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Reiseeindrücke unserer Pilotreise "Reise zum rauhen Ende der Welt" im November 2005:

„…Hola Frau Strelow

Die Reise war ein voller Erfolg. Das hing natürlich mit der guten Organisation und dem interessanten Reiseprogramm zusammen. Während der Wanderungen hatten wir auch Glück mit dem Wetter….

Einer der Hauptgründe ist allerdings, dass Sie mit Susanne den besten Guide in ganz Patagonien haben. Sie kennt sich nicht nur sehr gut aus, sie ist unglaublich euphorisch, enthusiastisch, kann gut improvisieren, begeistert die Leute und kommt mit allen gut klar. Außerdem hat "…Ihre Vorortagentur…" einen sehr guten Job gemacht“ …

„…Guten Tag Frau Strelow,
die Chile-Reise war wunderbar, und die Reiseleitung sehr engagiert und kompetent.
Ich werde beides weiterempfehlen“….



„El fin del mundo“ - Das Ende der Welt

Eine Reisereportage über Südwestpatagonien (Chile)
Von Roland Müller (Siegritz)

Reisebericht zu der Tour "Seen, Gletscher & Vulkane"

Man schrieb den 9. Juli 1522, als sich ein von Würmern und Seewasser zerfressener Haufen faulen Holzes, den man in längst vergangenen Tagen einmal Schiff genannt haben mag, den Kapverdischen Inseln näherte.
Am zerspellten Mast flatterte eine ausgefranste, spanische Flagge. Die Planken waren so sehr leck geschlagen, dass die 18 halb verhungerten Gestalten an Bord kaum das eindringende Wasser aus dem Rumpf pumpen konnten.
Am Bug trug der Seelenverkäufer den stolzen Namen „Victoria“ – Sieg! Wie ein Sieger sah das Gefährt nicht aus, eher wie „ el Perdedor“ – der Verlierer.
Kap Verde war zu jener Zeit eine portugiesische Kolonie und die Portugiesen mochten keine spanischen Schiffe, doch dieses hier nahmen sie aus seemännischer Barmherzigkeit auf, gaben der Mannschaft zu essen und zu trinken.
Kein Portugiese ahnte, dass Capitan del Caño wachsam wie ein Luchs war und instinktiv den Befehl zur Flucht gab, als die Hafenbeamten das seltsame Gefährt etwas genauer inspizieren wollten.
Er hatte nur noch ein Ziel, dieses Schiff nach Hause bringen.
Niemand verfolgte die „Victoria“, da die Portugiesen glaubten, sie würde in den nächsten Stunden ohnehin auseinanderfallen. Doch sie irrten sich sehr.
Und was die Portugiesen auch nicht ahnten, war die Bestürzung des wackeren Señor Pigafetta, jenes Mitreisenden, der seit Jahren akribisch Schiffschronik und Logbuch führte, als er erfuhr, dass jener Tag ein Donnerstag war, nicht Mittwoch, wie Pigafetta morgens im Logbuch bereits verzeichnet hatte.
Noch fast acht Wochen fuhr das tapfere Schiff weiter, hielten die 18 Seeleute an Bord durch, bis sie am 6. September anno domini 1522 die Mündung des Rio Guadalquivir bei San Lucar de Barrameda erreichte. Ein Boot schleppte von hier an die „Victoria“ stromaufwärts, sie hatte selbst die Kraft dazu nicht mehr. Am 8. September 1522 Ortszeit erreichte das Schiff mit 18 lebenden Menschen an Bord die stolze Stadt Sevilla. Genau drei Jahre weniger 12 Tage nachdem die „Victoria“ mit ihren Schwesterschiffen „Santiago“, „San Antonio“, „Conception“ und „Trinidad“ gemeinsam mit 237 wild entschlossenen Seeleuten diesen Hafen gen Westen verlassen hatte.
Es war vollbracht! 30 Jahre zuvor hatte Christoph Columbus das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen, die „Victoria“ durchfuhr es in jenen Tagen. Sie siegte gemeinsam mit dem Kapitän del Caño, dem Chronisten Pigafetta und 16 tapferen Seeleuten über Zweifel und Kleinmut, über Intrige, Meuterei, Hunger, Tod und unendliche Verzweiflung. Sie hatten gemeinsam erstmals in der Geschichte der Menschheit die Erde umrundet und damit experimentell bewiesen, dass diese eine Kugel ist, nicht mehr und nicht weniger. Der Name des Schiffes war Symbol geworden für den Mut und die Entschlossenheit des Generalkapitäns Fernăo de Magalhais (spanisch Hernando de Magallanes) der den Ausgang der Reise nicht mehr erlebte. Und sie hatten die Datumsgrenze überschritten, ein Phänomen, das zu begreifen es noch lange dauern würde.

Diese Geschichte, frei nacherzählt nach Stefan Zweigs „Magellan“, bewegt mich seit Kindheitstagen. Und seit jener Zeit war es ein sehnlicher Wunsch von mir in jene Region zu reisen, in der sich eine der waghalsigsten Entdeckungsfahrten der Menschheit zum guten entschieden hat - zur Magellanstrasse.
Im Februar 2005 bot sich endlich für meine Frau und mich die Chance gemeinsam mit einer kleinen Gruppe reise- und abenteuerlustiger in den Süden Chiles zu reisen, nach Südpatagonien!

