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Georgien - Wandern im Kaukasus 2016

Wandern im Großen Kaukasus
Reisezeitraum: 03. bis 18.09. 2016
Ein Reisebericht von Thomas Billig und mitreisenden Wanderfreunden

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Auszugsweise berichte ich im Folgenden über diese Reise.

Dank eines gewonnenen Gutscheines bei den schulz-Reisetagen 2015 wurde mir die Wahl der nächsten Reise leicht gemacht. Zur Auswahl stand unter anderem Georgien. Mein Entschluss stand ziemlich schnell fest, dass es diesmal nichts Abenteuerliches, sondern Kultur, Geschichte und Natur werden sollte.

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1. und 2. Tag

Mit mehr oder weniger Flugpannen trafen alle Reiseteilnehmer im Hotel „Astoria“ in Tblissi ein. Nach einer ziemlich kurzen Nacht begann unser Programm gegen 10 Uhr morgens. Theo holte uns zur Stadtbesichtigung ab, die wir am Reiterstandbild vom Stadtgründer Wachtang Gorgassali mit der Metechi-Kirche aus dem 13 Jh. im Hintergrund begannen. Von dort aus konnten wir uns einen guten Überblick über die Stadt mit alten und neuen Sehenswürdigkeiten verschaffen. Bis Mittag waren wir in der Stadt unterwegs und besichtigten den Ort der Stadtgründung im heutigen Bäderviertel mit der Mosche und der Erinnerung-Statue mit dem Falken und dem Fasan. Dass Mineralquellen in Georgien allgegenwärtig sind, werden wir während unserer Tour noch bestätigt bekommen. Wir durchlaufen Gassen mit einem gewissen Charme, kommen am berühmten Tamada vorbei und lassen uns die Bedeutung des Tischredners an georgischen Tafeln erklären. Fehlen durfte natürlich nicht die für die christliche Geschichte des Landes so wichtige Sioni-Kathedrale, in der das Weinrebenkreuz der Heiligen Nino aufbewahrt wird. So viel lebendige Geschichte in einer Stadt, die auch noch so wegweisend für die weitere Entstehung dieses Landes ist, war sehr beeindruckend. Die Geschichte des Christentums sollte uns auf unserer weiteren Reise ein steter Begleiter sein.

Über die Georgische Heeresstraße, eine vergleichbare Verbindung wie in Europa die „Via Regia“, kommen wir in Mzcheta an und besichtigen die hoch oben auf dem Berg thronende Jvari-Kirche, die den UNESCO-Weltkulturerbe-Titel trägt. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf die ehemalige alte Hauptstadt mit der Dschwari-Kirche, der Swetizchovski-Kathedrale, den Zusammenfluss vom Mtkvari und Aragvi und der Georgischen Heeresstraße. Nach einer ausgiebigen Mittagspause besichtigten wir die zwei bedeutenden Kirchen im Ort aus dem 6. und 11. Jh. Danach machten wir uns auf den Weg über die Heeresstraße nach Gudauri, wo wir am späten Nachmittag in unserem Hotel eintreffen. Hier verabschiedet sich Theo von uns und wir treffen zum Abendessen unserem Reiseleiter für den Rest der Reise, Soso. Wir sind auf 2200 m.ü.M., es ist spürbar kälter als in Tblissi und es kommen dicke Regenwolken über die Berge, die für eine nasse Nacht sorgen.

