moorsee, in dessen mooriger Umgebung ich den Sonnentau entdeckte. Kurz bevor ich dann tatsächlich auf die Markierung des UKK-Reitti traf, bestaunte ich ein paar mir unbekannte Orchideen. Auf meinem ganzen Streifzug durch den Wald wusste ich mein Terva-Insektenschutzmittel sehr zu schätzen. Das nervöse Summen der vielen Insekten konnte einem vor allem an so friedlichen Orten wirklich geschenkt bleiben.
Am Abend des 22. Juli 2006 war die Gruppe dann endlich vollständig. Birgit, Alfons und Jürgen aus Hannover, Jörg und Astrid aus Dresden, Anne aus Pinneberg, Hubert aus Lübeck und ich aus Winterthur (CH). Während eines friedlichen, superfeinen Nachtessens, es gab Lachssuppe, stellten wir uns einander kurz vor und Minna erklärte uns noch einmal das vorgesehene Programm. Den Tag beschlossen wir mit einer herrlich heissen Sauna und einem sehr lustigen Abend, welchen wir den zum Teil eigenartigen und eigenwilligen Einträgen im Gästebuch von Pihlajapuu zu verdanken hatten.

23. Juli 2006
Hyvänen aika, se oli oikein rasittava (Du liebe Zeit, das war richtig anstrengend!)! Diesen Satz notierte ich mir als Kommentar zu den Paddelübungen ins Tagbuch. Hat man diese Bewegungen noch nicht so oft gemacht, so konnten sie einen recht anstrengen. Vor allem, wenn man noch gegen den Wind anzukämpfen hatte.


Paddel- und Einsteigeübungen auf dem Viemenen-See 

Das Bad im Viemenenjärvi war zur Abkühlung eine echte Wohltat. Als wir die Kanus wieder alle umgedreht am Strand aufgereiht und uns durchs Gestrüpp den Weg zurück zum Majatalo gebahnt hatten, erwartete uns Kahvi ja Pulla (Kaffee und süsses Hefegebäck mit Kardamom). Mmmh, das hatten wir uns verdient! Aino, Liisas Tochter, erklärte uns darauf ein urchiges karelisches Spiel, Kyykkä genannt. Holzknüppel werden dabei auf gegnerische, aufgetürmte Holzprügelchen geschleudert. Unsere Freistil-Wurftechniken zu beobachten war für mich am Spiel der grösste Spass.


Schwung und Treffsicherheit sind beim Kyykkä, dem karelischen Nationalspiel, gefragt:



Alle, die noch kein Rad besassen, machten nun auch noch Bekanntschaft mit den Drahteseln, die uns die nächsten zwei Tage begleiten sollten. Zum Znacht (= Abendessen) wurden wir wiederum richtig verwöhnt mit Randenauflauf, Kartoffelstock (= Kartoffelbrei) und Elchfleisch. Zum Dessert gab’s Schlagrahm vermischt mit frischen Heidelbeeren und Roggenbrotkrümel.
Für mich stand nun noch das Kesäteatteri (Sommertheater) von Vuokko auf dem Programm. Zwar verstand ich die Geschichte nur der Spur nach, doch mir gefiel der tolle Einsatz der Laienschauspieler/innen und ich amüsierte mich fast ebenso, wie die vielen finnischen Gäste. Ich war überrascht, wie gut besucht diese Sommertheater sind, von welchen es hier laut Minna viele gibt: drei Extrabusse kamen angefahren und die Wiese oberhalb der gedeckten Sitzplätze am Vuokonjärvi wurde in einen grossen Parkplatz umfunktioniert. Netterweise konnte ich Minnas Auto ausleihen und war dadurch wieder so zeitig in Pihlajapuu, dass die Sauna noch heiss genug für mich war.