Wer an Chile denkt, denkt zunächst an Kupfer, Pablo Neruda, guten Rotwein und an eine schlimme Diktatur, die dieses Land durchleiden musste, weniger an spektakuläre Landschaften.
Patagonien bringen viele Menschen ausschließlich mit Argentinien in Verbindung, mit endloser Pampa, Schafen und Gauchos, weniger mit Chile.
Aber der westliche Teil Patagoniens gehört zu Chile und der Besucher findet hier eine der atemberaubendsten Landschaften unserer Erde vor.
Diese Reportage entführt die Leser an die südlichste Spitze des Amerikanischen Kontinents. Unter anderem in den Nationalpark „Torres del Paine“ mit seinen spektakulären Landschaften. Die Reise geht durch Pampa, in der Pinguine leben, Guanakos und Nandus, die Südamerikanischen Strauße, sie führt entlang der südlichen Andenkette durch das Reich des größten flugfähigen Vogels unserer Erde, des Andenkondors und des Puma, durch die patagonischen Fjorde, bis hin zum Gebiet der Seen und aktiven Vulkane bei Puerto Montt.
Nebenbei bemerkt lernen wir auch die Heimat Gabriela Mistrals kennen, einer unglaublich kraftvollen und doch zu tiefst gefühlvollen Poetin, die lange vor Pablo Neruda den Literatur – Nobelpreis erhielt. Auch das weis hierzulande fast niemand.


Die 12. Region – Magallanes

„Wie muss man sich dieses Land an der Südspitze Amerikas eigentlich vorstellen?“, haben mich viele Freunde und Bekannte gefragt. Die Antwort ist vielschichtig und nicht leicht zu geben. Ich versuche es mit einem Märchen der patagonischen Ureinwohner, von denen heute leider fast keine Spuren mehr zu finden sind.

Die empfindsame Frau des Brillenibis

In alter Zeit, als nach dem langen, schweren Winter der Frühling nahte, trat ein Mann aus seiner Hütte, schaute zum Himmel auf und sah, wie Lechuwa, die Frau eines Rotbraunen Brillenibis, übers Land flog. Vor Freude schrie er laut und machte einen großen Spektakel.
Die Lechuwa aber ist eine sehr zartfühlende, empfindsame Frau. Als sie das Lärmen der Menschen vernahm war sie beleidigt und wurde zornig.
Da sie eine große Zauberin war, ließ sie einen furchtbaren Schneesturm über das Land wehen und schickte noch Frost und Eis hinterher. Über viele Monate hinweg fiel Schnee. Es herrschte empfindliche Kälte. In allen Wasserstraßen gefror das Wasser zu Eis und die Menschen litten entsetzlichen Hunger, denn sie konnten nicht mit ihren Kanus auf Nahrungssuche ausfahren.
Es dauerte sehr lange, bis der Schneefall aufhörte und die Sonne langsam an Kraft gewann. Sie brauchte sehr viel Zeit um den Schnee zu schmelzen, der so hoch lag, dass man selbst die Bergspitzen nicht mehr sehen konnte.
Doch die Sonne gab sich Mühe und schickte eine große Hitze. Die Berggipfel wurden kahl davon, so wie wir sie heute noch vorfinden. Auch das Eis schmolz und legte tausende Wasserarme frei, so dass die Menschen wieder auf Jagd gehen konnten. An Berghalden und in tief eingeschnittenen Tälern liegen Schnee und Eis aber noch bis heute. Die Gletscher reichen sogar bis zum Meeresspiegel herab, sie waren zu dick, als dass die Sonne sie hätte auftauen können.
Seit jener Zeit behandeln die Menschen die Frau des Rotbraunen Brillenibis ehrfurchtsvoll und zuvorkommend, denn sie ist eine sehr mächtige Medizinfrau, eine Yekamusch.

Ja, kahle, vom Eis der Gletscher und dem ewigen Wind ausgefräste Felsskulpturen, Gletscher, die bis zum Meer reichen, tausende Meeresarme, Seen und Flüsse, Leben verheißendes Grün und tödliche Eis- und Steinwüsten, das ist tatsächlich Patagonien. Seit der Zeit der indianischen Märchen hat sich nicht viel geändert, nur dass heute die Tiere nicht mehr gleichberechtigt unter uns Menschen leben und mit uns sprechen. Und natürlich bringt heute kein beleidigter Medizinmann mehr Unheil über die Menschen, das erledigen sie selbst, auch in Chile.
Der westliche, also chilenische, Teil Patagoniens besteht im Wesentlichen aus den zerklüfteten Ausläufern der Südkordillere (Anden). Jenseits des Gebirges, im östlichen, argentinischen Teil geht die Landschaft in unendliche Steppe, die Pampa, über.
Der Legende nach soll Magellan dieses Land vor 485 Jahren Patagonien genannt haben, weil seine Einwohner angeblich enorm große Füße hatten. Ich finde im Taschen - Langenscheidt „Pata“ als Tatze, Pranke, weiter komme ich nicht.
„Patagonieden – Großfüßler“ schwirrt es mir zoologisch durch den Kopf. Das klingt wie eine Tiergattung und als Tiere hat man die Menschen in diesem Land wohl auch zu jeder Zeit angesehen.
Nachprüfen kann man die Schuhgrößen nicht mehr, die Ureinwohner wurden in den letzten 150 Jahren vollständig ausgerottet.
Eine weitere Namensinterpretation scheint auch plausibel. Sprachwissenschaftler leiten „Patagonien“ aus der Sprache der Inkas ab, mit der Bedeutung „Land im Süden“. Der Süden und der Norden haben als personifizierte Sagengestalten in den Märchen der Feuerlandindianer eine wichtige Rolle inne, genau wie die vielen Tiere.