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3. Tag

Die Wolken haben es nicht geschafft, sich über Nacht auszuregnen und so starten wir nass in den Tag. Die erste Wanderung führt uns ins nahe gelegene Chada-Tal. Ich bin erstaunt, wie grün die Bergwiesen hier oben noch sind. Es blüht und grünt in allen Farben und Formen, bunte Raupen des Wolfmilchspanners kreuzen unseren Weg. Hoch über uns nutzen zwei Bartgeier die Thermik des Morgens. Wir laufen über sanft geschwungene Bergrücken zu einem halb verfallenen ehemaligen Beobachtungsturm aus dem Mittelalter. Er diente als Teil eines ausgeklügelten Nachrichtensystems vergangener Zeiten. Am Tag sorgte Qualm und bei Nacht Feuer für die Information, dass der Feind nahte. Wir nutzen den Ort für eine Rast. Das Wetter wird immer besser und wir können die Regensachen endgültig einpacken. Durch seinen exponierten Standort haben wir einen herrlichen Blick auf das unter uns liegende Tal. Ab jetzt geht unser Bergweg nur noch talabwärts. Im Tal angekommen, legen wir an einer Schwefelquelle eine Rast ein. Der abfließende Bach aus der Quelle hat eine giftgelbe Färbung, die durch die Verbindung mit Luft zustande kommt. Praktischerweise hat man eine Tasse hingestellt, sodass wir eine Kostprobe nehmen können. Am Sandsteinfelsen in der Nähe der Quelle macht es sich eine Kolonie von Eidechsen in der Sonne gemütlich. Sie sind so mit dem Sonnenbaden beschäftigt, dass sie es nicht bemerken, wie sich mehrere Objektive auf einmal den possierlichen Tieren nähern und so formatfüllende Bilder fürs Fotoalbum gemacht werden können. Im Zielort Kwescheti machen wir die erste Begegnung mit den freilaufenden georgischen Schweinen und bestaunen die Strom- und Gaszähler, die auf massiven Stahlrohren angeschweisst sind und als Freileitungen die Straßen säumen. Solche Szenen werden wir noch öfter zu Gesicht bekommen.

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4. Tag

Der nächste Tag führt uns über die georgische Heeresstraße weiter nordwärts am 1983 erbauten Georgisch-Sowjetischen Freundschaftsdenkmal und am Kreuzpass 2395 m.ü.M. vorbei Richtung Kasbegi/Stephansminda. Weit vor dem eigentlichen Ort fallen uns die langen LKW-Warteschlangen auf. Soso erklärt uns, dass sich in 20 km Entfernung in der Daryali-Schlucht der georgische Grenzübergang nach Russland befindet und dass man zur Vermeidung von Staus und Verkehrschaos im Ort und auf den engen Strassen eine Blockabfertigung eingerichtet hat. So fahren immer nur so viele LKWs zur Grenze wie auch abgefertigt werden. Am Nachmittag haben wir die Straßenverhältnisse dorthin und die Situation vor Ort am Grenzübergang mit eigenen Augen beobachten können und waren positiv erstaunt, wie es unter diesen Bedingungen reibungslos funktioniert. Erschwerend zu der Infrastruktur kommt hinzu, dass die Schlucht immer wieder von Erdrutschen mit grossen Schäden heimgesucht wird. Das kaputte Wasserkraftwerk zeugte von der zerstörerischen Kraft der Natur.

Der Vormittag zeigt sich noch von seiner schönen Seite und so machen wir uns auf den Weg zu der hoch über dem Ort liegenden Zminda-Sameba-Kirche, 2170 m.ü.M. aus dem 14. Jh. Es gab wohl mal eine funktionierende Seilbahn, die aber schon lange nicht mehr in Betrieb ist. Taxi fahren wollten wir nicht und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg dorthin. Steil ist manchmal untertrieben, aber die Landschaft und Ausblicke entschädigten für die Strampelei. Oben angekommen, finde ich es ein wenig schade, dass die Taxis fast bis an die Kirche heranfahren können und nicht nur das Fotomotiv versauen, auch dass das Gelände durch die Fahrspuren so beackert wird, dass man sich auf die letzten Meter mehr auf den Weg bzw. Schlamm konzentrieren muss als auf das eigentliche Ziel und die grandiose Umgebung. An der Kirche angekommen, setzt der Regen ein, der uns an diesen Tag auch nicht mehr verlässt. So blieb uns leider auch der Blick auf den Kasbek für heute verwehrt. Wir sind umso dankbarer für die sehr informative Führung durch Soso mit seinen Erklärungen zur Geschichte der Kirche.