24. Juli 2006
Nach dem Frühstück, das wir wie gewohnt draußen am Holztisch vor dem Haus einnahmen, stand das Packen der Velotaschen an. Das Wetter war fürs Velofahren gerade richtig: etwas bedeckt und kühl. Auf den ersten acht Kilometern bis zur Hauptstrasse teilte sich unsere Gruppe in kleinere Untergruppen auf, die bis zum Schluss unserer Radtour in etwa ähnlich blieben und nach der bevorzugten Fahrtgeschwindigkeit zustande kamen. Alfons war etwas arm dran, da sein Rad wegen eines undefinierbaren Widerstandes nur harzig lief. Auf der angenehmen Strecke quer durch den Wald in Richtung Rautavaara schien uns dann die Sonne entgegen. Die Sonnencrème hatte ich also nicht vergebens eingepackt.


Mit den Rädern auf dem Weg nach Metsäkartano:



Irgendwann zweigte eine kleinere Strasse nach Metsäkartano ab, einem Ferienzentrum mitten im Wald, das von Wanderwegen und Naturpfaden umgeben ist und an einem schönen, weiten Järvi liegt. Am Ufer dieses Sees, etwa eineinhalb Kilometer vom Hauptgebäude entfernt, stand unser Gruppenmökki: traumhaft schön zwischen Birken gelegen, mit einer grossen Holzsauna und einem langen Steg in den See hinaus. Bei der Ankunft in Metsäkartano spendierte uns Minna ein Eis und das harzende Fahrrad von Alfons wurde fachmännisch wieder in Ordnung gebracht.
Es war erst Nachmittag. Es reichte also noch, vor dem Nachtessen eine Sauna mit anschliessendem Bad im See zu geniessen. Minna und ich schnitten dafür im Wald frische Birkenzweige, die wir zu einem Büschel zusammenbanden, um uns damit in der Sauna abzuklopfen.
Der Gewitterregen, der uns während der Velotour netterweise verschont hatte, brach kurz vor dem Nachtessen über uns herein. Er war richtig wohltuend und wusch die ganze Landschaft rein. Es sah wunderschön aus, wie die vielen Regentropfen in den See fielen. Die Männer konnten, da sie als zweites in die Sauna gingen, sogar während des Regens dann im See baden. Die auf das Gewitter folgende Sonne liess die ganze Umgebung in starken Farben aufleuchten.


Das Mökki direkt am See 

Es wird Nacht in Metsäkartano 

Nachtessen im Hauptgebäude war angesagt. Lange saßen wir anschließend noch auf der Terrasse und genossen die Abendsonne. Ein finnisches Paar schwärmte uns von seiner erfolgreichen Lakka-Ernte in Hossa vor. Offenbar war dieses Jahr ein ausgesprochen gutes Lakka-Jahr. Minna guckte ihre Lieblingssendung im Fernsehen und erklärte mir die Handlung der Geschichte, damit ich so einigermaßen drauskam.
Zurück bei unserem Mökki genossen wir den Sonnenuntergang auf dem Steg und Hubert fuhr mit dem Ruderboot weit auf den See hinaus. Als wir alle bereits in den Federn lagen, kehrte er zurück und konnte es kaum fassen, dass niemand auf ihn gewartet hatte. „Schläft ihr alle schon wieder?“, rief er in jedes Zimmer hinein. Doch wir rollten uns nur auf die andere Seite und genossen den wohlverdienten Schlaf.

25. Juli 2006
Vor dem Morgenessen wollte ich in den Wald, um ein paar Heidelbeeren zu pflücken. Es gab hier besonders dicht behängte Stauden. Bald musste ich jedoch mein Vorhaben aufgeben. Die Mücken stürzten sich regelrecht auf mich. Eine ganze Mückenwolke verfolgte mich noch bis zum Haus.
Die warme Morgensonne versprach uns einen schönen Tag. Mit dem Morgenessen und dem Packen liessen wir uns Zeit, denn es warteten nur 32 km auf uns bis nach Puukarin Pysäkki. Es war aber landschaftlich eine wunderschöne Strecke, die uns vorwiegend auf schmalen Strässchen auf und ab quer durch den Wald führte.
Bei unserem Mittagshalt fand Alfons sogar für alle von uns eine Lakka-Beere. Mit diesem Vitaminschub im Blut schafften alle die kommenden zwei ylämäkki (bergauf) –Stellen spielend. Der letzte Teil bis Puukarin Pysäkki führte uns alles abwärts (alamäkki) an Feldern, Bauernhöfen und Kuhweiden vorbei bis hinunter zum Fluss, auf welchem wir am nächsten Tag lospaddeln wollten.


