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Wandern und Kameltrekking
September 2004

Donnerstag, 9.9.04 1. Tag
Todmüde haben wir uns früh gegen 8 Uhr umständlich und langwierig, aber gründlich in URUMQI, China, ausgecheckt. Mit einem kleinen Reisebus sind wir durch Urumqi gleich weiter nach TURFAN durch einen schönen Canyon ohne Vegetation gefahren. Bei einem Zwischenstopp an einem Salzsee stürzten alle Richtung WC. Im ausgeschilderten Gebäude hatte ich die Funktion der WC nicht gleich erkannt, da es keine Kabinen o. ä. gab, nur einen gekachelten Raum mit einem etwa 40 cm tiefen Kanal, in dem das Wasser wie in einer Levada rauschte. Chinesische Klos.
In TURFAN hatten wir reichlich 1 Stunde Zeit zum Ausruhen, doch die Zeit war zu
kurz, um es zu tun. Danach Mittagessen im stinkigen Hotel-Restaurant. Mir hat nichts geschmeckt, teilweise war es für mich sogar eklig.
Am Nachmittag Besuch der Bewässerungsanlage Karez.
Diese führt das Schmelzwasser unterirdisch in die Stadt und dann auch zu den Feldern bzw. zu den vielen um die Stadt angebauten Weinstöcken. Turfan gilt als Heimat der Trauben. Jetzt im September begann die Ernte. Besuch der etwa 10 km außerhalb gelegenen antiken Ruinenstadt Jiaohe. Diese wurde von den Mongolen geschleift. Es war schön, dort herumzulaufen, aber auch sehr heiß. Auf dem Heimweg baten wir um einen Abstecher zu den “Rosinenhäusern”, in denen die Trauben zum Trocknen aufgehangen wurden. Fotoeuphorie bei allen! Weiterfahrt zur Sulai-man-Moschee mit Emin-Minarett, das WahrzeichenTurfans. Das Abendessen -siehe Mittag, aber es gab auch Brot, trocken. Anschließend, gegen 20 Uhr umgekippt, ohne zu waschen oder Rucksack aufzumachen.



Freitag, 10.9.04 2. Tag Ich fühle mich viel besser und das Frühstück war gut für mich: Melone rot und gelb, Tomaten, Gurkenscheiben, Erdnusskerne, 1 Kartoffelbällchen, Kaffee. Auf dem Weg zur Ruinenstadt Gaochang erst das Fladenbrot und den dazugehörigen runden Ofen auf der Straße fotografiert, dann das Brot gekauft und gegessen. Die Ruinenstadt war nicht so schön wie die gestrige, dafür fuhren dort viele lustige Eselskarren mit Touristen bis hinter zum buddhistischen Tempel. Durch das Fehlen von Regen haben sich die Lehmbauten recht gut über mehr als 1000 Jahre erhalten. Die Formen wurden nur durch Winderosion “bearbeitet”. Besuch der Tausend-Buddha-Grotten “Beziklik” -vorbei am “Flammenden Berg”. In der heißen Jahreszeit, in der die Wüstenluft zu flimmern beginnt und die Sonne auf die kahlen rötlichen Felsklippen herabbrennt, scheinen an den Bergwänden die Flammen emporzuzüngeln. Bei uns brannte leider nichts. Die Grotten hinterließen keine bleibende Erinnerung, da sie größtenteils “geschliffen” wurden und nur noch Fragmente von Malereien übrig waren. Bei sämtlichen Figuren wurden von Fanatikern die Augen herausgekratzt. Fotografieren verboten! Am zeitigen Abend geht es auf einer schurgeraden Asphaltstraße ca. eine Stunde zum Bahnhof über Ödnis bzw. Geröllwüste. Vor dem Bahnhofsgebäude lungern sehr viele Menschen mit und ohne Gepäck und beobachten
uns und wir sie. Wir sind hilflos und wissen nicht wohin, da der Bahnhof abgeschlossen ist und jede mögliche Tür streng durch die Staatsmacht bewacht wird. Diese zerrt auch mal an den Leuten rum, weil die nicht in Reihe stehen, sondern eng aneinander gepresst versuchen, eine gute Startposition einzunehmen. Unsere Reiseleiterin Ai Wen Zhang organisiert Plätze in der VIP-Lounge in riesigen grünen Ledersesseln.
Das Gepäck in die 2. Etage hoch und dann wieder runter, ist für manchen von uns das Problem. Jürgen und ich freuen und amüsieren uns heimlich, wir haben Rucksäcke. Der Zug fährt ein und es ist der Wahnsinn, was jetzt losgeht. Viele müssen raus und wir wissen nicht, wo rein. Die Gruppe ist zerstreut und dann noch das Gepäck.
Abendessen im Bordrestaurant. Das war ganz amüsant. Das Essen
war es nicht. Ich hatte Zeit, mich mit den Stäbchen anzufreunden und zu üben. An Schlaf war in der stickigen 4-Mann/Frau-Kabine nicht zu denken. Großer und kleiner Rucksack mussten mit auf die Pritsche. 5 Uhr wecken.