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5. Tag

Heute steht eine alpine Tour zur Tetu-Spitze (3276 m.ü.M.) auf dem Programm. Die Wolken an den Berghängen steigen aufwärts und neue sind nicht in Sicht. Die Kasbekspitze erstrahlt im herrlichen Weiß und macht uns Mut für die Wanderung. Mit 4x4-Autos fahren wir durch das Sno-Tal bis die Straße endet und wir im Dorf Dschuta unsere Wanderung starten. Als wir die ersten Hügel überwunden und das Dorf hinter uns gelassen haben, öffnet sich vor uns ein breites Bergpanorama mit den 3000ern Asatiani, Kameronil, Leonize und Javakhishvili im Hintergrund. Wir folgen nun dem Bachlauf und steigen immer weiter auf. Nach einigem auf und ab und etlichen Hügeln zeigt uns Soso auf der rechten Bergseite das Tagesziel: Die Tetu-Spitze. Sie sieht so unscheinbar aus, hat es aber in sich und ist ein Gipfel, der erarbeitet werden will. Die letzten 70 Meter bestehen aus einer Schutthalde von losem Schiefer. Gleichgewicht und keine Angst vor Steilhängen sollte man beim Besteigen des Gipfels besitzen. Erstaunlich bei dieser Bergtour war die vielfältige Flora und Fauna. Unzählige Schmetterlinge und Insekten finden sich auf allen möglichen Blüten und sogar auf 3100 m.ü.M. finden wir blühende Orchideen. Als wir endlich auf dem Gipfel stehen, sind all die Mühen der letzten Stunden vergessen und als Soso noch eine Flasche Gipfelschnaps „Tschatscha“ aus der Jacke zaubert, freuen wir uns nur noch über die wunderschöne Umgebung.

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6. und 7. Tag

Wir verlassen die Heeresstraße und fahren über Ananuri, Uplisziche und Gori nach Kutaissi. Unterwegs besuchen wir Wehrkirchen und 2000 Jahre alte Höhlenstädte, die man in Sandsteinfelsen geschlagen hat. Wir besuchen das von König David im 12. Jh. gegründeten Gelati-Kloster mit der damals über die Landesgrenze hinaus bekannten Akademie und sind beeindruckt, dass er sich nach seinem Willen im Boden des Haupttores hat beerdigen lassen. Wir machen Halt am gewaltigen Enguri-Staudamm, dessen Quellbach wir bei einer späteren Wanderung zum Schchara-Gletscher bei Uschguli zu Gesicht bekommen sollten. In Gori fahren wir zu einer parkähnlichen Anlage, in der man einen Säulenpavillon über dem Geburtshaus von Josef Stalin errichtet hat. Der Generalissimus steht als Denkmal zwischen dem Gebäude und dem Museum. Der gepanzerte Waggon, mit dem er durch das Land gereist ist, ist auch zu besichtigen. Zu guter Letzt hat man auf der anderen Straßenseite ein Einkaufscenter nach ihm benannt und die Aussenfassade mit seinem Konterfei versehen. Das soll einer verstehen …

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8. Tag

Wir kommen nach zwei anstrengenden Fahrtagen in Betscho/Swanetien an und als es ans Zimmerverteilen geht, stehe ich mit meinem Gepäck zum Schluss ohne Zimmer da. Es ist noch eine andere 12-er Wandergruppe im Haus einquartiert. Was nun? Die Hausherrin bespricht sich kurz mit Soso und wir laufen um das Haus herum in den Garten auf eine grüne Hütte zu. Ach ja, ich wollte schon immer mal wissen, was schulz aktiv reisen eigentlich mit „landestypischen Unterkünften“ meint. Ich sollte nach der ersten Nacht in das eigentliche Hotel umziehen, habe mich aber gewehrt. Diese Hütte hatte eine Seele, nachts gingen die Türen auf, man hörte Geräusche ohne Erklärung und als der Haushund nachts vor meinem Fenster saß und stundenlang bellte und jaulte, fühlte ich mich irgendwie wohl. Mein Zimmer war kein Zimmer, sondern eine Abstellkammer und erst die Matratze … aber my home is my castle!
Die Wanderung zum Uschba-Gletscher mit seinen Wasserfällen führte uns am Anfang über einen Fahrweg an einem ehemaligen Ferienlager aus Sowjetzeiten vorbei, dass seine beste Zeit auch schon hinter sich hat. Wir kamen an einem Grenzkommandocamp vorbei, das sich um die immer noch existierenden Schmugglerpfade im nahen Grenzgebiet zu Russland kümmert. Als uns eine Herde von über 30 Rindern auf einem schmalen Waldweg begegnet, geben wir freiwillig den Weg frei, Widerstand ist zwecklos. Die nachfolgenden Bachüberquerungen und einige Klettersteige sind mit Hilfe der Gruppe untereinander ohne große Schwierigkeiten zu bewältigen. Ich habe das Gefühl, dass sich die Wasserfälle immer weiter entfernen und wir nicht wirklich vorwärtskommen. Das ist aber ein Trugschluss. Nach einigen Steilhängen und Serpentinen kommen wir an dem großen Wasserfall an, der unser Mittagsrastplatz ist. Der Panoramablick auf den Gletscher und die Uschba-Spitze ist so sensationell, dass keiner wirklich das Bedürfnis verspürt, die hundert Meter bis zum Gletscher zu laufen. Der Platz ist gut und so werden einige Gruppenfotos gemacht, bevor wir uns auf den Rückweg machen.