Das alte Hauptgebäude des Gasthauses Puukarin Pysäkki 

Im Gästehaus Puukarin Pysäkki wurden wir nach der Sauna von der Tochter des Hauses mit köstlichen karelischen Spezialitäten verwöhnt: zur Vorspeise gab’s karjalan piirakkat mit jungen Kartoffeln und zwei Sorten von rohem Fisch, dann warteten Rindfleisch an köstlicher Tannenschösschen-Sauce, Kartoffelstock und gekochter Hecht an Pilzsauce auf uns und kaum zu glauben, doch wir fanden alle auch noch Platz für die Eis-Biskuit-Torte mit Lakka-Beeren, die uns zum Nachtisch serviert wurde.
Hinter dem Haus fanden wir ein Mölkkispiel, ein weiteres karelisches Holzprügelchen-Spiel. Diesem konnten wir jedoch deutlich mehr abgewinnen, als dem Kyykkä und wer weiss, vielleicht wird es nach diesen Ferien auch in Hannover, Dresden, Pinneberg oder Winterthur seine festen Anhänger/innen finden. Es machte uns großen Spaß. Jürgen und Astrid überzeugten mit präzisen Würfen, während Minna und ich mit unseren Fehlwürfen eher für Erheiterung sorgten.
Mir hatte es auch eine alte Holzschaukel angetan, auf welcher man zu zweit oder viert stehend schaukeln konnte. Jürgen, Jörg, Astrid und ich probierten sie aus, bis sie bedenklich ächzte und knarrte.
Von Mücken, stickiger Luft oder Strassenlärm gestört, schliefen nicht alle von uns besonders gut, doch sonst ist Puukarin Pysäkki ein ganz toller Ort.

26. Juli 2006
Unser erster Paddeltag. Doch bevor wir in Nuolikoski in die Kanus umstiegen, fuhren wir mit den Rädern zu einem kleinen Laden, wo Souvenirs verkauft werden. So deckten wir uns mit Karamell- und Salmiakbonbons für unterwegs ein und stöberten sonst noch ein wenig im Laden herum.
In Nuolikoski wurden unsere Räder von Minnas Mann abgeholt und Hanna, Minnas Freundin, wartete auf uns. Sie begleitete uns zusammen mit Minna für die beiden Paddeltage. Für mich war das Paddeln eine echte Anstrengung. Meine rechte Schulter, die ich mir einmal ausgerenkt hatte, machte sich schmerzlich bemerkbar und ich war froh um jede Pause. Da konnte ich jeweils wieder auftanken, sei es durch die Bonbons, die wir lutschten, die Früchte, die Hanna und Minna verteilten oder einfach durch eine lustige Bemerkung, die einen zum Lachen brachte. Während den kurzen Pausen auf dem Fluss steuerten wir unsere Kanus nebeneinander und hielten sie dicht beieinander.


Unterwegs im Canadier auf Flüssen und Seen:



Auf der Haapaniemi (Espenhalbinsel) verbrachten wir unsere Mittagsrast. Es gibt dort eine kleine Hütte mit Feuerstelle, wo wir über dem Feuer unsere mitgebrachten Würste brieten und Kaffee und Tee kochten. Um das Feuer und die warmen Getränke waren wir echt froh, denn es blies ein kühler Wind, der uns nah zusammenrücken ließ.
Bis nach Laitalan Lomat war’s nachher nicht mehr weit. Netterweise zeigte sich nun auch die Sonne wieder und die auf einer weiten Wiese verteilten Häuser unseres Übernachtungsortes wirkten sehr einladend. Schnell waren alle von uns irgendwo einquartiert.