Der erste halbe Tag im Süden hat bereits einige Seiten meines Tagebuchs gefüllt. Den meisten Platz nehmen die Magellanpinguine der Kolonie „Seno de Otway“, einem WWF Projekt, ein.
Einer schaut gerade mit wichtiger Mine in das Objektiv meiner Kamera. Ob er wohl ein Yekamusch, ein Medizinmann ist? Ich bin vorsichtshalber ganz leise und sehr freundlich zu ihm. Die Tiere sind hier völlig zutraulich und arglos. Magellanpinguine - wieder der Name Magellan. Alles ist Magellan, die Meerenge, die Provinz in der wir uns befinden, sogar ein Gänsepaar. Sie pampafarben, er in stolzem Weiß. Auch diese Gänse tragen, wie fast alle Tierarten hier, den Namen jenes unbeugsamen Portugiesen. Er scheint selbst nach 485 Jahren an dieser Küste allgegenwärtig zu sein.

Vor mir liegt azurblaues Wasser, die Magellanstrasse. Am Horizont ist im Mittagsdunst die Silhouette einer sanften Erhebung zu erkennen – „Tierra del Fuego“ - Feuerland. Magellan selbst soll diesem Land seinen Namen gegeben haben, da nachts überall Feuer brannten, verteilt wie Sterne über der Milchstrasse.
Ich genieße die Ruhe, die wir uns hier nach der langen Reise und einem ersten, erlebnisreichen Vormittag für ein Stündchen gönnen. Das Rauschen des Meeres und des ewigen patagonischen Windes lassen mich eindösen und etwas träumen.
Ich sehe plötzlich den heruntergekommenen Haufen Desperados auf ihren von der langen Fahrt gezeichneten Schiffen vor mir. Brutale Stürme, eisige Kälte, Hunger, Meuterei, Hinrichtungen, alles hatten sie geduldig ertragen. Doch nun schienen sie dem Ende nah. Nachdem sie am 21. 10. 1520 zum wiederholten Male in eine Meerenge eingefahren waren, schien sich auch hier alle Hoffnung auf eine freie Durchfahrt nach Westen zu zerschlagen. Jedes hoffnungsvoll erscheinende Fahrwasser entpuppte sich als Sackgasse, als Fjord, als „el fin del mundo“ – das Ende der Welt. Vier Wochen fuhren die verbliebenen Schiffe Magellans durch einen Irrgarten.Am Nachmittag des 28. November 1520 weitete sich plötzlich die Fahrrinne nach Südwesten hin auf. Niemand glaubte mehr an einen guten Ausgang der Reise, außer Magellan selbst. Doch die Ufer fanden nicht wieder zusammen, im Gegenteil, die Fahrrinne wurde immer breiter. Nach einigen Stunden fielen sich die Menschen auf den kleinen Schiffen in die Arme. Ruhig und sanft hatte sie das offene Meer in Empfang genommen, hatte sie in sein tiefes, endloses Blau getaucht. Mare Pacifico – Stilles Meer tauften es die Männer.
Es war vollbracht, Amerika war umrundet, die Meerenge zwischen dem Festland und Feuerland war gefunden. Jahre später, als die „Viktoria“ den Heimathafen erreichte, war gewiss, dass der Mensch von nun an, jeden beliebigen Punkt der Erde, der vom Meer umspült wird, erreichen kann.
Magellan war von einem Virus befallen, der ihn gnadenlos nach Westen trieb. Der gleiche Virus hatte 30 Jahre zuvor Columbus befallen und später all die vielen Entdecker und Abenteurer. Reinhold Messner versucht in seinem Buch „Nie zurück“ diesem Virus auf die Spur zu kommen. Und kein Geringerer als Goethe nannte das Phänomen das ewig faustische in uns.
Ohne dem würden wir wohl noch immer in der Oldowaischluch in Ostafrika leben.

Ein Hupen unseres Fahrers reißt mich aus meinen Halbschlafgedanken.
Der Wind Patagoniens hat mir schon am ersten Tag jene noch immer lebendige Aura des Weltumseglers Magellan in die Nase geweht. So hatte ich mir das Land an der Südspitze Amerikas vorgestellt. Ich war angekommen! Hier wollte ich sein.