Samstag, 11.9.04 3. Tag Kurze Busfahrt durch KUCHA zum Hotel, wir sind noch immer auf der nördlichen Seidenstraße. Frühstück sehr reichhaltig, aber nichts für mich. Geröstete Erdnüsse gingen gut und zum Schluss kam noch Melone und Biskuitkuchen, war auch ok. Busfahrt zu den Tausend-Buddha-Höhlen von Kizil. Unterwegs bei aufgehender Sonne atemberaubende Panoramas, und wenn wir den Bus stoppen konnten, auch viele Fotos. Es ging durch einen fantastischen Canyon des Tianshans. Die englischsprachige Führung durch die Grotten dauerte etwa 2 Stunden bei brütender Hitze am südlichen Steilhang entlang dem Muzati-Fluss. Dieser Talknotenpunkt gefiel mir sehr gut: landwirtschaftliche Anlagen, der Fluss, die Felsen rundum, die Stille, die über allem lag. Die ältesten der ehemals über 200 Grotten sind aus dem 3. Jh. und erhalten sind nur noch Wandmalereien, keine Plastiken mehr. Die Rückfahrt erfolgte zum höchsten ehemaligen Feuersignalturm (18 m) an der Seidenstraße und in die buddhistische Ruinenstadt Subash. Doch Jürgen will langsam keine Ruinenstadt mehr sehen, ich auch nicht. In Kucha noch 1 Stunde auf dem Basar und Supermarkt. Hier stinkt es überall. Abendessen in einem Fischrestaurant. Ich bin wie zugeschnürt und kann nichts essen. Morcheln sind am Tisch der große Renner. Das Hotel ist sehr großzügig, was die Zimmergröße betrifft. Jetzt zum Abend stellen sich die von uns eingekauften Schmeckerchen alle als ungenießbar heraus, bis auf die Weintrauben und Orangen. Wir wollen sehen, was der morgige Tag bringt.



Sonntag, 12.9.04 4. Tag Zeitiger Start Richtung Highway. Es sollten 620 km bis MINFENG, südliche Seidenstraße, werden. Wir durchqueren die Wüste heute in ihrer ganzen Nord-Süd-Ausdehnung mit unserem Bus. Ich freue mich schon und bin gespannt.
Bis zum Herz des Tarimbecken haben wir viele Fotostopps erzwungen. Das gesamte Tarimbecken, die Sandwüste Taklamakan, hat etwa die Größe Deutschlands und ist von hohen Gebirgen umgeben: Tian-Shan im Norden, Pamir im Westen, Kun-Lun und Altun-Shan im Süden. Niederschläge gibt es nur im Norden jenseits der Gebirge, so dass es innerhalb des Beckens extrem trocken bleibt. Der Luftaustausch ist enorm, vor allem durch die kalten Gletscher. Die Folge sind Wind und Sandstürme. Wegen des hohen Grundwasserspiegels - die Wüste schwimmt auf ihm - gibt es Seen in der Taklamakan
und Gobi. Nomadisierende Flüsse im Tarimbecken verändern ihren Lauf und Form. Wir kommen auf dem Highway mitten durch die Wüste aus dem Staunen nicht mehr heraus. Entlang fast der gesamten Strecke, mehrere hundert Kilometer, liegen 6 bis 8 dünne Wasserschläuche mit Löchern im gleichen Abstand. An den Löchern wurden Pflanzen
gesetzt. Aller 30-40 km wurde ein Pumpenhäuschen gesetzt, welches Wasser durch das Bewässerungssystem drückt. An so einem Häuschen machen wir Mittag, da es hier den einzigsten Schattenplatz gibt. Melone, Gurke und hartes Brot. Die Begrünung
des Seitenstreifen soll verhindern, dass der Sand die Straße wieder vereinnahmt. Ein Riesenprojekt! Es ist der Wahnsinn! Spätabends: Ankunft in MINFENG am Südrand der Wüste. Wir bummeln noch über den Markt und landen auf einem “Freisitz”, wo es Fleischspieße, ich glaube vom Hammel, gibt. Das Hotel ist ein Gästehaus, also “Absteige”. Abenteuerliche Elektrik. Mehr gerädert als froh beenden wir die Nacht.