Willkommen in Laitalan Lomat: Gästehäuser aus verschiedenen Jahrzehnten und die Sauna direkt am Fluss



Die Frauen trafen sich bald wieder für eine sehr heiße Sauna. Das Beste an dieser Sauna aber war, dass man direkt aus der Sauna in den Fluss springen konnte. Das Wasser des Flusses war wärmer als die Luft und ich hätte Stunden darin baden mögen. Dank der täglichen Sauna, da bin ich überzeugt, verspürte ich die ganze Zeit über nicht den klitzekleinsten Muskelkater.
Auch in Laitala war das Nachtessen lecker. Es gab Gulaschsuppe und zum Dessert eine Preiselbeercrème.
Hanna hatte eigens für den heutigen Abend ein Mölkkispiel gesägt. Wiederum hatten wir unseren Spass mit dem Spiel.
Jörg, Astrid, Hanna und ich besuchten danach die 17 Kotiporot (Heimrentiere), die den Besitzern von Laitalan Lomat gehören. Zufälligerweise kamen sie auch gerade vorbei, um nach den Tieren zu schauen. Sie zeigten uns, was die Tiere mögen: Weidenröschen und die Blätter von den jungen Bäumen. Zudem gab es noch grosse Säcke voller weisser Flechten, welche die Rentiere zum Verdauen brauchen. Ohne diese, so erzählte uns Hanna, können sie nicht überleben. Da diese Flechten weiter nördlich im finnischen Wald in grösseren Mengen gedeihen, können die Rentiere dort auch frei durch die Wälder streifen. Die Rentiere von Laitala sind jedoch auf ihre Besitzer angewiesen.


Die Rentierherde in Laitalan Lomat:



Uns wurden die Tiere mit Namen vorgestellt: da gab es zum Beispiel den frechen Justus, den schönen Kasperi, Tähti, ein weißes Ren und Nopsa. Ganz besonders süß war aber ein junges Rentierlein, das noch keinen Namen besitzt, da man noch nicht weiß, welches Geschlecht es hat. Diese Nacht schlief ich wieder einmal wie ein Stein.

27. Juli 2006
Nach dem Frühstück besuchten wir noch einmal die Rentiere. Übrigens haben diese zurzeit auch eine Art Sommerferien. Im Winter nämlich müssen sie täglich Schlitten mit Feriengästen durch die verschneite Landschaft ziehen. Sobald die Rentiere sahen, dass wir für sie ganze Weidenröschensträuße mitgebracht hatten, kamen sie von allen Seiten angetrabt. Es wurden viele Fotos geknipst.
Diesen Ort verliess ich nicht gerne schon wieder, doch um 11 Uhr hieß es, die Paddel erneut in die Hände zu nehmen. Das Paddeln fiel mir schon leichter; und zwischendurch, wenn ich mich zu Annes leisem Summen einer Melodie entspannte, die friedlichen Ufer vorbeiziehen sah und die Sonne auf der Haut wahrnahm, dann konnte ich mir sogar wünschen, es würde noch länger so weitergehen.


Beladen und Einsetzen der Boote in Laitalan Lomat:



Mittagspause machten wir am Rand eines Gerstenfeldes. Minna und Hanna hatten Lantukakku als Verpflegung mitgebracht. Lantut sind eine Art Bodenkohlrüben. Lantukakku ist ein Vollkornbrot, in welches das Gemüse zusammen mit Fleisch oder Fisch eingebacken wird. Eine ideale, vollständige Malzeit zum Mitnehmen; mmh, und lecker auch!