Das Licht der letzten Hoffnung

Am Nachmittag fahren wir in Richtung Puerto Natales, dem „Hafen der Geburt“.
Zunächst geht die Reise über endlose, flache Pampa. Wohin man schaut Schafe, Schafe, Schafe. Und dazwischen immer wieder Nandus – Südamerikanische Strauße. Es sind sehr außergewöhnliche Vögel, nicht nur ihrer stattlichen Größe wegen. Auch das Familienleben dieser Tiere ist außergewöhnlich. Ausschließlich die Hähne brüten und ziehen die Jungen auf. Die Damen kümmern sich nicht weiter um den Nachwuchs, legen lediglich ein Ei in das Nest. Oft kommt es vor, dass sich Hähne gegenseitig Eier stehlen, wenn sie der Meinung sind, noch einige Kinder gebrauchen zu können. Manchmal werden sogar Jungvögel regelrecht entführt. Wer die meisten Küken hat, besitzt das höchste Ansehen.
Nach ein paar Kilometern erscheint der nächste imposante Vogel, ein Condor. Ganz aufgeregt zeigt Jürgen, unser chilenischer Guide, nach vorne. Ja, Jürgen ist Chilene, aber eigentlich Deutscher. Die Geschichte seines Hierseins entwirrt sich aber erst später. Nur so viel erfahren wir schon am Anfang, er ist der einzige Chilene, der schwimmend nach Chile kam.
Über der Pampa ein Condor, das kann ich mir nicht vorstellen. Die gehören nach meinem Klischee in die Hochanden. Aber dann sehe ich ihn, wie er mit seinen mehr als 4,20 m Flügelspannweite majestätisch über der Pampa kreist.
Vögel, so groß wie Segelflugzeuge, kindsentführende Strauße und Menschen die in ihre Heimat schwimmen – ist Patagonien ein Märchenland?
An späten Nachmittag erreichen wir Puerto Natales. Die kleine Stadt liegt am Ende eines verwirrend zerklüfteten Fjordes mit dem klangvollen Namen „Seno Ultima Esperanza“ – „Fjord der letzten Hoffnung“. Wie viele „letzte Hoffnungen“ mag es in diesem Land gegeben haben, wie oft gaben Schiffe in einem der tausend Meeresarme auf, nach dem sie die „Ultima Esperanza“ begraben hatten? Niemand weis dies zu sagen.
Die Abendsonne taucht die betriebsam – wuselige Stadt in ein unwirkliches Licht, das berühmte Licht Patagoniens mit einer Wolkenbildungen, wie man sie nirgendwo sonst erleben kann. Diese Farben sind einfach phantastisch! Als hätte ein Expressionist in einem unbändigen, kraftvollen Schöpfungsakt seine Farbtöpfe einfach über dem Himmel ausgegossen.

Vom Fjord der letzten Hoffnung geht die Fahrt am nächsten Morgen weiter in Richtung Nationalpark Torres del Paine. Torre ist im Wörterbuch leicht zu finden – Turm. Doch was bedeutet Paine?? Keine Ahnung, der Langenscheidt schweigt sich mal wieder aus. „Damit kann man auch nicht weiterkommen“, sagt uns Jürgen. „Paine kommt aus dem indianischen und heißt blauer Berg“.
Zunächst schwimmen wir mit unserem Kleinbus durch ein mystisches Endzeitlicht, das aus Mittelerde herüber zu schwappen scheint. Am Horizont, eingebettet in Schichten schwarzer und matt platinschimmernder Wolken, die ersten Berge der südlichen Andenkette. Kein Blau!
Die Piste führt über zimtfarbene Pampa. Darauf wieder Schafe. Gelegentlich ein paar Nandus. Dann zur Abwechslung ein Gaucho, der mit unzähligen Hunden eine Herde Rinder vor sich her treibt.
Um so näher wir dem Nationalpark kommen, desto zerklüfteter wird die Landschaft. Plötzlich eine atemberaubende Kulisse. 3000 m ragt das Paine Massiv vor uns auf. Am Straßenrand liegen Menschen auf dem Rücken. Hat sie der Anblick umgeworfen? Nein, über ihnen schweben ganz flach vier Kondore. Wie weißköpfige Segelflugzeuge kreisen diese mächtigen Vögel auf ihren riesigen Schwingen in der Vormittagsthermik gen Himmel. Staunend schauen wir ihnen nach, reden über diesen grandiosen Anblick. Einen Satzfetzen später sind die Vögel verschwunden, bereits tausend Meter weiter oben.
Das Endzeitlicht ist einem strahlend blauen Himmel gewichen. Ebenso blau das Wasser des Lago Sarmiento, den die Piste tangiert.
Am Eingang des Parks begrüßt uns ein langwimpriges Guanako mit gelangweiltem, etwas distinguiertem Modelblick. Tausende dieser kamelartigen Huftiere durchziehen den NP. Sie sind die Stammform der uns bekannten Lamas und Alpakas. Wir sollten ihnen noch oft begegnen. Vorerst sagten wir einen Fototermin mit diesem Exemplar ab, was ihm offensichtlich völlig egal ist. Wir müssen uns sputen, den Katamaran zu schaffen, der uns hinüber über den Lago Pehoe zum gleichnamigen Refugio bringen sollte.

Von hier aus starten wir am Nachmittag die erste Wanderung, leicht, zum angewöhnen. Sollte sich der Schwierigkeitsgrad des Weges steigern – kein Problem, sollte sich die Aussicht steigern, könnte es gefährlich werden. Über dem Ufer des Greysees stehend möchte ich hineinschweben in diese Landschaft um hoffnungslos in ihr zu ertrinken. Welche Farbe haben eigentlich der See und die wie kleine Sahnehäubchen darin schwimmenden Eisberge? Blau, opal-, türkis- oder smaragdfarben? Keine Ahnung, hier gibt es Farben, die ich noch nie gesehen habe.
Am Ende des Sees erscheint der Greygletscher im diffusen Gegenlicht. Auch seine Farbe ist undefinierbar, alles andere als grau. Zwei Zungen schieben sich in den See, spucken kleine Eisberge hinein, speien milchige Wasserströme hinterher.
Der Greygletscher gehört zur Patagonischen Inlandvereisung. Er ist einer der größten Gletscher des Südamerikanischen Festlandes.
Für viel Geld kann man sich an den Gletschermund heranfahren lassen. Mit einem Hämmerchen kann man Eisbrocken abschlagen und sie in Whisky werfen. Der Eisbrocken soll regelrecht im Glas explodieren. Wir probieren es nicht, wir schauen nur, lange und ehrfurchtsvoll auf diese großartige Schöpfung der Natur.