Montag, 13.9.04 5. Tag Reichlich 130 km bis YUTIAN. 6-spurige Straße. Wir vertreiben uns die Zeit bis zum Mittag mit Fotografieren. Motive gibt es reichlich im Ort. Für uns ist noch alles interessant, besonders das Leben auf der Straße mit den Garküchen, Brotöfen, Obst- und Gemüsekarren, dem Barbier, den staubigen Nebenstraßen und vor allem den Menschen, die immer offen, neugierig und freundlich sind. Und das Schönste, sie lassen sich sehr gern fotografieren.
Die Reiseleitung trifft inzwischen letzte Vorbereitungen für das Trekking durch die Wüste. Dann geht es mit drei Jeeps und einem Versorgungs-LKW (Allrad-Antrieb unbedingt notwendig!) entlang des Keriya-Flusses in die Wüste. Die Fahrt ist faszinierend und abwechslungsreich, leider ohne Fotostopps.
Doch das Schicksal meint es mit unserem Jeep gut, denn der Fahrer ist eine Null, so dass wir doch noch zu den begehrten Fotostopps kommen durch häufiges Anhalten und Aussteigen. Er nimmt mehrmals Anlauf im tiefen weichen Sand, schafft es nicht, die Klimaanlage beginnt zu kochen. Irgendwann steht ein Schlagbaum in der Wüste, das Auge des Gesetzes ist überall, Permitkontrolle. Abends Lagerplatz am Fluss zwischen Wüstenpappeln und Tamarisken, sehr idyllisch. Chaotische Zustände auf dem LKW, deshalb Essen gegen 22 Uhr. Die 1. Nacht im Zelt draußen in der Natur und wir fühlen uns richtig wohl ohne Zivilisationslärm und ohne Licht. Doch so richtig schön schlafen konnten wir nicht, da ein paar mitgenommene Uiguren sich etwa 5 m neben unserem Zelt im Sand betten und laut schnarchen. Und Platz ist hier nun wirklich nicht knapp!



Dienstag, 14.9.04 6. Tag
Früh 5°C
Abfahrt ist erst 10.15 Uhr. Teilweise schwere Strecke über hohe Dünen, dann aber atemberaubende Landschaft.
Immernoch sinnloser Fahrstil unseres Drivers. Der Fluss wird immer trockener, manchmal ist nur ein schmaler Streifen Wasser in einem ganz breit gelaufenem schlammigen Flussbett. Schafe und Ziegen liegen an der 10 bis 40 cm hohen ”Abbruchkante” im feuchten “Schatten”.
Zuerst glaubte ich, sie sind im Schlick versunken und nur ihr breiter Körper
rettet sie vor dem weiteren Verschwinden. Ein Gruppenmitglied hatte ähnliche
Erfahrung gemacht. Nachmittags Ankunft in DAHEYAN, die letzte Siedlung in Richtung Wüstenzentrum.
Der Ort ist größer als es meine Vorstellungen zuließen. Ein Dorfplatz mit “Rathaus”, gemauertes Haus für den Ortsvorstand, und daneben eine große Solaranlage machten romantische Erwartungen erst einmal zunichte. Aber mit Süßigkeiten und Fotoapparat bewaffnet, eroberten wir die Herzen aller Dorfkinder und auch dieses oder jenes Haus, traditionell aus Holzstämmen gebaut und die Ritzen mit Lehm verschmiert. Es gab noch 3 Läden, 1 Schule. Alle Menschen begegneten uns offen und freundlich, wie ich es noch nicht erlebt habe. Wir wurden bereitwillig in ihre Häuser eingeladen, Schränke, soweit vorhanden, geöffnet, alle Räumlichkeiten gezeigt. Die Kinder umringten uns teilweise hautnah bis zum Abend. Alle Kinder sind immer anwesend. Kein Handgriff ohne tausend Kinderaugen. Ich müsste mal pipi. Keine Chance. Zeltaufbau, Rucksack auspacken, Isomatte mit dem Zeigefinger mal heimlich auf Weichheit prüfen, alles ist superinteressant für sie. Endlich finde ich Ruhe, Tagebuch zu schreiben. Denke ich. Jeder geschriebene Buchstabe wird kichernd beobachtet. Ich gebe auf. Jürgen besprüht jeden mit Deospray auf Hemd oder Kleid. Wir brauchen es die nächsten 8 Tage sowieso nicht. Wir zelten auf einer Düne mit Blick zum Dorf oder in die andere Richtung zum grünen Landschaftsgürtel um das Flussbett und im Dunst geht die Sonne unter. Überall brüllen Schafe.