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9. bis 11. Tag

Für die nächsten drei Nächte wechseln wir nach Mestia, das so etwas wie ein Verwaltungszentrum von Swanetien ist. Auf der Fahrt dorthin rücken immer mehr Wehrtürme, die Wahrzeichen der Region, ins Blickfeld. Neben futuristischen Verwaltungsgebäuden, prägen noch über 40 Wehrtürme aus dem Mittelalter verschiedenen Bauzustandes das Ortsbild. Da wir vormittags eintreffen und die Zimmer noch nicht gerichtet sind, wandern wir durch den Ort zu der 2140 m.ü.M. gelegenen Aussichtsplattform. Das Wetter ist mittlerweile sommerlich mit Temperaturen von 25 bis 29 °C, so dass wir ganz schön ins Schwitzen kommen. Wolken lassen sich nur morgens blicken und sind im Verlauf des Vormittags verschwunden. Dieses Wetter begleitet uns fast bis zur letzten Tour der Reise. Von der Plattform aus hat man einen perfekten Blick auf die umliegenden Gipfel und deren Gletscher. Die Wanderung am nächsten Tag zum Tschaaladi-Gletscher, der vom Uschba-Gipfel herunterfließt, kommt mir wie ein Spaziergang vor. Bis zur Brücke über den Fluss Mestiachala führt eine Fahrstraße, die eifrig von 4x4-Fahrzeugen genutzt wird, die uns immer wieder in Staubwolken hüllen. An der Brücke ist aber Schluss mit Autofahren. Zu unserer Freude gibt es eine Kaffeebude, die auch Bier und andere Getränke anbietet und wir legen erst einmal eine Verschnaufpause ein, um die Kehlen zu befeuchten und zu entstauben. Die Brücke sieht zwar sehr rustikal aus und würde in Deutschland den TÜV Süd auf den Plan rufen, aber was soll es, die recht zahlreichen Touristen, die das gleiche Ziel haben wie wir, gelangen wie wir ohne Schaden über den Fluss und nach einigen Biegungen finden wir einen schönen Rastplatz am Grund der Endmoräne des nahen Gletschers. Soso hatte uns am letzten Abend den Vorschlag gemacht, dass er gegen einen kleinen Obolus Fleisch für Schaschlik besorgt und er in der Zeit, wo wir zum nahe gelegenen Gletscher laufen, sich um das Feuer kümmert. Gesagt – getan, unterwegs wurden Spieße aus Weiden geschnitzt und am Rastplatz sammelten wir Holz für das Feuer zusammen und machten uns anschließend auf den Weg zum Tschaaladi-Gletscher, der auf 1737 m.ü.M. liegt. Über ein breites Geröllfeld gelangen wir zu dem imposanten Gletschermund, von dessen Wand ständig Geröll und Eis abbricht und der ein sehr dekoratives Fotomotiv bietet.
Die dritte Wanderung führte uns heute in ein Seitental von Mestia. Hier wird der Skitourismus sichtbar, der sich entwickelt. Auf Lagerplätzen entlang lagerten Technik und Sessellifte, die für die Betreibung der Pisten benötigt werden. Wir überqueren einen der zahlreichen Flüsse und laufen am Hang zum Dorf Mulachi hinauf. Er ist noch sehr mittelalterlich geprägt mit seinen Wehrtürmen und Häusern. Das Ortsbild wird leider von blauen und roten Wellblechdächern und architektonischen Spielerein beeinflusst, die nicht so richtig hineinpassen wollen. Das Begrüßungskomitee, bestehend aus Kühen und Schafen, blickte uns erstaunt entgegen. Touristen sind wohl hier noch nicht so häufig? Zwischendurch werde ich noch meine Basecaps an zwei Jungen los, die auf einem abschüssigen Weg sich gegenseitig das Fahrradfahren beibringen. An ihrem Elternhaus angekommen wird die schicke Kopfbedeckung der Mutter und der Schwester präsentiert und die Schwester bekommt auch eine. Die Mutter möchte nicht mit aufs Bild, hat aber nichts dagegen, dass die Kinder mit mir auf dem Foto verewigt werden. Danke. Vorbei an Resten von ehemals stolzen Türmen und durch einen Erdrutsch geschädigter Bausubstanz geht es fast gerade immer weiter, streckenweise begleitet von weidenden Rindern, Richtung Mestia. Das letzte Stück geht recht steil bergabwärts und wir beneiden nicht die jetzt immer mehr werdenden, uns entgegenkommenden Wanderer. Der Nachmittag wird von uns für einen Besuch im Ethnographischen Museum genutzt. Soso übernimmt die Führung und erklärt uns die Geschichte Swanetiens anhand der originalen Exponate, Bibeln, Gewänder und Schmuckstücke. Die ausgestellten Dinge sind in besserem Zustand als das Museum selbst, das übrigens das zweite seit 2004 ist. Das erste musste 2011 wegen Baufälligkeit geschlossen und abgebrochen werden …