Auf dem Weg zurück nach Pihlajapuu:



Eigentlich wären heute noch sieben Paddel-Kilometer auf dem Pielinensee vorgesehen gewesen. Mit dem starken Wind wäre das allerdings eine sehr strenge Angelegenheit geworden. Einige von uns hätten diese Herausforderung zwar gerne angenommen, doch die Mehrheit von uns entschied, dass wir es bei den 15 Flusskilometern bleiben lassen wollten. Ich für meinen Teil war froh darum. Meine Schultern fühlten sich jedenfalls schon genug herausgefordert an und die letzten paar Kilometer, so schön die Landschaft auch war, wollten und wollten nicht mehr enden. Bei einem Rastplatz der Hauptstraße war unsere Paddeltour und somit auch unsere Rundtour zu Ende. Nun hieß es Abschied nehmen von Hanna. Tule takaisin Nurmekseen (komm nach Nurmes zurück), sagte sie. Das werde ich.
Das Taxi brachte uns ins Majatalo Pihlajapuu (was übrigens soviel heißt wie Hüttenhaus Vogelbeerbaum) zurück. Es fühlte sich schon nach einem Heimkehren an, als die gelbe Fassade der alten Schule auftauchte.
Minnas Mutter war bereits da und bereitete das Nachtessen für uns zu, während wir die Sauna genossen. Hier der Menuplan: gebackene Muikku (kleine Maräne), Rentierfleisch, Kartoffelstock, Salat und zum Dessert Kiisseli (Beerensuppe). Uns ging es ja schon gut!
Trotz kühlen Wetters ließen wir es uns nicht nehmen, ein Gruppen-Mölkki zu veranstalten. Langsam aber sicher machte auch ich nicht mehr eine allzu schlechte Figur bei dem Spiel. Eines steht fest: In Winterthur wird es bestimmt eingeführt. Im Haus fanden wir ein Activity-Spiel, das wir unter viel Lachen durchspielten. Es war ein gemütlicher und lustiger Abschlussabend.

28. Juli 2006
Es war ein kalter Morgen. Zu kalt, um draußen zu sitzen, beschlossen wir. Heute war unser letzter Tag. Nach dem Frühstück brachte uns Minna ihr liebstes Hobby nahe: sie führte uns in die Geheimnisse des Bogenschießens ein. Mit mehr oder weniger grossem Ehrgeiz schafften es alle, die mitmachten, sicher einmal die Scheibe zu treffen. Wobei man auch hervorheben muss, dass einige sogar jedes Mal eine Farbe trafen. Hut ab!
Bis 15 Uhr konnten wir tun und lassen, was wir wollten, dann war der Abschluss bei Minna zu Hause angesagt. Einige schwangen sich noch einmal aufs Rad und andere fuhren in Minnas Wagen nach Nurmes. Ich radelte zusammen mit Anne noch einmal südwärts. Wir fanden ein ganz gemütliches Lunch-Plätzchen am See. Dies hatten wir einer herzlichen Bauersfrau zu verdanken, die uns den Tipp gab. Es war herzig, wie sie uns auch noch Hilma, eine ihrer Kühe, vorstellte, die erst die Vornacht gekalbt hatte und darum noch sehr müde war. Bei solchen Begegnungen geht mir das Herz über.
Um 15 Uhr fanden sich alle, außer Hubert, zum Kahvi ja Pulla ein. Aino war wieder hier und schaute für unser leibliches Wohl. Sie führte uns dann auch mit dem Rad zu Minna auf die andere Seeseite hinüber. Unterwegs machten wir einen lohnenswerten Abstecher zum Nälkönvaara, einem Hügel, von welchem aus man eine schöne Aussicht auf die nähere Umgebung geniessen konnte.