Mittwoch, 15.9.04 7. Tag
Früh 11°C.
Sehr pünktlich kurz nach Uhr der Ruf “Die Kamele kommen!”. Wir frühstücken noch fertig und dann heißt es den ganzen Kram zusammenpacken. Es ist ein riesengroßer Gepäckhaufen, auch mit 2 großen Holzkisten. 21 Kamele und Kamelkinder. Beim Bepacken zeigen sich die Kamele recht störrisch und nicht sehr kooperativ. Es werden 4 Kamelketten und halb 12 sind wir endlich fertig. Manche Kamele sind das 1. Mal dabei und auch von Kamelführern.
Die Kamele müssen erst gefügig gemacht werden, heißt es. Für sie und auch für uns als Zuschauer ist es eine Tortur. Wir laufen bis 18 Uhr mit Picknickpause. Es sind 8,5 km Entfernung, immer gemessen Luftlinie nach GPS. Im Laufe des Nachmittag wird der Wind immer stärker, die Sonne wird dunkler und durch den Flugsand kann man kaum noch fotografieren. Aber was für eine Landschaft! Keine Zeit und zu viel Sand für schöne ausgewogene Fotos. Es geht größtenteils durch tiefen Dünensand, was sehr anstrengend ist. Das Karawanentempo ist ganz schön flott und geradeso ausreichend, wenn man nicht fotografiert. Ich habe zu tun, die Karawane wieder und immer wieder einzuholen. Der Wind bekommt sturmartigen Charakter. Das Küchenzelt aufzubauen ist eine Herausforderung. Teilweise zu sechst bezwingen wir es. Heute zeigen sich die Charaktere der einzelnen Mitglieder deutlich, gerade auch bei Gemeinschaftsarbeiten. Manche denken, sie sind im Urlaub... Im gemütlichen Zelt beschließen wir alle recht ruhig den Tag gegen 23 Uhr. Tagestemperatur 35°



Donnerstag, 16.9.04 8. Tag
Früh 18°C
Der Wind hat sich etwas gelegt, es ist sehr nebelig und alles sieht sehr mystisch aus. Wir sind zwar schneller beim Packen, aber das Ding mit den Kamelen dauert unverändert lange, etwa 3 Stunden. Wir fangen inzwischen schöne Holzstücken als Souvenir. Die Tageswanderung führt über ganz hohe und flache Dünen. Man bekommt ein Gefühl, welche Dünenformationen und -formen schön aussehen. Am Anfang sind alle gleich. Wir laufen immer stur nach West. Am Nachmittag sehen wir einen Greifvogel segeln und fragen uns wo er herkommt und was er hier will. Außer unserer Karawane und manchmal einer Wüstenpappel ist weit und breit nichts, außer Sand. Es ist etwas Besonderes und das Auge hat eine Ablenkung.
Die Karawane läuft im Gänsemarsch und wir heute zwischen den Ketten. Drei Ketten bestehen aus 5 Kamelen und eine aus sechs Tieren. Die Kamelkinder dürfen machen, was sie wollen. Der Oberkamelführer sucht den Weg im dünenauf und -ab sehr sorgfältig aus. Optimaler könnte man es auch nicht und dann bei der Geschwindigkeit. Wir haben einen schönen Lagerplatz gefunden und es gibt viele Plateaus zum Zelten. Der Wind wurde zum Abend immer kräftiger, so dass wir mit dem Zelt wieder umziehen mussten, weil sich durch die Windlast die Stangen verdrehten und zur Zelttür wieder herausragten, Bodennägel waren sowieso witzig. Jürgen und ich campen so weit ab, dass wir nach dem Abendessen gegen 23 Uhr unser Zelt zwischen den Dünen trotz Taschenlampe in der Nacht nicht mehr finden. Der feine Sandstaub macht alle nervös. Es ist warm im Zelt, aber wir müssen es schließen, sandfest machen. Dann lege ich mich mit nacktem Körper auf die feinsandige Isomatte und ziehe den Schlafsack, an dem der Sand auch haftet, über die Nieren und warte, dass ich einschlafen
kann. Totenstille. Auch die Kamele sagen nichts mehr. Der Wind hat sich gelegt. Tagestemperatur 28°14,6 km Entfernung