In den nächsten Tagen durchwandert unsere kleine Gruppe auf verschiedenen Ruten den Nationalpark. Eine der spektakulärsten Touren führt in das Zentrum des Paine - Massivs, zum Circo de Granito del Valle del Frances. Von hier aus hat man einen grandiosen Blick auf den Glaciar del Frances, einem der schönsten Gletscher im Nationalpark, sowie auf die Cuernos del Paine und den Macizo Paine Grande. Dazwischen überall blaue Seen, kleine Gletscher, tausendjährige Südbuchen.
Die Nächte verbringt man im NP Torres del Paine in gemütlichen Berghütten, Refugios oder Hosterias genannt. Auch Camping ist natürlich neben den Hütten möglich. Inzwischen ist man hier sehr gut auf Tourismus eingestellt. In den Refugios gibt es z. B. ein topp Dinner und vorzüglichen Wein für einen angemessenen Preis. Die Schlafgelegenheiten sind natürlich einfach, wie es sich für Berghütten geziemt.
Der vorletzte Tag an der Südspitze des Kontinents soll uns direkt an den Fuß der berühmten Torres del Paine bringen, doch zuvor haben wir noch ein besonderes und sehr seltenes Erlebnis.
Am Morgen, vor Sonnenaufgang, schallt ein Ruf durch die Hütte: “Die Torres brennen!!“ Die von der Hosteria las Torres aus sichtbaren, bis 2800 m hohen Spitzen der Torres del Paine werden von der aufgehenden Sonne angestrahlt, bevor diese den Horizont erreicht – eine Art Alpenglühen. Dieses Naturschauspiel in fast tiefer Nacht dauert nicht einmal fünf Minuten und ist nur zu sehen, wenn ein Wolkenband das Licht der aufgehenden Sonne auf die Torres reflektiert. Dies ist eines der beliebtesten Postkartenmotive, doch kann ein Bild niemals die wirkliche Stimmung wiedergeben.

Auf der Wanderroute zu den Torres geht es von Anfang an zur Sache. Wir müssen zweimal eintausend Höhenmeter überwinden, uns auf schmalen Urwaldpfaden vorwärts kämpfen und auf schwankenden Seilbrücken reißende Flüsse überqueren.
Nachdem wir bereits fünf schweißtreibende Stunden hinter uns haben, führt das Ende des Aufstiegs über eine 300 m breite Blockhalde, deren Steine im Durchschnitt so groß wie ein Küchentisch sind. Am Anfang des Blockmeeres sieht man nur Steine und Himmel, so steil ist der Anstieg. Die Spitzen der Torres kommen erst nach einiger Zeit ins Blickfeld. Völlig erschöpft erreichen wir nach einer Stunde eine Art Steinwall, der den Blick auf die Torres del Paine verdeckte. Was würde sich hinter dem letzten Hindernis verbergen? Jürgen hatte nichts verraten. Er hatte nur mit wissendem Blick versichert, dass sich in jedem Fall die Anstrengung lohnt.

In den Bergen dieser Welt gibt es mit Sicherheit viele herrlich Ausblicke, spektakuläre, dramatische, berühmte.
Der Blick, der sich nach mühevollem Überwinden des Blockmeeres vom Base las Torres über eine smaragdgrüne Lagune auf die drei Felstürme Torre sur (2850 m), Torre central (2800 m) und Torre norte (2600 m) öffnet, ist sicherlich einer der schönsten, den unsere Erde zu bieten hat. Kerzengerade steigen die Granitfelsen mehr als 1000 m aus ihrem teilweise vergletschertem Sockelmassiv, dem Ventisquero Torres, auf. Die Tehuelche – Indianer nannten die Felszacken „Schreie aus Stein“. Selbst steht man auf ca. 1000 m ü. NN, hat also ein Panorama von 1600 – 1850 m Höhe vor sich. Dahinter stahlblauer Himmel. Die Felsen des Sockelmassivs schillern durch tausende aus dem Gletscher abfließende Rinnsale wie ein Spinnennetz im Morgentau des Altweibersommers.
Rechts neben den Torres, sozusagen als nördliche Begrenzung (der Blick öffnet sich von Nordost nach Südwest) erhebt sich das Massiv Nido de Condor, das „Nest des Condors“ 2242 m hoch.
Und der Fels blieb uns den Vogel nicht schuldig. Majestätisch schwebte am frühen Nachmittag ein Condor in das Bergpanorama hinein, als wolle er uns sagen: „Schaut her, dies ist mein Reich, dies ist die Schöpfung, habt Achtung und Ehrfurcht vor diesem steinernen Schrei, den die Erde in den Himmel gemeißelt hat, aus Kummer über die Millionen Ureinwohner dieses Kontinentes, die starben, durch die Hand des Weißen Mannes und durch die Segnungen seiner Zivilisation.“
Auf einem flachen Fels bequem ausgebreitet, beobachte ich die Menschen, genauer deren Gesichter, wenn sich im Moment des Überwindens der letzten Steine der Blick öffnet. Staunen, hin und wieder ein paar Tränen, die aus vollem Herzen überlaufen. Beim Einen oder dem Anderen vielleicht auch etwas Ehrfurcht, etwas Demut vor der Harmonie und Poesie der Formen und Farben, die sich hier offenbart.
Der Heimweg ist entspannt, wenn auch schmerzhaft, bergab ist immer schmerzhaft, geht man doch der Sehnsucht nach dem Bergauf entgegen, außerdem staucht es in den Knochen.
Am nächsten, dem letzten Tag im Nationalpark Torres del Paine, geht es ruhig zu. Gemächlich fahren wir auf abgelegenen Pisten um die ultimative Kulisse für eine Herde Guanakos zu finden. Wir haben Zeit! Zwischen dem Suchen noch einige echte Highlights. Die Laguna azul z. B. mit ihrem stahlblauen Wasser und den weißen Kalkablagerungen am Ufer. Und natürlich grandiose Wasserfälle. Der Salto Grande, der den Lago Nordenskjöld mit dem Lago Pehoe verbindet und die Cascada Paine. Hier stürzt sich der Rio Paine wie rasend in eine breite Schlucht.
Über allem der allgegenwärtige Hüter dieser Landschaft. „El Condor pasa...“ pfeift es mir durch den Kopf. In meinem Taschenwörterbuch finde ich unter „pasa“ Rosine. Das kann nicht sein, ein Condor ist keine Rosine, millionenfach größer ist er. Obwohl, der Kopf des Männchens sieht schon etwas verschrumpelt aus.
Jürgen klärt mich auf. Das kommt von pasar – etwas passieren, vorübergehen(fliegen?). Wie ich denn jetzt auf diese Schnulze komme, fragt er. Ich weis nicht, vielleicht weil es einfach so schön ist, diese Landschaft, die Luft, der Condor hoch über uns im Azurhimmel. El Condor pasa, der Condor fliegt vorüber...