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12. und 13. Tag

Wir fahren heute zum eigentlichen Höhepunkt dieser Reise, nach Uschguli, das auf 2200 m.ü.M. liegende Dorf, das als eines der höchstgelegenen und dauerhaft bewohntesten Dörfer Europas bezeichnet wird. Das einzigartige, aus fünf Ortsteilen bestehende Ensemble, gegründet im 6. Jh. beeindruckt durch die 46 erhaltenen Wehrtürme aus dem 8. bis 12. Jh. Aus diesem Grund erhielt der Ort 1994 von der UNESCO den Weltkulturerbe-Titel.
Weit vor dem Ort steigen wir aus den Fahrzeugen und laufen an den mehr oder weniger geradestehenden Wehrtürmen vorbei in das Dorf hinein. Wir besichtigen gemeinsam die Lamaria-Kirche aus dem 12. Jh. Auf der Wiese hinter der Kirche wurde 1557 Fürst Puta Dadeshkeliani von mehreren Stammesältesten mit einem Gewehr, an dem mehrere Seile angebracht waren, erschossen, als er versuchte, sich den Ort einzuverleiben. Sein Gewand wird heute noch in der Kirche aufbewahrt. Der Innenraum ist nicht groß, aber die Malereien und Ausstattungen sind spektakulär. Da wir mittags ankommen, haben wir für den Rest des Tages reichlich Zeit, den Ort auf eigene Faust zu erkunden. Der Besuch in einem von der 82-jährigen Großmutter und ihrer wesentlich jüngeren Enkeltochter betriebenen Café im angrenzenden Gartenhäuschen wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Der Besuch einer Schweinefamilie im Garten auf der Suche nach verwertbaren Resten war dann schon fast normal für uns, da hier Nutztiere zum Ortsbild gehören wie bei uns Hunde und Katzen. Am Abend zog ein Gewitter über den Ort, das durch die Wolken und den Regen eine sehr mystische Stimmung erzeugte. In der Nacht gab es starken Regen. Der nächste Morgen begann zunächst mit prächtigem Sonnenschein, doch war es spürbar frischer geworden als bei unserer Ankunft. Die tiefhängenden Wolken über den Bergen konnten uns aber nicht davon abhalten, hinauf zu dem ca. 9 Kilometer entfernten Gletscher der Schchara-Südwand zu wandern. Wir folgen dem noch jungen Enguri, der vom Gletscher gespeist wird. Am Anfang der Reise standen wir staunend an der Staumauer des 30 Kilometer langen Enguri-Sees und nun können wir noch durch sein Bachbett zu Fuß laufen bzw. von Stein zu Stein über den Bach springen.
Bauern aus dem Ort fuhren zu ihren Wiesen, um die sehr zahlreichen Heuschober ins Dorf zu fahren, überall an den Hängen wurde eifrig gearbeitet. Es war kein schwieriger Weg, man musste nur wissen, wo es langgeht. Dank Sosos guter Ortskenntnis standen wir pünktlich zur Mittagsrast in der Nähe des Gletscherfußes. Die restlichen 100 m zum Gletscher ließen wir ausfallen, da der einsetzende Regen und die immer tiefer liegenden Wolken kein gemütliches Verweilen dort oben prophezeiten. So traten wir nach dem Mittag den Rückweg in den Ort an. Da unsere Fahrer das Gepäck schon verladen hatten und am Ortsausgang auf uns warteten, hatten wir noch etwas Freizeit und Zeit für einen Kaffee. So kehrte ich in das Café vom 1.Tag ein, auch deswegen, da ich von dort einen Blick auf den Treffpunkt unserer Abfahrt hatte. Die Schweinefamilie hatte heute wohl ein anderes Café auf den Plan und so verlief meine Pause ohne „Sauerei“. Die Fahrt zurück nach Mestia über die Buckelpiste forderte wieder das ganze Können unseres Fahrers.