Freitag, 17.9.04 9. Tag
Früh 16° C
Totale Bewölkung und leicht windig. Kräftiger Durchfall, nicht nur bei mir. Katzenwäsche: mit Feuchttüchern. Achseln und die anderen sensiblen Körperstellen “gewaschen”. Heute kümmere ich mich mal nicht um das Küchenzelt, sondern verarzte Blasen und Druckstellen an Zehen und Fußballen. 4 Dünenkämme hinter mir höre ich Stimmen und die Kamele. Das Beladen selbiger ist jedesmal ein Stress. Wenn eines in der Kette nicht will, mischt es alle anderen mit auf und die Prozedur muss unter Kontrolle gebracht werden, da sonst halb befestigte Gepäckstücke davonfliegen und eventuell zertrampelt werden. Die Kamelführer kommen an so eine aufgebrachte Kette schlecht ran, da die Tiere mit ihren langen Beinen das durch Treten zu verhindern versuchen. Vor mir eine totenstille Unendlichkeit und das Bewußtsein, dass auch hinter dem letzten sichtbaren Dünenkamm wieder nur Sanddünen liegen. Aber das Gefühl der Einsamkeit kommt nicht so richtig auf, das liegt an der immer in der Nähe befindlichen Karawane. Ich friere leicht. Frau Müllers Kamel ist zu hart, sie bekommt eine zweite Decke. Der Koch kommt mit kleinen Meteoritenstückchen. Alle suchen sofort los.
Der Tag verläuft sehr angenehm. Wir halten Abstand zur laufenden Karawane, jeder geht für sich. Schöne Fotos, große Dünen. Es ist immer noch leicht bewölkt mit ständigem Wind, der zum Abend, als es ans Aufbauen geht, wieder stärker wird. Langsam sandet alles zu. Es ist der ganz feine eklig klebende Staub, der uns dreckig aussehen lässt. Auch der Fotoapparat ist trotz Vorsicht nun zugesandet.
Ai Wen bietet uns Wasser zum “waschen” an. Doch es ist so wenig, dass ich laut loslachen muss und auch die anderen freiwillig verzichten. Jürgen meinte, es wäre nur eine große Schweinerei, wenn wir den Dreck jetzt aufweichen und verschmieren
würden. Wir haben noch viel Spaß mit Ai Wen, als es um das Alter der Kamele
geht. Die weißen sind demnach sehr alt philosophiert sie. Ich meinte, die heißen alle Willy, er hat auch langes weißes Haar. Nach dem Entladen der Kamele stürzen sie auf und davon.
Vereinzelte Tamarisken werden sofort bestürmt und kahl gefressen. Es passen nicht alle Kamele um die paar Halme. So laufen sie immer weiter in die Wüste und die Führer müssen etwa 3 km oder noch mehr rennen, um sie zu holen. Wobei, glaube ich, nur das Leitkamel jeder Kette entscheidend ist und das ruft dann die anderen? Bis zum Trekkingende konnte ich es nie verfolgen oder klären, weil es jedesmal über diese Prozedur dunkel geworden ist. Die Kamele konnten nur als kleine dunkle Punkte
zwischen den Dünen wahrgenommen werden. Es ist ein friedliches Bild, wenn sie wieder heimkehren in der starken Dämmerung oder Finsternis. Es sind sehr schöne stolze Tiere. Tagestemperatur 28°C 14,1 km Entfernung



Samstag, 18.9.04 10. Tag
Früh 11°C
“Gewaschen” mit Feuchttüchern und Wäschewechsel.
Jürgens Salzhemd kam auch weg. Es war wie der Stoff meiner Hose am Oberschenkel, ganz hart. Das Beladen der Tiere ist wie immer ein Höhepunkt. Langsam werden
sie ruhiger. Sie haben noch nichts zu fressen oder saufen bekommen. Gestern sind wir halb 12 Uhr los. Mittagspause ist in der Regel zwischen 14 und 14.30 Uhr für die Dauer von 1 bis 1,5 Stunden. Abends, je nach Gegebenheit für uns und die Kamele, laufen wir bis 18.30 oder 19 Uhr. Der Tag war anstrengend, da die Karawane öfter halten musste und das Tempo sehr unterschiedlich war. Unser “Doktor” musste umgebettet werden und bei Müllers “läuft das Kamel von hinten auf und beißt”. So haben auch wir Läufer etwas zu lachen. Spätnachmittag kam dann die Sonne raus und es wurde die Info durchgegeben, dass die Kamele heute Wasser brauchen. Darüber bin ich froh, weil sie mir leid taten. Der Kamelchef rannte irgendwann los, Düne hoch und runter, steckte ein Holz in den Sand und damit war seine Mission beendet. Den kleinen Rest von mehreren Stunden Sand graben, haben die zwei jungen Führer erledigt. Das ging nicht ohne ständige Gebetspausen gen Westen nach Mekka. Abends etwa 22 Uhr im Dunkeln, war in etwa2mTiefe erstes Wasser zu sehen. Dann haben wir gegessen und das Tränken der Tiere verpasst. Aber die Gewissheit beruhigt. Tagestemperatur 25° C 16,6 km Entfernung