Unten am Rio Paine finden wir Pumaspuren, frische. Das vierte Element der Pampa hat sich uns offenbart, wenn auch nur als schemenhafter Abdruck im Sand. Pampagras ist das erste Element, es bestimmt definitiv wie viele Tiere hier leben können. Das Guanako ist das zweite Element im ewigen Kreislauf der Wildnis. Seit tausenden von Jahren durchzieht es die endlose Steppe, gebärt seine Jungen und gibt dem dritten Element, dem Puma, Nahrung. Dieser sorgt dafür, das el Condor, das vierte Element, Nahrung hat. Das eine kann ohne dem anderen nicht sein. Gemeinsam sind sie ein Ganzes, das aber weit mehr ist, als nur die Summe der einzelnen Elemente.
Am Abend verabschiedet sich die 12. Region von uns mit einem wohl vier Wochen abgehangenen, chilenischen Steak und einigen Flaschen „Tres Medaillas“. Chilenische Steaks gibt es in Deutschland nicht, 14 000 km Flug lohnen sich aber um sie kennen zulernen. Chilenischen Wein gibt es sehr wohl bei uns. Die meisten Sorten, die wir kennen, bekommt man auch in chilenischen Kaufhallen, in 2 l Pappkartons. Auch für den „wirklichen“ chilenischen Wein lohnt sich der weite Flug.
Jürgen verabschiedet sich herzlich von uns. Inzwischen haben wir auch seine Geschichte kennen gelernt. Er war mit zwei Freunden auf Weltumseglung. Das Boot lief in der Magellanstrasse auf Grund, wie so viele tausend Schiffe vor ihm. Jürgen schwamm an Land um Hilfe zu holen. Später blieb er beim Boot in Punta Arenas, während seine Freunde zu Hause die Versicherungsformalitäten erledigten. Nach einem Jahr kamen sie, ihn zu holen. Zu spät, Jürgen hatte geheiratet. Inzwischen ist er chilenischer Staatsbürger, wohlgemerkt der erste und einzige, der schwimmend nach Chile kam.
Ein erstklassiger Guide, der durchaus eine Bereicherung seines neuen Heimatlandes ist.

Puerto Eden und der Golf der Leiden

Nach dem Dinner nimmt uns die „Puerto Eden“, ein Linienfracht- und Fährschiff, an Bord. Die Reise sollte uns nach Puerto Montt führen. Durch die fast menschenleere, zerklüftete patagonische Fjordlandschaft. Entlang der unberührten Carretera austral, der größten Wildnisstrasse Südamerikas und des Campo de Hielo Sur, des gewaltigen südlichen Eisfeldes. Dabei handelt es sich um die größte Inlandvereisung der Welt außerhalb der Arktis (Grönland) und Antarktis.

Das Schiff ist ein etwas skurriler Kasten. Auf einem nicht benötigten Teil des Oberdecks ist einfach ein riesiger, einem Schuhkarton nicht unähnlicher, eiserner Kasten aufgesetzt. Darin befinden sich Kabinen, Sanitäreinrichtungen und eine Passagiermesse. Somit können neben tausenden Schafen auch ein paar Menschen mehr in den Genuss einer Reise durch die patagonische Fjordwelt gelangen. Die Schafe befinden sich in der Regel auf LKW´s, wenn sie nicht gerade zwecks Wiederbelebung heruntergeholt werden. Ab und zu ist die Wiederbelebung erfolglos und das Schaf machte im hohen Bogen seine letzte Reise über Bord. Ansonsten geht es recht lustig auf dem Transportdeck zu. Musik, das Lachen der Fahrer und das fröhliche Bellen von „el Perro“, dem Hund eines der Fahrer, der uneingeschränkter Chef auf dem Deck ist. Wir bekommen das bunte Treiben hautnah mit, da unsere Kabine direkt auf das Frachtdeck hinausführt. Zum Glück zieht der unvermeidliche Gestank nicht in die Kabine und auf den Oberdecks wird er von der allgegenwärtigen frischen Brise verweht.