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Die Anfahrt auf der 45 Kilometer langen sowie 2 Stunden und 20 Minuten dauernden Strecke war schon ein Abenteuer für sich und ist nicht unbedingt etwas für Leute mit Problemen an den Bandscheiben oder Gelenken … Ich hoffe, dass für die kaputte Planierraube, die wir unterwegs gesehen haben, so schnell kein Geld für eine Reparatur vorhanden ist. Denn wenn erst einmal die Straße europäischen Standard hat und die jetzt schon recht zahlreichen Touristen nicht nur mit Montainbikes, Geländewagen und Motorrädern in den Ort kommen können, sondern schnell und bequem mit Reisebussen anreisen, ist die Frage, wie lange das der Ort vertragen kann. Es gibt bis heute keine funktionierende Abwasser- und Abfallentsorgung. Es geht sprichwörtlich alles den Bach hinunter. Bis jetzt schwimmen noch Fische im Oberlauf des Enguri. Ich kann ja verstehen, dass die Bewohner vom aufkommenden Tourismus profitieren möchten. Muss denn aber inmitten der historischen Bausubstanz ein Hotel in einem Baustil errichtet werden und mit einer Farbe gestrichen werden, die überhaupt nicht zur angrenzend Bebauung passt? Wozu benötigt es eine schrille neonfarbene Leuchtreklame am Dachgiebel, wo rundherum die alten Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes in Schutt und Asche zerfallen? Es werden Dächer mit schrillen roten und grünen Wellblechen gedeckt, dass es weh tut. Parabolspiegel zwischen Einsturzgefährdeten Wehrtürmen. Schlimmer geht es wirklich nicht. Meine Befürchtung besteht darin, dass, wenn man die Balance zwischen Alt und Neu nicht findet, das Ortsbild so verschandelt wird, dass dann nicht mehr der Reiz besteht, den Ort aufzusuchen. Der Ort und die Umgebung haben es gar nicht nötig, dass das, was in der westlichen Welt "in" ist, hier 1:1 umgesetzt wird. Deshalb frage ich mich, warum, wenn es sie gibt, eine Baukommission oder gar die UNESCO-Kommission selbst nicht auf solche Bausünden reagiert? In Dresden hat man es ja schließlich auch getan.

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14. und 15. Tag

Nun war unser Abenteuer Swanetien beendet und wir fuhren über Kutaissi und Sugdidi zurück nach Tblissi. Auf dieser Fahrt erlebten wir das volle Programm der georgischen Autobahnen, nach dem Motto „Der Stärkere gewinnt“. Die Presslufthupe unseres Fahrers war ständig im Einsatz. Überholt wurde immer und überall, egal ob rechts oder im Gegenverkehr. Tiere aller Art waren ständige Besucher der Strecke, erstaunlicherweise sahen wir keinen einzigen Unfall auf der Fahrt. Ins Staunen kamen wir in der Schrauberstraße in der Nähe von Kutaissi. Autotypen aller Art stapelten sich als Skelett oder in ihre Bestandteile zerlegt neben oder auf den Gebäuden. Nun wissen wir auch, wo die ganzen Kfz landen, wenn wir in der Zeitung lesen: „Suche Kfz aller Art. Km, Zustand, TÜV alles egal, zahle bar.“
In Sugdidi legten wir noch einen Zwischenstopp für den Besuch des Dadiani-Fürstenpalastes ein. Die Abfahrt in Kutaissi verzögerte sich um eine Stunde, da unser Mercedesbus nicht anspringen wollte. Aber in einer Schraubergegend wie dieser ist das kein Problem. Per Handy organisierte unser Fahrer Hilfe und wir besuchten in der Zwischenzeit die nahe gelegene Bagrati-Kathedrale (erbaut 973 bis 1049). Die Osmanen, Türken und russischen Besatzer hinterließen von dieser Kirche nur noch eine Ruine mit einem Haufen Steinen. Die Bildertafel zeigt die Restaurationsarbeiten von 1900 an bis heute. Aufgrund der Geschichte des Ortes und der Kirche verlieh die UNESCO diesem Bau den Weltkulturerbetitel. Von außen wirkte die Kirche schon sehr beeindruckend. Im Inneren war die Renovierung noch nicht abgeschlossen und man sah Altes und Unfertiges sowie Neues einträglich nebeneinander. Als wir auf dem Weg zurück zum Hotel waren, kam uns unser Bus entgegen. War wohl doch nicht so schlimm und wir kamen noch ein wenig in den Genuss von Kultur und Bildung.