Aussicht vom Nälkönvaara, bis hinüber zum Koli-Nationalpark 

Bei Minna angekommen, wartete bereits die Rauchsauna auf uns. Warum Rauchsauna? Es ist die älteste Saunaform. Der Ofen ist ganz aus Stein gebaut und besitzt keinen Abzug für den Rauch. Ein paar Stunden, bevor man in die Sauna geht, wird er eingeheizt, bis die Steine glühende Hitze verbreiten. Der Rauch zieht dabei durch die etwas geöffnete Tür oder durch eine Schieböffnung in der Wand ab. Während dieser Einheizzeit lässt sich gut Fleisch oder Fisch räuchern in dem Raum. Wenn man in die Sauna geht, so brennt das Feuer nicht mehr, doch die Ofensteine verbreiten noch lange Zeit Hitze. Zum Abkühlen ist bei Minnas Sauna der vorbei fließende Bach in ein kleines Becken gefasst worden. Da dieser Bach in den nahen Höhen über dem Viemenenjärvi irgendwo entspringt, ist er wirklich sehr kalt und es brauchte selbst nach der heißesten Sauna rechte Überwindung, ganz in den Tümpel einzutauchen. In der Sauna drin peitschten wir uns wiederum gegenseitig mit Birkenbündel ab. Eine Wohltat für die schwitzende Haut!
Zum Nachtessen briet uns Minna Lachs am Feuer. Mit selber zugeschnitzten, spitzen Hölzchen wurde er dafür auf ein Holzbrett genagelt, das man dann am Feuer aufstellen konnte. Dazu gab’s junge Kartoffeln, Blumenkohl-Blauschimmelkäse-Salat, Dillsauce und Brot.


Lachs am Lagerfeuer 

Zum Nachtisch backten wir uns alle selber über dem Feuer in der Lagerfeuerhütte ein Schlangenbrot (Stockbrot, Knüppelkuchen oder wie man es sonst noch nennen kann) aus Pullateig. Das fertige Gebäck füllten wir mit Konfitüre.
Noch lange sassen wir danach am Feuer, plauderten, träumten und genossen zum letzten Mal das Zusammensein in der Gruppe. Das Zurückradeln in den Sonnenuntergang hinein war atemberaubend schön. Abschied lag in der Luft. Ich sog noch einmal alles in mich hinein, die frische Luft, den stillen See, den Wald mit seinen Weidenröschenlichtungen, die Felder und Höfe, den weiten Himmel und das Rauschen des Windes in den Birkenblättern.

29. Juli 2006
Ein letztes Mal stand ich heute etwas früher auf, um hinter dem Haus im Wald frische Heidelbeeren für alle zu pflücken. Zu Minnas Pfannkuchen oder im Müesli (Müsli, das eingedeutschte Wort dafür, bedeutet im Schweizerdialekt kleine Maus...) schmeckten sie prima. Die werde ich zu Hause auch vermissen.
Während des Frühstücks draußen vor dem Haus beobachteten wir die fleißigen Schwalbeneltern, die immer emsig hin und her flogen, um die kleinen im Nest unter dem Verandadach zu füttern. Bestimmt sind sie in der Zwischenzeit flügge geworden und machen sich schon bald auf den Weg in den Süden.
Im letzten Moment tauschten wir unter uns noch E-Mailadressen aus und schrieben unseren Beitrag ins Gästebuch von Pihlajapuu. Fast alle, die heute abreisten, beneideten wohl Alfons und Birgit um ihre noch fünf angehängten individuellen Ferientage im Majatalo. Beim Abschied lernten wir kurz Minnas Geschäftspartnerin Liisa kennen. Der Firmenname der beiden, äksyt ämmät, bedeutet soviel, wie die wilden oder schlagfertigen Weiber. So wild geht’s dort jedoch nicht zu und her. Aber zu wehren wissen sie sich schon, die beiden. Vor allem wissen sie, ein Gästehaus und Gruppen auf eine herzliche und persönliche Art zu führen. Vielen Dank dafür, Minna.


Minna  

Das bestellte Taxi fuhr uns in Richtung Kuopio und lud uns alle der Reihe nach dort aus, wo die Weiter- oder Heimreise es verlangte.
Näkemiin!


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