Die Schiffsreise führt durch eine der kontrastreichsten Landschaften Lateinamerikas. Üppige, valdivische (nur in Chile vorzufindende) Urwälder wechseln mit wild zerklüfteten Gletscherlandschaften, die das Schiff scheinbar wie durch einen Zeittunnel in die Atmosphäre der letzten Eiszeit ziehen. Ständig wechselnde Lichtstimmungen unterstreichen diese phantastisch unwirkliche Landschaft. Tief hängende, grau-schwarze Wolken explodieren plötzlich in allen Farben des Regenbogens und das geheimnisvolle Grün der Urwälder spiegelt sich im Blau der Gletscherseen. Für uns Mitteleuropäer sind dies nicht vereinbare Gegensätze. Hier sind sie Wirklichkeit.
Begleitet wird das Schiff von tausenden Seevögeln. Riesige, Schwarzbraune Albatrosse umsegeln das Schiff wie Flugsaurier, gemeinsam mit Riesensturmvögeln und Chilenischen Raubmöwen. Im Wasser tummeln sich Kalifornische Seelöwen, gelegentlich schweben kleine Delphine elegant am Schiff vorbei. Dann plötzlich messerscharfe Rückenfinnen – eine Herde Schwertwale taucht backbords auf. Ehe ich sie erfasst habe, kommt schon der Ruf von steuerbord – große Wale! Ich packe den Photorucksack hektisch zusammen und bin fast enttäuscht, dass es „nur“ große Delphine sind. Fast so groß wie ein Orca- oder Schwertwal, zeigen sie kurz ihren dunkelgrauen Rücken und einen kleinen aber kräftigen Blasstrahl.
Einige Vogelschwärme, die auf dem Wasser schwimmen, fliegen nicht bei Annäherung des Schiffes davon, sondern tauchen sofort wieder ab. Erst zu Hause habe ich sie auf einem Dia identifizieren können – Magellanpinguine. Nun war klar, warum sie niemals weggeflogen sind.
Nach zwei Tagen Fahrt wird der Urwald immer üppiger im Grün und Gletscher sind seltener zu sehen. Wir passieren den Messier - Kanal, der an seiner schmalsten Stelle kaum 50 m breit ist. Im Schritttempo schiebt sich das Schiff Zentimeter für Zentimeter durch die von prachtvollem Regenwald gesäumte Enge.
Am frühen Vormittag erreicht die „Puerto Eden“ Puerto Eden – eine malerische, traumhaft schöne Bucht am Ende eines kleinen Archipels im Messier – Kanal.
Eine Siedlung aus Holzhäusern hebt sich am Ufer aus dem üppig blühenden Fuchsienbuschland ab. Dazwischen Südeichen und Andenzypressen. Einfach schön, eben Puerto Eden!
Als wir beim Landgang den ersten Menschen begegnen hat sich die Vorstellung von „Eden“ sehr schnell verflüchtigt. Die Männer tragen sorgenvolle Blicke zur Schau, wobei es ganz offenkundig ist, worin ihre Sorge besteht, nämlich wie sie schnellstmöglich an die nächste Flasche Schnaps kommen können. Den meisten Frauen scheint es auch nicht besser zu gehen. Insgesamt macht die Siedlung einen heruntergekommenen Eindruck.
Bewohnt wird sie von Nachkommen der Kaweshkar - Indianer, oder Alacalufe, wie sie von den Weißen genannt wurden. Reinblütige Kaweshkar gibt es nur noch eine Hand voll. Ganze sechs, ausnahmslos alte Leute, wohnen heute in Puerto Eden. Einst zogen ihre Ahnen mit dem Kanu, ähnlich wie die Innuit, auf Fisch- und Robbenfang. Heute, mal gerade 150 Jahre nach Erscheinen der ersten Weißen in dieser Gegend, verkörpern sie das ganze Elend der indogenen Völker Amerikas.
Ein ganz anderes Bild zeigen uns dagegen die Kinder des Dorfes. Aufgeschlossen, lustig und sehr geschäftstüchtig verkaufen sie kleine Handarbeiten oder handeln sehr pfiffig einen Dollar für ein Gruppenbild heraus. Das macht Hoffnung.
Nach zwei Stunden Aufenthalt geht die Reise weiter.
Pünktlich 16.00 Uhr werden die Passagiere darauf hingewiesen, dass die Tabletten gegen Seekrankheit eingenommen werden sollen. In zwei Stunden fährt die „Puerto Eden“ in den „Golfo de Penas“ ein. Das klingt schön, ist es aber nicht für jedermann. Übersetzt heißt das „Golf der Leiden“. Um nach Norden zu kommen muss das Schiff die relativ ruhige Wasserstraße zwischen den Fjorden verlassen und auf das offene Meer ausweichen. Dabei durchfährt es eine der heimtückischsten Wasserstrassen der Welt, den Golf der Leiden. Hunderte Schiffe sind hier gescheitert, tausende Menschen in fürchterlichen Stürmen ums Leben gekommen. „Tolle Aussichten“, denk ich. Wenn es jetzt richtig zur Sache geht, was machen dann die vielen Schafe auf den LKW´s? Wenn denen allen schlecht wird, nicht auszudenken.
Am Ende ist die Überfahrt nicht ganz so schlimm, wie sie Klaus Bednarz in seinem Buch „Das Ende der Welt“ geschildert hat. Ich finde sie sogar richtig schön. Die Messe ist zum Dinner gähnend leer und ich kann ohne Probleme drei Portionen leckere Nudeln abfassen, was sonst kaum möglich wäre. Der Koch ist hocherfreut überhaupt etwas los zu werden. Er hat schon aus Erfahrung nur die Hälfte gekocht, rechnet aber aufgrund der relativ ruhigen See doch mit mehr Essern. Auch nach dem Rotwein muss keiner anstehen.
Vom Oberdeck können alle, die dazu in der Lage sind, noch ein tolles Schauspiel in der untergehenden Sonne erleben. Große Wale, vermutlich Buckelwale! Sie spielen regelrecht in der Dünung, halten sich aber in respektvoller Entfernung vom Schiff, so dass ein gutes Foto nicht möglich ist. Es gibt Dinge, die man nicht fotografieren kann, weil man die Stimmung nicht einfangen kann. So habe ich es einfach genossen diese herrlichen Tiere beobachten zu dürfen, fast alleine, ohne meinen Platz an der Reling gegen Drängler behaupten zu müssen.