Am frühen Nachmittag des 15. Tages kamen wir in Tblissi an und da noch genügend Zeit war, machten wir uns in Gruppen auf den Weg in die Stadt, um auf eigene Faust das zu erkunden, was uns am 1. Tag neugierig gemacht hat. Bianca, Ralf und ich fuhren mit der Seilbahn hoch auf den Berg zur „Mutter Georgien“. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf die gesamte Stadt. Zu Fuß stiegen wir in die Stadt ab und erhaschten so manchen Blick hinter die Kulissen, welche so in keinem Reiseführer zu finden sind. Beeindruckt haben mich junge Damen einer Hochzeitsgesellschaft, die mit ihren High Heels versuchten, über das historische Pflaster zu gelangen. Einzeln war es schwierig, so hakten sich die drei Damen ein und schafften es unfallfrei über diese Stolperstelle. Die Damen selbst getraute ich mich nicht zu fotografieren, da ihre Begleiter muskulös und sportlich aussahen und ich am letzten Tag meine Gesundheit und Kamera nicht gefährden wollte. So traute ich mir einen Schnappschuss nur von weit weg und von hinten. Die Rückfahrt mit dem Taxi gestaltete sich noch ein wenig abenteuerlich, da der Taxifahrer nicht bereit war, die Visitenkarte genau zu lesen. Wir wollten ins ASTORIA-Hotel neben dem Sportstadion. Man muss wissen, dass es drei ASTORIAS gibt. Wir bemerkten bei der Abfahrt, dass er die falsche Richtung wählte. Bianca gab mir die Stadtkarte und ich wollte ihm mit der Visitenkarte nochmal unser Ziel erklären. Er war aber beratungsresistent. Jaja ASTORIA, alles klar. Nichts war klar. Am ASTORIA I angekommen, wollten wir nicht aussteigen. Er wollte es nicht verstehen. Nun drückte ich ihm die Karte vor die Nase und er setzte sich die Brille auf und las nun genau, wo wir hinwollten. ASTORIA, wo? Kennt er nicht. Nun telefonierte er wenigstens mit unserer Rezeption und siehe da, nun stimmte auch die Richtung. Mit einem Affenzahn flitzte er nun über die Straßen und ließ uns kurz vor dem Ziel aus dem Auto. Er war bedient, wir hatten ein Erlebnis gratis.

Den Abend verbrachten wir noch in einem netten Lokal mit regionalen Köstlichkeiten und ließen die Reise Revue passieren. Die Nacht wurde kurz, da nach Mitternacht die ersten von uns zum Flughafen aufbrachen. Diese Reise kann ich jedem empfehlen, der sich für Natur, Berge, Kultur und Geschichte interessiert. Auf den Wanderungen durchstreiften wir Gebiete, auf denen uns keine Touristen begegneten. Hungrig musste auch niemand ins Bett. Die Tische bogen sich förmlich unter der Last der leckeren Speisen. Ich persönlich kann die Eierpfannkuchen (Plinsen) zum Frühstück wärmsten empfehlen.

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Die Reise wurde dank unseres Reisleiters Soso und des Fahrers Kwetchi für uns zum Erlebnis. Jeden Morgen stand Soso am Frühstückstisch und erkundigte sich nach unserem Befinden und wollte sogar Honig im nahen Laden kaufen, weil der im Hotel alle war. Es wurden Wanderungen und Ausflüge getauscht wegen des Wetters oder des Zeitplanes. Er machte Vorschläge immer zugunsten der Reisenden, was wir als sehr angenehm empfanden.
Der Bus war immer blitzblank geputzt, der Teppich von Kuhmist gereinigt, Wasser ausgeteilt, die Presslufthupe immer einsatzbereit und liegengebliebene Gegenstände gelangten zum vergesslichen Reisegast.

DANKE, im Namen aller Mitreisenden dieser Reise

Wandern im Großen Kaukasus
Reisezeitraum: 03. bis 18.09. 2016
Ein Reisebericht von Thomas Billig und mitreisenden Wanderfreunden

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