Sonntag, 19.9.04 11. Tag
Früh 5° C
Die Kameltreiber machen Stress zum 1. Mal beim Packen. Heute scheint es warm zu werden. Die Kamele sind sehr ruhig und friedlich, aber vor 11.20 Uhr kommen wir trotzdem nicht los. Der Lagerplatz liegt sehr schön, umgeben von hohen Dünen zum Fotografieren, was wir auch alle nutzen. Anstrengender Tag, da das Gepäck oft neu gerichtet werden muss. Manchmal spielt auch das Leitkamel verrückt. Aber wenn sie laufen, haben sie ein ordentliches Tempo, was uns gerade die hohen Dünen hoch außer Atem kommen lässt. Heute ist es besonders anstrengend. Gegen Abend wird immer das Tempo erhöht und wir Fußgänger hecheln nach jeder Fotopause im Eiltempo hinterher. Als eine handvoll Tamarisken zu sehen sind, halten wir darauf zu und schlagen unser Lager auf. Die Kamele verteilen sich sofort bis zum Horizont. Wir sind alle ziemlich fertig. Tagestemperatur 30°C 14,6 km Entfernung



Montag, 20.9.04 12. Tag
Früh 8° C
Heute laufen wir eine Stunde eher los als die Kamele und genießen diese Freiheit des individuellen Tempos. Ich glaube, die Dünen werden flacher und es wird nicht mehr so anstrengend. Die Füße und der Rücken sind tot und schmerzen jetzt schon. Nach etwa 1,5 Stunden hat uns die Karawane eingeholt. Wir sehen jetzt den Mazartag im Dunst. Es ist eine Felsformation im Herzen der Wüste und für uns das Ende des Wüstentrekkings. Ab Mittag geht die Dünenlandschaft in eine ausgetrocknete Flusslandschaft über. Es läuft sich anders schwer, da man bei jedem Schritt einbricht.
Schöne Fotomotive, doch ich habe keine Kraft und Lust mehr und ärgere mich sofort darüber. An einer Sandstelle, alles flach und etwas begrünt, schlagen wir unser Lager auf. Es ist nicht mehr so idyllisch wie die Möglichkeiten in den Dünen. Zum Abend gibt es wieder auf unser aller Wunsch Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Ei. Ai Wen wundert sich, dass wir ein für sie so einfaches Essen mit lautem Applaus begrüßen. Tagestemperatur 31° C 14,6 km

Dienstag, 21.9.04 13. Tag
Früh 6° C
Alles geht ruhig und entspannt zu, da das Ende des Trekkings abzusehen ist. Doch jetzt rennt ein Leitkamel mit Führer laut schreiend immer weiter weg. 2 Kamele haben sich vom Strick losgerissen und sind verschwunden. Für den Kamelführer ist es ein großer Verlust und ich bete für ihn. Eine kleine Hoffnung besteht, dass die Kamele Richtung
Heimat gelaufen sind. Das sind etwa 100 km und ich weiß nicht, ob die das wissen. Nach etwa 2 Stunden kam der Führer gestreßt mit den Ausreißern im Schlepptau angeritten.
Wir Läufer gehen schon mal los, immer den Berg vor Augen. Durch das Flussbett und dem grünen Gürtel erreichen wir die Spitze von Mazar-tag. Der Platz davor ist zugemüllt. Jürgen und Peter machen sich an das Einsammeln und die Müllverbrennung.
Wir besteigen den Felsen mit seiner alten tibetischen Klosterruine, finden Tonscherben, interessante Steine und Fotomotive. Von hier oben haben wir einen eindrucksvollen Gesamtüberblick über das breite Flussbett und den Übergang zur Wüste. Unten angekommen, verabschieden wir uns von den Kamelleuten.
Sie bleiben aber noch bis zum nächsten Morgen. Viele “Offizielle”, die uns vom Packen abhalten und auch so nur im Wege sind, nerven mit ihren Jeeps. Abends sitzen wir noch zusammen und eine 3/4 Flasche Wodka verschwindet bei W. allein. Er ist entsprechend
lustig. Ich laufe noch mal ein paar hundert Meter das Flussbett hoch bis zum Peter, der wie jeden Abend, abseits ein Feuer macht.



Mittwoch, 22.9.04 14. Tag Ein Durcheinander beim Packen. Wir fahren über 20 km bis zu einer Ölstraße, die dann asphaltiert ist. Dort geht es dann strickt südlich raus aus der Wüste nach KOTHAN. Im Hotel dann bis zum Abend kein
Strom. Aber das Wasser ging, das heißt duschen im Dunkeln. Heute war der 10. Tag ohne waschen. Der Kopf ist voller Sand. Die Sachen sind sehr schmutzig. Ich hätte gedacht nach 10 Tagen Wüste stinkt man unendlich, ist aber nicht so. Abends noch Stadtbesichtigung von Khotan. Auf einem riesengroßen Platz steht ein riesengroßer Mao und es findet ein pompöser Volkstanz für eine Fernsehaufzeichnung statt. Gewöhnungsbedürftige Showdarstellung für uns. Im Hotelzimmer sieht es chaotisch aus, alle Sachen aus dem Rucksack sind verstreut. Tagestemperatur 28°C