Nach vier Tagen hat uns die „Puerto Eden“ zehn Breitengrade oder 1250 km nach Norden gebracht. Hier beginnt das Land der Mapuche - Indianer. Jenes Volkes, welches den Spaniern die Südgrenze ihres Reiches aufzwang und von dem heute noch ca. 150 000 Angehörige in Chile leben. Hier verblasst Magellans Aura zunehmend, dafür ist der Geist tausender Desperados, die nach ihm kamen, in diesem Landesteil Chiles um so lebendiger.
In Puerto Montt schiffen wir uns am frühen Morgen aus und reisen weiter nach Puerto Varas, einem beschaulichen, gemütlichen Städtchen am südlichen Ende des Lago Llanquihue. Vom Ufer des Sees bietet sich ein grandioser Blick auf den Vulkan Osorno (2652 m). Im Westen erhebt sich der Calbuco (2003 m).

In den nächsten Tagen lernen wir die zwei aktiven Vulkane näher kennen und können sie aus ganz verschiedenen Perspektiven bewundern.
Verschiedene Exkursionen führen uns durch valdivischen Urwald, der von bis zu dreitausend Jahre alten Alerce – Bäumen besiedelt wird. Auch prachtvolle, herrlich skurrile Ulmen mit den schönsten Blüten, die ich je an Bäumen gesehen habe, stehen an den Rändern der Urwälder. Diese sind von kleinen Flüssen durchzogen, z. B. dem Rio Blanco, der sich an einer Stelle spektakulär als Wasserfall durch das Grün des tropisch anmutenden Regenwaldes in eine tiefblaue Lagune stürzt. Farben, Farben, Farben...!
In einem der vielen Flüsse, die oft nur auf Seilen überquert werden können, löste sich auch eines der schwerwiegendsten Probleme der ganzen Reise. Zwei aus unserer Gruppe hießen Klaus. Alle Versuche die Kläuse mit einem Pseudonym oder Zusatz zu versehen, gingen daneben. Dicker und dünner Klaus war nicht wirklich treffend und groß waren sie beide. Dann fiel einer ganz einfach kopfüber in einen Bach und wir hatten einen trockenen Klaus und einen nassen. Sie blieben es bis zum Ende der Reise.
Das Seengebiet um Puerto Montt ist regelrecht gespickt mit Nationalparks. Z. B. dem Parque Nacional Alerce Andino mit seinen riesigen Alerce – Bäumen, das Reserva Nacional Llanquihue oder dem grandiosen Parque Nacional Vicente Perez Rosales, mit dem traumhaft schönen Lago Todos los Santos (Allerheiligen See) und den Wasserfällen Salto de Petrohe mit einem der schönsten Blicke auf den Osorno.
Diese Nationalparks zählen sicherlich zu den schönsten der Neuen Welt.

Wochen später krame ich zu Hause auf dem Dachboden ein uraltes Plakat aus einer Kiste. Ich habe es 1972 zu den Jugend-Weltfestspielen in Berlin von einem Chilenen geschenkt bekommen, den baldigen Putsch noch nicht ahnend. Was habe ich damals, was habe ich in den vielen Jahren danach über Chile erfahren? Nur Klischees, wie mir heute klar wird.
Jetzt erst verstehe ich, warum so viele Menschen ihr Leben für Chile aufs Spiel gesetzt haben. Der Einsatz des Lebens war dieses Land wert, denn es ist eines der schönsten unserer Erde.
Und ich verstehe jetzt viel besser als in meiner Schulzeit die Poesie Pablo Nerudas und neuerdings auch Gabriela Mistrals, jener Poetin, die in Patagonien ein paar einfache Gedichte niederschrieb, wie sie bescheiden sagte, über deren Kraft die Welt den Atem anhielt und ihr im Schicksalsjahr 1945 den Nobelpreis für Literatur zuerkannte.


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