Donnerstag, 23.9.04 15. Tag
Besichtigung Teppichknüpferei und Seidenspinnerei und -weberei. Hier wird unter anderem die schwere Atlasseide hergestellt. Wir haben uns Seidenraupenkokons mitgenommen. In diesen klappern beim Schütteln die getrockneten Raupen. Es ist ein schönes und billiges Souvenir. Ich könnte so ein “Seidenei” immer in der Hand halten. Nachmittags Besichtigung einer Jadeschleiferei, nachdem die Sucherei am Fluss keine Ergebnisse gebracht hat. Wir kaufen auf dem Markt, das Angebot ist überwältigend. Heute hat sich der Fotoapparat endgültig verabschiedet. Es werden die Wüstenauswirkungen sein, es ist Sand im Getriebe. Das kostet mich 2 Filme, die ohnehin knapp sind in diesem Urlaub. Man könnte aber auch andauernd... Tagestemperatur 25° C



Freitag, 24.9.04 16. Tag Vormittags Busfahrt über Land zur Ruinenstadt Malikawat.
Diese war früher bekannt für die Tonwaren, die dort gebrannt worden. Wir haben auch noch welche gefunden. Sonst war nichts, was uns begeistert hätte. Aber die Fahrt dorthin war schön und abwechslungsreich.
Im Ort vor der Ruinenstadt mussten wir auf Eselskarren umsteigen. Die Frauen
stürzten vor und hinter unserem Bus her, um sich die Möglichkeit nicht nehmen zu lassen, uns als Kunden zu gewinnen. Dann zerrten sie uns aus dem Bus und jede wollte uns auf ihrem Karren haben. Ein heilloses Durcheinander, weil wir Order hatten, nur zu zweit zu fahren und die Kinder uns mitten im Gewühl noch Jadesteine verkaufen wollten. Spaß hat es gemacht. In Kothan haben wir noch eine Familie besucht, die Papier mit Hand schöpft. Ein Ort der Ruhe mitten in der Stadt. Nachmittag dann endlich frei und nur für uns. Die Garküchenstraße war leider noch nicht so richtig in Betrieb erst
abends, wenn alle dort essen. Dann ist es ein Fest für die Augen, was dort alles geboten wird im Schein einer am Galgen hängenden Glühbirne. Sachen, die ich nicht definieren konnte und nie hätte essen wollen. Aber fotografieren! Wir schmeißen uns ins Gewühl, im islamischen Viertel in die Basarstraßen und lassen uns vom Leben gefangen nehmen. Zu keiner Zeit fühlten wir uns bedroht, trotz Gedränge. Alle werden gern fotografiert, jedes Kind sagt “Hallo” und freut sich riesig, wenn wir antworten. Um über die Straße zu kommen, bedarf es einer logistischen Meisterleistung. Jürgen meinte zu mir: Wir gehen nach dem Esel von links und vor dem Bus von rechts.” Man hätte ständig fotografieren können. Heute hat sogar das Abendessen gut geschmeckt. Dann hieß es Chaotenbude aufräumen, sprich Rucksäcke packen. Fotoapparat geht nach mehrmaligem Putzen wieder.

Samstag, 25.9.04 17. Tag Heute ist Busfahrt nach KASHGAR angesagt. Es sind 520 km auf der südlichen Seidenstraße westwärts. Öde Wüstenlandschaft wechselt mit kleinen staubigen Oasenstädtchen. In Yarkant wollten wir auf den Basar. Dort wo er noch letztes Jahr war, steht nun ein Einkaufscenter. Mitten in einer Wüstengerölllandschaft entstanden Neubaublöcke, um dort Leute anzusiedeln. Weit und breit NICHTS. Wer muss da wohl hin und warum?
Das Hotel in Kashgar gibt sich nobel, doch auf den 2. Blick ist es auch elend.

Sonntag, 26.9.04 18. Tag Vor unserem Fenster übt von 8 bis etwa 9.30 Uhr eine Tai-Chi-Gruppe mit Musik morgendliche Gymnastik. Diese wird mit Gegenständen ausgeführt, wie Fächer, Tücher, Schwertähnlichem usw. Die Akteure sind eher älter und haben einen nicht sehr sportlich erscheinenden Anzug an, mit Jacke und vorn Knöpfen. Wir schauen lange aus dem Hotelfenster zu und versuchen, uns in die Menschen und ihre Beweggründe hineinzuversetzen. Es ist schwierig. Busfahrt zum Karakorum-Highway. Die ersten 100 km war Baustelle und somit nur mit 30-40 km/h zu befahren, dafür konnten wir das Leben in den kleinen Orten intensiver aus dem Busfenster betrachten. Die letzten 100 km auf Asphalt gingen durch sehr schöne Landschaft vorbei an Eisbergen und tiefen Schluchten, durch die sich die Straße schlängelte bis zum 3600 m hoch gelegenen Karakolsee (6-7 Stunden Fahrt). Mit Blick auf den Muztag-Ata, dem “Vater aller Eisberge” -schön diese blumige Sprache immer -verbringen wir noch ein paar Stunden auf einer “Alm”, auf der Jurten von verschiedenen Völker stehen und deren Tiere weit verstreut diese riesige Fläche beweiden. Es ist ein herrlicher Ort der Ruhe und Besinnlichkeit umgeben vom Eisbergvater. Man könnte immer nur fotografieren, die Eindrücke sind sehr stark. Die Rückfahrt im Dunkeln ist leider wieder sehr anstrengend und der Verkehr an der etwa 80 km langen Baustelle auf der einen
vorhandenen Fahrspur bricht total zusammen. Es drängeln sich riesengroße Bau-LKW, wenige PKW, kleinere Reisebusse, Fahrradfahrer, Fußgänger, Eselskarren und einzelne freilaufende Tiere auf der sehr staubigen Straße in alle Richtungen ohne Ordnung. In den Gesichtern kann man lesen, dass manche schon ewig auf ihre Chance warten, um von A nach B zu kommen. Ich leide mit ihnen, auch mit den Eseln, die alleine nach Hause wollen und keine Möglichkeit haben, am Verkehr teilzunehmen. Der Eisbervater ist leider weit weg. Ankunft 22.30 Uhr und ohne Abendessen verabschieden wir uns.

Montag, 27.9.04 19. Tag Das Grab der duftenden Konkubine in einem idyllisch gelegenem Garten steht gleich am Morgen auf dem Programm. Das Grab lag in einer
kleinen Moschee, geduftet hat es nicht -die blumige Sprache wieder -dafür hatte es außen noch wunderschöne sehr alte glasierte Kacheln mit verschiedenen blau-weißen Mustern. Nach dem anschließenden Besuch der Id-Kah Moschee sind wir den ganzen Nachmittag in den Tiefen und dunklen Gassen der Altstadt eingetaucht. Jede Minute tauchten sehr interessante Straßenszenen des täglichen Lebens auf, insbesondere konnte man den Handwerkern bei der Arbeit zusehen und wie zu etwas späterer Stunde die Straßengrills und Garküchen in Betrieb genommen wurden. Fertig und zufrieden fahren wir erst zum Essen und dann zum Flughafen. Der Flieger hat Verspätung und nach etwa 1,5 Stunden Flugzeit sind wir gegen 2 Uhr nachts in Urumqi in einem Nobelhotel. 16.Etage, 4Sterne. Die kurze Nacht war 7:30 Uhr zu Ende.

Dienstag, 28.9.04 20. Tag Zu müde, um zu duschen und erst recht um das Frühstück zu genießen, beginnen wir den Morgen. Ganz tolles Frühstücksangebot, was die Auswahl und auch die Atmosphäre betrifft. Hier hätte ich mich mal richtig voller Freude satt essen können, Pech gehabt. Bei stark bewölktem Himmel und 10°C laufen wir auf den Roten Berg und gewinnen einen Eindruck von Urumqi mit seinen 1,6 Mio Einwohnern.
Sehr moderne Stadt mit vielen Hochhäusern. Meine verklärten Vorstellungen vor der Reise in Deutschland von dieser Oasenstadt haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Das Wetter kommt uns eisig vor. Besuch des neugebauten Basars, kaufen, kaufen, kaufen, im Stil einer riesengroßen Moschee. Am Nachmittag fahren wir zum Himmelssee im Tianshan-Gebirge, das Wetter wird immer schlechter. Dicke Nebelschwaden versperren den Blick. Den See finden wir mehr instinktiv auf einer kleinen Wanderung. Jetzt schneit und stürmt es bei 0°C. Im Hotel herrschen ganze 10°C und keine Heizung oder warmes Wasser. Letzteres wir haben wir bestellt, es wird erst bereitet. Jürgen und ich laufen am See entlang zum Tempel. Im Schneegestöber war uns so ein bisschen wie Weihnachten.



Mittwoch, 29.9.04 21. Tag Selbige kleine Wanderung wie am Vortag heute noch einmal, aber im strahlendsten Sonnenschein. Atemberaubend schöne Landschaft. Hohe Berge rund um den See, der 3,4 km lang und 1,2 km breit ist. Herrliche Abschiedsfotos. Es war der krönende Abschluss.

Marlies H.


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